Führungstipps aus Mittelerde

Magier-Management

Was kann man vom "Herrn der Ringe" über Macht und Unternehmensführung lernen? Eine ganze Menge, meint Buchautor Harri V. Hietikko. MARCUS SCHUSTER

Es gab ja bei den auf dieser Seite vorgestellten Management- und Karrierebüchern schon viele unterschiedliche Analogien, geniale wie krude. Doch so weit hergeholt wie das Denkmodell Harri V. Hietikkos dürfte bislang noch keines gewesen sein.

Das muss nicht von Haus aus schlecht sein. In seinem Buch "Management by Sauron" (Vahlen, 195 S., 19,80 Euro), das jetzt auf Deutsch erschienen ist, analysiert Hietikko – Sie ahnen es – "Führungskonzepte aus Mittelerde". Geht es nach dem finnischen Unternehmensberater, kann man sich bei der erfolgreichen Saga "Herr der Ringe" viele "Konzepte von Macht, Führung und dem Umgang mit Risiko in Form der ständig drohenden Zerstörung" abschauen. Nicht nur beim titel­gebenden Bösewicht Sauron, sondern auch bei den anderen Charakteren, die Tolkiens Universum bevölkern. Da wird dann Gandalf zum Trainer und Frodo zum Projektleiter. Narzisstische Chefs treffen auf selbstlose Untergebene. Abteilungsleiter herrschen nach unten und buckeln nach oben, hin- und hergerissen zwischen Sadismus und Masochismus. Und dann sind da noch all die sonstigen Tyrannen, Verräter oder auch Ehrenmänner.

"Die Aufgaben und Herausforderungen, denen sich die Figuren stellen müssen, gleichen denen in der alltäglichen Führungspraxis", heißt es in der Verlagsmitteilung. "Die Beschlussfassung angesichts zahlreicher Alternativen, die Verantwortung für die Folgen, Bündnisse und Zerwürfnisse, Motivation und der Umgang mit stetigem Wandel." Zwar kämpfen wir heute statt mit Schwertern am Computerbildschirm. Doch viele archaisch-zeitlose Fähigkeiten, etwa sich in den "Gegner" hineinzuversetzen, Vertrauen aufzubauen oder zu motivieren, sind im Büro genauso wichtig wie auf dem Schlachtfeld der Fiktion.

Nach einer allgemeinen Einführung in die Fantasyliteratur erörtert Hietikko in den vier Hauptkapiteln Macht, Führerschaft, Hoffnung und Untergang die besagten Motive zunächst im tolkienschen Kontext (stellenweise etwas zu intensiv, sodass vor allem glühende Fans auf ihre Kosten kommen dürften). Wo es passt, zieht er Parallelen zu Führungstheorien aus verschiedenen Jahrzehnten, zu philosophischen Ansätzen, zu ökonomischen Theorien und zu literarischen Quellen abseits von "Herr der Ringe".

Der von ihm angestrebte "Dialog zwischen Realität und Fantasie" gelingt leider nur selten. Hietikkos Schlussfolgerungen sind oft entweder sperrig oder zu wenig greifbar: "Ein probater Weg, die Zukunft vorherzusagen, ist es, sie selbst zu schaffen." Oder: "Macht schert sich nicht um Titel, Gehaltsklassen oder Berufsjahre. Sie ergibt sich dem ersten Initiator, der nach ihr greift." Natürlich, das ist lupenreiner Manager-Motivations-Sprech. Aber ist das neu?

Der Autor betont, dass es ihm nicht um Führungstricks und Anekdoten geht. Er wollte ein "Zauberbuch" schreiben, "das erst in den Händen des Lesers seine Kraft entfaltet". Wem dies gelingt, der kann zu einem "Magier-Manager" werden, "also einer Führungskraft, welche die eigenen Handlungsweisen versteht und lernt, unterschiedliche – bei Bedarf sogar gegensätzliche – Führungstechniken zu verwenden".

Für die vielen Tolkien-Jünger da draußen, die durch das Revival der Jahrtausendwende mit den Kinofilmen geprägt wurden und die heute vielfach Führungspositionen bekleiden, mag das Buch im handschmeichelnden Leinen- und Echtkork-Einband eine Bereicherung sein. Wer im "Herrn der Ringe" allerdings nur eine – wenn auch außergewöhnlich – spannende und facettenreiche Erzählung sieht, wird mit klassischen Management-Ratgebern besser bedient sein. Andererseits: Es liegt im Trend, Figuren und Erzählmotive der Popkultur zu abstrahieren und Erkenntnisse daraus für alle nutzbar zu machen – von den Karrierelektionen eines Walter White ("Breaking Bad"), die das "Forbes"-Magazin einst veröffentlicht hat, über Management-Tipps bei "Star Wars" bis hin zu wirtschaftswissenschaftlichem Know-how, das wir von den "Simpsons" lernen können. Am Ende sind Fantasie und Realität eben doch Geschwister im Geiste.

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