Gastspiel im Börsenblatt-Spezial "Sachbuch & Wissen"

Lesende Landschaftsmaler

Bücher über Naturthemen treffen offenbar einen Zivilisationsnerv. Ihre Autoren nehmen die Leser auf eine Reise mit, auf der sie selbst die Natur schöpferisch erschließen können. Reflexionen von Meike Rötzer, Lektorin im Verlag Matthes & Seitz, Berlin.

Meike Rötzer

Meike Rötzer © Julia von Vietinghoff

Warum werden mehr und mehr Bücher über Vorgänge in der Natur nachgefragt und gelesen? Diese Frage stellt man uns als Verlag der von Judith Schalansky herausgegebenen »Naturkunden« immer wieder, besonders seit Bücher über Natur in fast allen Verlagsprogrammen auftauchen. Um eine Antwort zu finden, geht man am besten direkt zur Quelle und liest die Autoren des Nature Writings, die sich die Freiheit nehmen, aufzubrechen, wohin sie wollen. Lesend beschreiten wir mit ihnen Wege (und Irrwege), die wir selbst nie eingeschlagen hätten – sei es mit Robert Macfarlane in die lebensgefährlich vereiste Sackgasse des Himalaya oder mit J. A. Baker Auge in Auge mit dem Wanderfalken über die Heidelandschaften Südenglands. Wenn der derzeit wohl bedeutendste Naturschriftsteller Macfarlane dazu aufruft, eine persönliche »Karte der Wildnis« aus nur uns wichtigen Orten in der Landschaft zu erstellen, ziehen wir nach der Lektüre wachen Auges los, überrascht, was wir zu sehen lernen, und verorten uns in der mitunter beängstigenden Weite der Landschaft.

Durch die Lektüre dieser Texte haben wir teil am Staunen ihrer Autoren, sie eröffnet uns einen liebenden Blick auf die Welt: das angeschwemmte Treibholz und das freimütig blökende Schaf werden plötzlich zum Ereignis. Der eigene Schritt in eine menschenleere Landschaft unterscheidet sich ganz wesentlich vom Schritt auf die Straße, wo uns der Blick des anderen festlegt. »Die Seele betrachtet, sie überprüft nicht!«, meint Thoreau, und es ist jene offene Hinwendung zu jedem eigenwilligen Text, dieselbe Wertschätzung, mit der Judith Schalansky und Pauline Altmann die Gestaltung der Bücher sorgfältig abwägen und unermüdlich infrage stellen.

"Durch die Lektüre dieser Texte haben wir teil am Staunen ihrer Autoren."

Die angelsächsische Literatur ist Vorreiter: Auf der Suche nach einem Namen für den »Preis für Nature Writing« kamen wir immer wieder auf den englischen Begriff zurück. Hier wird »Natur geschrieben«, wie ein Bild gemalt oder Essen gekocht wird. Bei seiner Lektüre legt der Leser zudem ein Gedächtnis der Naturerfahrung an, er wird aufmerksam auf noch so kleine Details, auf all die Vorgänge von Werden und Vergehen, deren Teil wir sind. Es ist schlicht beglückend, unverhofft ein lesender Landschaftsmaler zu werden!

Für mich ist einer der größten Naturschriftsteller Jean-Henri Fabre – Victor Hugo nennt ihn den »Homer der Insekten« – der am lebenden Objekt forschte und stundenlang in sengender Hitze den Skarabäus beim Rollen seiner Mistkugel beobachtete oder die Wespenlarve bei ihrem Erwachen ins Leben. Seine urteilsfreie Hingabe fordert uns auf, die richtigen Fragen zu stellen, die ihn selbst zu irrwitzigen Eigenversuchen mit giftigen Härchen einer Raupe trieben (die nicht vornehmen zu müssen der Leser dann doch ganz froh ist).

Die Beine zappeln oft beim Redigieren dieser Texte, losstapfen wollen sie! Auf weichen Moorboden treten oder neben Nan Shepherd die Berge hoch und »das Fleisch transparent laufen«. Als Leser aber dürfen wir am Platz bleiben, alle vermeintlichen Gewissheiten hinter uns lassen und uns aufmachen in den Wortwald, wo wir mit Wilhelm Lehmann über die große schwarze Raupe der Grasglucke staunen: »Wie in einer gelben Hängematte lag sie, leise an grüner Haut aufgehängt. Sie trägt das Weltall so gut wie ich.« 

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