Gastspiel von Hauke Harder

Die Torte wird kleiner

Nebenmärkte, in denen sich Bestseller und andere Bücher stapeln, machen dem Buchhandel zu schaffen. Die Verlage sollten ihre Vertriebspolitik überdenken, meint Sortimenter Hauke Harder.

Liebe Kollegen von den Verlagen, die sich angesprochen fühlen! Wir sind Buchhändler aus Leidenschaft. Wir lieben unseren Beruf und freuen uns stets auf die vielen neuen und tollen Bücher, die uns einladen, neue Welten zu erschließen. Wir haben durch die Literatur neue Freunde gefunden und vieles mehr. Im Frühjahr und im Herbst bearbeiten wir Ihre Vorschauen und lesen Leseexemplare, damit wir aus Ihren tollen Angeboten das Richtige für uns und unsere Buchhandlung finden. Unsere Kunden, die zum Stöbern kommen, mögen unsere Auswahl, die wir aus den unzähligen Neuerscheinungen getroffen haben. Die Kunden, die von uns beraten werden, mögen uns und unsere Leseeindrücke.
Viele Titel haben wir zu Bestsellern und mit Nachwirkung sogar zu Longsellern gemacht. Dies ist es, was wir lieben: die Freude am gedruckten Buch und das Gespräch mit Menschen, die Bücher lieben. Doch die Torte wird immer kleiner. Durch Schnelllebigkeit, Beliebigkeit und Ihre Vertriebspolitik. Das Buch ist nicht nur für die große Kriegerin aus dem Amazonas ein attraktives Handelsobjekt, sondern auch für viele Nebenmärkte. Das Sortiment soll durch Diversifikation attraktiver und umfangreicher werden. Meist werden diese Händler, große Lebensmittel- oder Drogerieketten, von Rack-Jobbern oder Grossisten beliefert. Das gab es schon immer, aber der Trend nimmt zu und die Bücher werden immer prominenter platziert und dekoriert. Meist sind es "Brottitel", dargeboten in großen Stückzahlen. Aber auch Regionales und Unbekanntes sowie Kinder- und Jugendbücher finden Platz, um eine größere Auswahl zu suggerieren. Für diese Händler und die Verlage ist es ein nettes Zusatzgeschäft: Mitnahmeartikel für den Spontankauf. Für uns minimiert es unser Haupt­geschäft. Denn wir leben auch von "Brottiteln". Oft sind es gerade die Bestseller, die erst durch uns dazu gemacht wurden.
Auch ist das Produkt für diese Märkte ein fremdes. Es wird nicht beraten, bestellt und es werden keine Inhalte vermittelt etc. Wir sind der vertreibende Buchhandel und haben eine his­torische, kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung. Wir vermitteln Ihre Titel und entdecken mit Ihnen neue Autoren. Nebenmärkte können nur die Lust auf neue Romane von Fitzek, Moyes oder Gregs Tagebücher befriedigen. Meist halten sich die buchhandelsfremden Händler auch nicht an Erstverkaufstage und somit wird die Torte wieder etwas kleiner …
Ihr Argument, in diesen Märkten würden andere Zielgruppen angesprochen, ist fraglich. Wer benötigt nicht Lebensmittel und Hygieneartikel? Wenn ich nebenbei auch den neuen Krimi mitnehmen kann, warum nicht? Auffällig ist, dass die Titel überwiegend aus großen Verlagen stammen. Kleine Verlage findet man in Nebenmärkten hingegen selten, wenn überhaupt. Diese Verlage, die sich auf den Buchhandel fokussieren, betreuen uns nicht nebenbei, leisten sich Reisende und Vertreter, die mit uns den Einkauf planen. Auch bekommen wir meist sogar bessere Konditionen von ihnen als von jenen, die sich groß in Nebenmärkten aufstellen. Also kann es keine Frage des wirtschaftlichen Überlebens für die Verlage sein.
Ich kann es nicht verhindern, dass Bücher überall angeboten werden. Aber ich kann Sie bitten, Ihre Vertriebspolitik zu überdenken. Sie als Verlag brauchen Menschen wie uns, die mit Leidenschaft über Ihre Titel sprechen und schreiben.

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7 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Pirandello1

    Pirandello1

    Was genau wollen Sie eigentlich sagen?
    Man möge nur noch kleinere, unabhängige Sortimente beliefern?
    Sie haben offenbar keine wirkliche Vorstellung davon, wie umsatzrelevant für viele Verlage diese, Ihrer Meinung nach, verzichtbaren Umsätze sind.
    Sie können zu Recht angemessene Konditionen erwarten, (die Sie wahrscheinlich auch erhalten), aber bitte sparen Sie sich solche moralischen Appelle und Belehrungen. Das ist nicht realistisch weil es den sich ständig ändernden Bedingungen nicht Rechnung trägt.
    Das kleine Verlage dort nicht stattfinden, wie Sie zu Recht bemerken, hat nun sehr viele Gründe. Allerdings sucht man die auch in kleinen Buchhandlungen mittlerweile oft vergebens.
    Der Kunde stimmt mit den Füßen (oder dem Mausklick) ab. Schön, wenn es ihn einem inhabergeführten Laden treibt, wo es hoffentlich eine tolle Auswahl und kompetente Ansprechpartner gibt. Durch verlagsseitige Sanktionen anderer Handelspartner hineintreiben, lässt sich der Kunde aber sicher nicht.

  • Hauke Harder

    Hauke Harder

    Sehr geehrte/r Pirandello1,

    eigentlich habe ich in meinem Text alles gesagt, was ich sagen wollte. Ich möchte nicht belehren. Ich wollte nur auf den von mir dargestellen Eindruck aufmerksam machen. Von Sanktionen war von mir nie die Rede. Ich bin Buchhändler aus Leidenschaft und habe aber lange in diversen Verlagen gearbeitet. Daher meine ich mir doch eine Vorstellung machen zu dürfen. Mein kleiner Aufsatz sollte lediglich zum Nachdenken anregen.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Hauke Harder

  • Der kleine Bücherheldt

    Der kleine Bücherheldt

    Lieber Hauke Harder, das ist mir so aus der Seele gesprochen! Vielen Dank für die ehrlichen Worte. Bei uns wurden z.B. im Supermarkt gebundenen lieferbare Harry Potter Bücher für 10 EUR angeboten, ohne Mängelkennzeichnung oder ähnliches. Das suggeriert dem Normalkunden natürlich, dass es beim Supermarkt um die Ecke Bücher sogar günstiger gibt als im Buchhandel. An den Erstverkaufstag halten sich allerdings leider auch nicht alle Buchhandlungen, so erlebt bei Gregs Tagebuch Nr. 9, welches ich Kunden vorenthalten habe, um nicht unfair zu sein, und im Nachhinein gehört habe, dass dieses Buch in einer anderen Berliner Buchhandlung bereits Kunden aktiv früher angeboten wurde. Ohne Worte. Der Verlag meint nur dazu, dass wir ja nicht vertraglich verpflichtet worden seien, also die Einhaltung des EVT auf der buchhändlerischen Ehre beruht. Tja, da kommt man schon ins Grübeln.

  • Christian Reichenbach

    Christian Reichenbach

    Lieber Herr Harder, anstatt sich über den Liebesentzug durch die Großen der Branche zu beschweren, sollten Sie lieber den Kleinverlagen wieder öfter eine Chance geben. Tipp: Wenn ein Kunde einen Titel von einem Kleinverlag bestellt, dann schauen Sie sich doch einmal das Verlagsprogramm an. Vielleicht gibt es da ja etwas zu entdecken, was Ihre Kundschaft ansprechen wird.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Christian Reichenbach,
    Belle Époque Verlag

  • Merfelle

    Merfelle

    @ Christian Reichenbach

    Gut gesagt und vom (stets jammernden) Buchhandel immer wieder unterschlagen. Gerne werden vom Buchhandel gut verkäufliche Titel (von großen Verlagen) bequem über das Barsortiment bestellt, weil man diese Titel ebenso bequem und schnell wieder remittieren kann. Titel aus Kleinverlagen fristen im Buchhandel immer mehr ein Nischendasein. Aber es paßt zum Buchhandel..... immer am krakeelen, der kleine Buchhandel hat Probleme, aber kleine Marktteilnehmer selbst nicht unterstützen. Wer im Glashaus sitzt....!

  • Miriam Debus a.k.a. prinzessinnenundraben

    Miriam Debus a.k.a. prinzessinnenundraben

    Lieber Buchhändler, der Sie Kleinverlage so sehr mögen,

    kennen Sie den Drachenmond Verlag? Schauen Sie mal auf dessen Facebookseite. Dort freuen sich gerade alle, weil sie nach 20 Jahren (in Worten: ZWANZIG! JAHREN!) Verlagsbestehen zum ersten Mal in Buchhandlungen ausliegen. Vielleicht ist da auch was für Ihre Buchhandlung dabei?

    Gut, vielleicht ist Fantasy oder allgemein Unterhaltungsliteratur nicht Ihre Richtung - ich weiß es nicht, ich kenne Sie ja nicht. Vielleicht ist dann der Birnbaum Verlag was für Sie? Das ist ein im Bereich Gegenwartsliteratur aktiver Kleinstverlag, der neben Romanen auch die literarische Gattung der Kurzgeschichte und Novelle hochhält.

    Oder die Kooperative aus Herzsprung Verlag und Papierfresserchen? Die hätte ich nie gefunden, hätten sie nicht eine Ausschreibung für eine Anthologie laufen, die in einem Schreibwettbewerb-Sammel-Blogpost gelistet wurde. Und genauso ist es mit dem Sadwolf Verlag, mit O'Connel Press, mit dem Ylva Verlag und all den anderen - gefunden übers Internet, gelesen bisher nichts davon. Die stehen auf der Wunschliste, während ich mal schnell den nächsten Tad Williams bei Thalia mitnehme. Weil: Der ist ja da. Von Selfpublishing-Büchern müssen wir gar nicht erst reden.

    Es ist schön, wenn Sie mit unabhängigen Verlagen zusammen arbeiten. Die Buchläden meiner Lebensrealität tun das nicht.

  • Daniela Haberkorn

    Daniela Haberkorn

    Der Artikel spricht mir aus der Seele! Ich fände es gut, wenn der Börsenverein als Vertreter des Sortiments und der Verlage auf dieser Schiene tätig würde!
    Alles fixiert sich auf "Amazon" - die armen Verlage werden unter Druck gesetzt, dem Sortiment das Geschäft geklaut - stimmt auch nach Zahlen, zum Teil. Aber dem deutschen Buchhandel ginge es meiner Meinung nach wesentlich besser, wenn Verlage und die Zeitungsbranche konsequent auf das Sortiment setzen würden.
    Das heißt online bei Verlagen, bei Literaturempfehlungen und Werbung in Zeitschriften etc. müsste es wie einst lauten: "finden Sie im örtlichen Buchhandel". Kein eigenes Online-Geschäft!
    Noch wichtiger aber: die Wertigkeit des Produktes Buch erhalten, indem ich es nur über den Fachhandel, sprich Buchhandlungen vertreibe, so gibt es z.B. Uhren auch nicht in jedem Supermarkt.
    Für mich vor Ort ist das Beispiel der Klüpfl /Kobr, der neuste Krimi liegt jeweils stapelweise im Supermarkt und in der Wäscheabteilung des örtlichen Kaufhofs!So verkommen wir als Sortiment zum kostenlosen Showroom der Verlage.
    Denn, wie Ihre Erhebungen immer wieder nachweisen, gibt es kleine Sortimente wie mich nur noch dank eines großen Idealismus. Wenn wir wie die großen Verlage nur nach wirtschaftlichen Kennziffern agieren würden, wäre z. B. aufgrund unserer Gehaltssituation die deutsche Buchhandelslandschaft rasch bereinigt!
    Ich fände toll, wenn es zu diesem Thema mehr Diskussion gäbe. Denn so, wie es jetzt läuft, werden viele, vor allem große Verlage zu Konkurrenten des Buchhandels.

    Daniela Haberkorn
    Buchhandlung Lesezeichen in Kempten

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