Gastspiel von Michael Schikowski

Die Hand liest mit

Über den literarischen Inhalt eines Werks zu reden, fällt Buchhändlern leicht. Aber was ist mit der Gestaltung? Warum man die Oberfläche nicht unterschätzen sollte – Gedankenspiele von Michael Schikowski.

Wer eine achtlos liegen gelassene Plastiktüte findet und öffnet, wird nicht viel erwarten. Zumeist ist nur belangloses Zeug darin. Das billige Äußere verrät schon vor dem Öffnen etwas über das Innere.
Das Material der Taschen, denkt man an Papier, Leinen oder gar Leder, ist ein Hinweis auf den Inhalt. Kunststoff dagegen scheint generell keine großen Erwartungen zu wecken. Und was für Taschen gilt, gilt allemal für Bücher.
Aber nicht allein das vom Buchhersteller gewählte Material erzählt etwas. Allein die Beschaffenheit des Materials vermag Nachrichten, Aussagen und Botschaften zu übermitteln. Übrigens auch dann, wenn wir sie in unserem buchhändlerischen Alltag kaum zur Kenntnis nehmen.
Ohnehin sind wir bei der Entschlüsselung solcher Material­botschaften allzu zurückhaltend. Man fragt sich also eher ungläubig: Ist etwa das Papier so offen für Neues wie der Autor des Buchs? Oder so lackiert, glatt und kalt wie der im Buch präsentierte Stoff objektiv? Oder so grob und natürlich wie die ungeschminkten Wahrheiten im Text? Das alles mag wie ein matter Wortwitz wirken. Wird doch die Bedeutung der Begriffe offen, glatt oder grob, die für die Beschreibung der Papierbeschaffenheiten üblich sind, zugleich als Eigenschaft des Textes gedeutet. Das hat etwas Unerlaubtes und erscheint wie ein Überschuss an Deutungsfreude. Man sollte aber die Oberflächen der Bücher nicht unterschätzen, sie haben es in sich.

Gleichwohl steht fest: Oberflächen haben keinen guten Ruf. Wer beim Auto nur von Form, Lack und Farbe, beim Essen nur von Tischdekoration und Besteck spricht, gilt schnell als oberflächlich. Und nichts ist so oberflächlich wie eine Oberfläche. Da bilden Bücher kaum eine Ausnahme. Wer in Buchhandlungen nach Büchern ausschließlich in Großoktav (22,5 – 25 Zentimeter) fragt oder in einem bestimmten Blau, bleibt der Branche als Wanderanekdote lange erhalten. Im Prinzip aber ist allen die Wirkung der Oberflächen bekannt. Zum Erfassen durch den Kopf gibt es eine elegante Abkürzung über die Hände, die jeder Buchhändler mit einem Buch ohne Einschweißfolie auf dem Bücherstapel längst nutzt: Anfassen.
Buchcover ohne Bild werden als Schriftlösung bezeichnet. Buchcover mit einem Bild zum Anschauen signalisieren dagegen auch eine Anschaulichkeit des Textes. Was drin ist, ist oft genug auch drauf und dran. Und so hat beispielsweise Bov Bjergs Buch "Auerhaus" (Blumenbar) keinen lackierten Schutzumschlag, sondern geht uns beim Lesen unvermittelt an, ganz so wie es uns unvermittelt in der Hand liegt. Das verlängerte und eingeklappte Vorsatzpapier ist dabei noch eine innovative Patentlösung, die für den ganzen Verlag steht.
Um ein Buch – Roman oder Sachbuch – zu lesen, braucht man bekanntlich mehr als den Kopf: seine Hände. Das Buch ist ein Handmedium. Nicht selten nutzen das die Buchgestalter, indem sie den taktilen Grundmodus des Leinens oder Papiers bewusst in einem entsprechenden Verhältnis zum Text wählen. Diese Oberflächen mögen nun als kühl oder warm, rau oder weich empfunden werden, sie begleiten uns während der gesamten Dauer des Lesens. Dem subjektiven Lektürereiz gesellt sich eine reizvolle taktile Dauerwahrnehmung hinzu – die Hand liest mit.
Warum aber sind dann Kunststoffe bei Büchern so selten? Vielleicht liegt es daran, dass die in den Büchern eingeschlossenen Romane kunstvoll, aber kaum einmal künstlich sein wollen.

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