Hamburger Erklärung an Bundesbildungsministerin Karliczek übergeben

Kein digitales Lernen ohne Lesekompetenz

Die Hamburger Erklärung für bessere Leseförderung wird heute von den Initiatoren – dem Börsenverein, dem PEN Zentrum Deutschland und der Autorin Kirsten Boie – an Bundesbildungsministerin Anja Karliczek übergeben. Mehr als 110.000 Menschen haben sie bisher unterzeichnet.

Übergabe der Hamburger Erklärung in Berlin: Regula Venske, PEN-Präsidentin, Alexander Skipis, Autorin Kirsten Boie, die Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek und der Präsident der Kultusministerkonferenz Helmut Holter (v.l.)

Übergabe der Hamburger Erklärung in Berlin: Regula Venske, PEN-Präsidentin, Alexander Skipis, Autorin Kirsten Boie, die Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek und der Präsident der Kultusministerkonferenz Helmut Holter (v.l.) © Christian Thiel

Die Initiatoren fordern von der Bildungspolitik in Bund und Ländern ein entschiedenes und nachhaltiges Handeln zur Förderung der Lesekompetenz bei Kindern. Kirsten Boie und Vertreter von Börsenverein und PEN Zentrum übergaben heute die Hamburger Erklärung an die Bundesministerin für Bildung und Forschung Anja Karliczek und den Präsidenten der Kultusministerkonferenz Helmut Holter. Mehr als 110.000 Menschen haben seit August 2018 den Aufruf auf der Plattform change.org unterzeichnet. Sie fordern angesichts der dramatischen Zahlen der aktuellen IGLU-Studie wirksame Konzepte zur Leseförderung. Laut der Studie können ein Fünftel der Viertklässler in Deutschland Texte nicht so lesen, dass sie den Inhalt auch verstehen. Damit ist Deutschland im internationalen Vergleich von Platz 5 auf Platz 21 abgerutscht. Zudem ist Deutschland das Land, bei dem das Ergebnis am stärksten von der sozialen Herkunft abhängt.

Expertenkommission der Bundesregierung gefordert

Die Initiatoren forderten im Gespräch mit den Politikern in Berlin die Einrichtung einer festen Expertenkommission Lesekompetenz der Bundesregierung unter Einbeziehung der Länder. Diese solle eine konkrete Strategie entwickeln, wie die bestehenden Projekte und neue Maßnahmen zu einer wirksamen Leseförderungsinitiative zusammengefasst und ausgebaut werden können. Die Entwicklung langfristiger Maßnahmen, um die Lesekompetenz im Kindesalter signifikant zu verbessern, müsse konsequent in den Fokus der Bildungspolitik rücken.

Regula Venske, Alexander Skipis und Kirsten Boie (v.l.)

Regula Venske, Alexander Skipis und Kirsten Boie (v.l.) © Christian Thiel



Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, erklärte: "Wir brauchen jetzt sofort eine bundesweite Strategie zur Entwicklung der Lesekompetenz, die bestehende Formate und neue Maßnahmen zusammenführt. Flickschusterei führt uns nicht weiter. Die Bundesregierung und die Länder wollen gerade große Summen in die digitale Ausstattung und Bildung an den Schulen investieren. Dabei mangelt es bei einem großen Teil der Kinder an der Lesekompetenz, also der Fähigkeit, digitale wie analoge Texte überhaupt zu verstehen. Die Digitalisierung von Schulen muss dringend mit wirksamen Konzepten und langfristigen Maßnahmen zur Förderung der Lesefähigkeit einhergehen, sonst geht man den zweiten Schritt vor dem ersten. Lesekompetenz ist nicht nur grundlegend für die persönlichen Entwicklungschancen, sondern auch Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe und damit für den gelingenden Meinungsbildungsprozess in einer lebendigen Demokratie.“

Kirsten Boie

Kirsten Boie © Christian Thiel

Kirsten Boie, Autorin, sagte: "Lesen ist eine nationale Aufgabe. Es gibt in einzelnen Bundesländern durchaus Leseförderinitiativen. Diese Konzepte müssen evaluiert und bundesweit koordiniert werden. Auch der Elementarbereich und die Ausbildung der Erzieher und Erzieherinnen gehören dazu. Vor allem aber brauchen wir mehr Grundschullehrer, und das heißt: Wir brauchen mehr Studienplätze und ein Lehramtsstudium, das die neuesten Ergebnisse der Forschung zu erfolgreichen Lehrmethoden einbezieht. Und für die Lehrenden an den Schulen brauchen wir Fortbildungen dazu. Bevor die Länder aufgrund der Grenzen ihrer finanziellen Möglichkeiten auf entscheidende Bausteine verzichten, muss sich der Bund engagieren. Es wird sehr viel günstiger, jetzt in die Bildung zu investieren, als später die Folgekosten des Versäumten zu tragen. Das Thema Lesen erscheint im Vergleich zur Digitalisierung altmodisch – dabei ist es viel fundamentaler. Davon, ob die Menschen lesen können, hängt für uns alle sehr viel mehr ab."

Regula Venske, Präsidentin des PEN-Zentrums Deutschland, sagte: "Im internationalen Vergleich von Platz 5 auf Platz 21 abzurutschen – welch ein Armutszeugnis für ein reiches Land! Hier muss dringend gegengesteuert werden, denn die Auswirkungen und Folgekosten für die Gesellschaft werden sonst gravierend sein. Es gefährdet die Demokratie, wenn ein beträchtlicher Teil der Bürger unseres Landes nur noch unzureichend oder gar nicht mehr sinnentnehmend lesen und somit gar nicht oder unzureichend mitreden kann. Demokratie lebt nun einmal von Meinungsfreiheit, vom Recht auf Information und Teilhabe am kulturellen Leben sowie am wissenschaftlichen Fortschritt. Dass die soziale Herkunft, ein sogenannter ‚Migrationshintergrund‘ oder die männliche Geschlechtszugehörigkeit Risikofaktoren darstellen, wenn es um den Erwerb von Lesekompetenz geht, ist absolut nicht hinnehmbar. In keinem Land Europas ist der Reichtum so ungleich verteilt wie in Deutschland. Wenigstens in der Bildung sollten wir Chancengleichheit und Gerechtigkeit verwirklichen."

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1 Kommentar/e

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  • Ulrich Störiko-Blume

    Ulrich Störiko-Blume

    Vollkommen zu Recht gebraucht Alexander Skipis die Wörtchen »jetzt sofort«, wenn es um wirksames Aufgreifen der hochwichtigen und lobenswerten Initiative von Kisten Boie geht. Gefahr ist im Verzuge, denn eine überparteiliche Bundestags-Mehrheit hat auf erstaunlich unkooperative Weise mal eben eine Verfassungsänderung beschlossen – wogegen sich die Ministerpräsidenten richtigerweise wehren. Zugleich aber beharren die Bundesländer auf der irrwitzigen Idee eines föderalen „Wettbewerbs“. Echter Wettbewerb würde bedeuten, dass Eltern und Schüler eine Wahl haben. Bei uns bedeutet es aber: Jeder experimentiert weiter auf Kosten der Kinder. Und bevor die Digital-Euphoriker das gedruckte Buch in den Schulen zurückdrängen, sollte man sich bewusst machen, dass gute Lehrer, die Lesefreude vermitteln, ein Leben lang wirken – der Nutzen von und die Freude an technischen Geräten aber nur solange währt, wie sie nicht veraltet und nicht kaputt sind.

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