Highlights aus den Herbstnovitäten

Georgien erlesen

Das Buchmesse-Gastland 2018 steckt voller wunderbarer Geschichten: Das zeigen die vielen Romane, die in den vergangenen zwei Jahren auf den Markt gekommen sind. Herbstfavoriten. MALU SCHRADER

Julia Bührle-Nowikowas Illustrationen zum Buch "Georgien. Eine literarische Reise"

Julia Bührle-Nowikowas Illustrationen zum Buch "Georgien. Eine literarische Reise"

Eins gelungener als das andere: Unter den georgischen Neuerscheinungen sind echte Entdeckungen zu machen. Diese Romane wagen etwas, sind oft sehr politisch und sprachlich herausragend erzählt (und übersetzt!). Besonders die Indie-Verlage bescheren den deutschen Lesern viele Übersetzungen georgischer Titel, teils schon seit Jahren, zum Herbst publizieren auch die großen Publikumsverlage vereinzelt georgische Autoren.

Bei der Frankfurter Verlagsanstalt erscheinen gleich vier Titel mit Georgienbezug: Neben "Die Katze und der General", dem neuen Roman Nino Haratischwilis, ist das zum Beispiel "Georgien. Eine literarische Reise" (220 S., 25 Euro). Für diesen Erzählungsband reisten sechs deutsch-­georgische Autorendoppel durchs Land: über gewaltige Berge und durch tiefe Täler, in große Städte und winzige Dörfer. Die dabei entstandenen literarischen Reisebetrachtungen erscheinen – nach Regionen sortiert und um lebendige, ausdrucksstarke Illustrationen von ­Julia Bührle-Nowikowa ergänzt – im August bei der Frankfurter Verlags­anstalt. Ein wunderbares Stück Reise-Belletristik, besonders auch durch die unterschiedlichen Perspektiven.

Hat man sich einmal hineingelesen in die georgische Erzählwelt, kann man beispielsweise mit Nana Ektvimishvilis "Das Birnenfeld" (Suhrkamp, August, 221 S., 16,95 Euro) weitermachen. Die in Tiflis und Berlin lebende Autorin ist hierzulande vor allem als Filmemacherin bekannt ("Die langen hellen Tage", "Meine glückliche Familie"). Ihr Roman erzählt von einem Internat für geistig behinderte Kinder, die von der Gesellschaft abgehängt wurden. Die junge Lela, selbst dort aufgewachsen, nimmt zur Unterstützung der überforderten Betreuer die Arbeit im Internat auf und wird für die Bewohner zu einer Beschützerfigur. Eine wütende, raue, von leisen Hoffnungsmomenten durchzogene ­Außenseitergeschichte, glänzend geschrieben.

Anschließend könnte sich der Georgien-Leser Davit Gabunias "Farben der Nacht" zuwenden (Rowohlt, August, 208 S., 20 Euro). Der Autor und Übersetzer (unter anderem von Shakespare, Strindberg und "Harry Potter"!) lässt seine Protagonisten in Tiflis zwischen Tabus, Tradi­tion und Wandel ihren Weg durchs Leben suchen und führt sie an den Grenzen des Ertragbaren. Ein spannender, bildstarker Gesellschaftsroman, der in Georgien für Aufsehen gesorgt hat.

Gleiches gilt für Tamar Tandaschwilis "Löwenzahnwirbelsturm in Orange" (Residenz Verlag, 136 S., 18 Euro). Ihre Figuren bemühen sich um selbstbestimmtes Leben und Lieben entgegen gesellschaftlicher Zwänge und gnadenloser Obrigkeiten. Der schmale Roman der Autorin, Bloggerin und Aktivistin ist brutal und höchst politisch und überzeugt auch durch eine wunderbare eigenwillige Sprache. Hoffentlich bleibt es nicht bei dieser einen Übersetzung.

Bei Voland & Quist erscheint im September Gela Tschkwanawas Roman "Unerledigte Geschichten" (200 S., 20 Euro), in dem der beunruhigte Erzähler Papa Carlo von der Reise seines Stiefvaters Reso nach Sochumi in Abchasien berichtet: der Region, aus der seine Familie einst bei einem Massaker vertrieben wurde. Geschickt verwebt Tschkwanawa die unerledigte Geschichte Resos mit den Kriegserinnerungen des Erzählers – keine leichte, aber eine sehr lohnende Lektüre.

Ein weiteres Highlight ist der Erzählungsband "Wenn es nur Licht gäbe" (btb, August, 196 S., 20 Euro). Ein in der Manteltasche vergessener Vogel, Märchen als Überlebenshelfer: Poetisch, zart und nie belanglos erzählt Iunona Guruli von den Nöten einer zerrissenen Generation. Die Autorin und Übersetzerin hat ihre zarten, wunderbar seltsamen Geschichten selbst ins Deutsche übertragen und schreibt derzeit an ihrem ersten Roman.

Freuen kann man sich im Herbst außerdem auf:

  • "Der aufblasbare Engel", den neuen skurrilen Geisterbeschwörungs­roman von Zaza Burchuladze (Blumenbar, September, 192 S., 20 Euro),
  • "Der Filmvorführer" (Weidle, September, ca. 140 S., 19 Euro) – eine besondere Freundschaftsgeschichte von Aka Morchiladze, einem der meistgelesenen Autoren Georgiens, 
  • "Der Südelefant": In dem Roman von Archil Kikodzes lässt ein Tiflis-Flaneur sein Leben Revue passieren (Ullstein, September, 272 S., 22 Euro).

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