Hörbuch

Harry Potter – Die Zweitlesung

Zum Erstverkaufstag der neuen Harry-Potter-Edition liest Felix von Manteuffel heute auf der Leipziger Buchmesse erstmals längere Passagen aus "Harry Potter" vor Publikum (14:30 - 15:00 Uhr, Leipzig liest Forum, Halle 5, Stand E600). Der Literaturkritiker Wolfgang Schneider hat sich für boersenblatt.net bereits durch das komplette Werk gehört - und mit Felix von Manteuffel über Freud und Leid der Mammutlesung gesprochen. VON WOLFGANG SCHNEIDER

Im Studio: Felix von Manteuffel

Im Studio: Felix von Manteuffel © Der Hörverlag

Es war eine Frage, wie sie auch einem renommierten Schauspieler nicht alle Tage gestellt wird. Das Telefon klingelte, und der Hörverlag wollte wissen, ob Felix von Manteuffel den kompletten Potter-Zyklus als Hörbuch einlesen wolle. Da musste er erst einmal einräumen, dass er weder die Bücher noch die Filme noch die Rufus-Beck-Lesungen kenne. „Macht nichts. Wir können Ihnen die Bücher ja schon mal schicken.“ – „Ich bitte darum.“
 
So begann das größte geheime Kommandounternehmen im deutschen Hörbuchbetrieb: Harry Potter zum Zweiten, ohne dass eine Silbe gestrichen würde. Bald war Manteuffel angetan von Harrys zauberhaften Abenteuern, und in den folgenden fünf Jahren verschwand er immer wieder für Wochen in einem Münchner Studio. Nur der engste Familienkreis wusste Bescheid; manche Kollegen ließen sich mit dem Vorwand „Radioarbeit beim Bayerischen Rundfunk“ jedoch nicht abspeisen. „Ich weiß jetzt, was du da treibst“, meinte eines Tages ein befreundeter Regisseur: „Zorro!“ Manteuffel hütete sich, die Spekulation richtig zu stellen.

Rufus Beck hat „Harry Potter“ zum millionenfach verkauften Ein-Mann-Hörspielspektakel gemacht. Jeder Gestalt hat er eine eigene Stimme verliehen. Hoch, tief, heiser, geschmeidig, gehaucht, schnell oder langsam: Irgendwie hat er immer wieder markante Töne gefunden, um eine Figur Profil zu geben, bis hin zur Verwendung deutscher Dialekte. Sein Stimm-Theater schafft Wiedererkennungseffekte und damit Orientierung in dem nicht leicht überschaubaren Figurenkosmos. Becks raukehliger Gemütsriese Hagrid, der sich auch als Vorsitzender eines Bikerclubs gut machen würde, ist einem ans Herz gewachsen. Schon beim zwielichtigen Professor Snape jedoch wirkt das intrigant-aalglatt-höhnische Hörprofil auf Dauer penetrant. Nervtötend wird Becks Darbietung regelmäßig bei den Elfen. Sie kreischen und keifen, so steht es im Buch. Aber es ist eine Sache, zu lesen „er kreischte“, und eine ganz andere, lauthals vorgekreischt zu bekommen.

Rufus Beck demonstriert, dass er der Herr der Interpretation ist und dem Text mit dem Klang auch die Bedeutung gibt. Dass „Harry Potter“ sich indes auch ganz anders lesen lässt, beweist der Engländer Stephen Fry. In Großbritannien sind seine Hörbuchfassungen nicht weniger erfolgreich, obwohl Fry zurückhaltend bis unterkühlt vorträgt: nicht mit hundert Stimmen, sondern mit einer einzigen, die sich gerne in ein wenig Ironie hüllt. Das ist britische Dezenz.

So konnte man erwarten, dass Felix von Manteuffel das deutsche Pendant zu Fry bieten würde, zumal der Vorleser einen Ruf hat als Spezialist der literarischen Introversion, als Innenweltdarsteller, der sich besonders bei moderaten Tönen bewährt. Sein feines Spektrum an Ausdrucksmitteln hat er zuletzt bei der Reflexionsprosa von Max Frischs „Montauk“ unter Beweis gestellt.

„Harry Potter“, gestartet als Kinderbuch, ist jedoch kein Werk der Innenwelterforschung, sondern so plotorientiert wie jede aufregende Jugendlektüre und jeder kluge Unterhaltungsroman. Und so beweist auch Manteuffels Lesung von Beginn an Druck und Temperament; auch er geht mit Verve hinein in die Figuren und entwickelt Eifer als Rollenspieler, vermeidet dabei aber zumeist die Gefahr der Überpointierung. Bis heute, sagt Manteuffel, kenne er die Beck-Lesungen nicht, und so sei ihm der Ehrgeiz fremd, alles ganz anders zu machen. Zwar wirkt seine Darbietung im direkten Vergleich mit Becks clownesker Stimmakrobatik immer noch zurückhaltend, aber auch bei ihm werden manche der von Rowling bereits extrem typisierten Figuren – etwa die bis zum Anschlag karikierten Dursleys – nicht gegen den Strich gelesen. Mr. Dursley klingt bei ihm sogar noch fieser. „Der kommt als Drecksack rüber, genau so, wie er im Buch beschrieben wird“, sagt der Schauspieler.

Gelegentlich wurde der Potter-Saga Eskapismus vorgeworfen. Dem widersprechen die realitätsbezogenen Handlungsmomente und überhaupt die zunehmende Verdüsterung der Reihe – ab dem sechsten Band, wenn Lord Voldemorts üble Machenschaften in massenmörderischer Weise auch die Muggelwelt bedrohen, ist sogar der „Kampf gegen den Terror“ angesagt. In der Parallelgesellschaft der Zauberer spiegelt sich die Menschenwelt; vieles kehrt in verfremdeter Form wieder, vom britischen Sportfanatismus (die manchmal nervtötenden Quidditch-Turniere) bis hin zur eigenen Infrastruktur mit Eulenpost, Askaban-Gefängnis, Medien wie dem „Tagespropheten“ und Klatschjournalisten wie Rita Kimmkorn. Nichts Menschliches ist den Zauberern fremd, mögen sie auf die profane Muggelwelt auch mit überlegenem Spott herabblicken.
 
Als Rufus Beck mit dem ersten Potter-Hörbuch begann, war noch nicht abzusehen, in welche Dunkelzonen die fiktionale Reise später noch führen würde. Der Kinderbuch-Vorgabe, die Beck mit seiner knallbunten Lesart ausreizte, war später nicht mehr ganz zu entkommen; von daher ist es nur logisch, dass Felix von Manteuffel aufgrund seiner vorab größeren Kenntnis des Zyklus – er begann mit seiner Lesung kurz vor Veröffentlichung des fünften Bandes – ein anderes Spektrum des Werkes auslotet. Den Werbebanner „Erwachsenen-Lesung“ trägt sie deshalb zu Recht. Streckenweise fällt Rowling ins Horrorgenre; Manteuffels Fassung macht das deutlicher als die von Rufus Beck. „Für kleine Kinder ist das nichts“, warnt er.

In den späteren Bänden sorgen bei den Schülern die Hormone für amourösen Überschwang oder störrische Launen. Den Entwicklungssprung in die Adoleszenz vermitteln sowohl Beck wie Manteuffel durch die Stimmlage. Harry wirkt nicht mehr so hochatmend, er strahlt eine gewisse coole Jungmännlichkeit aus; bei Manteuffel klingen die Streitereien unter den Jungen bisweilen reichlich kratzig, wie die Wortgefechte ausgewachsener Schurken. „Harry wird später ja wirklich auch ein bisschen unangenehm“, meint der Schauspieler.

Während Rufus Beck in Eigenregie die Figuren entwickelte, hat er sich auf die bewährte Zusammenarbeit mit dem Regisseur Sven Stricker verlassen. Ein kleines Rollenarchiv wurde angelegt, ein Fundus mit Stimmproben, und immer zu Rate gezogen, wenn eine Figur nach längerer Zeit wieder einen Auftritt hatte. Auf die Frage nach seiner Lieblingsgestalt im Roman weicht Manteuffel aus; eher „gehasst“ habe er dagegen Hagrid, allerdings nur deshalb, weil er bei dieser Figur in den Bassbereich gehen musste: „Ich hab’ nicht so eine tiefe Stimme, das ging dann sehr auf die Stimmbänder. Es war sehr anstrengend, und oft bin ich schweißgebadet herumgesessen.“

Rowling schreibt einen Allerweltsstil, ohne Scheu vor abgegriffenen Wendungen („sein Herz schlug einen Trommelwirbel gegen die Rippen“ etc.). Bei mehr stilistischem Schliff und Ehrgeiz hätten die vielen Tausend Seiten nicht in solchem Tempo entstehen können. Auch von Manteuffel möchte den Potter-Zyklus nicht partout zur Hochliteratur rechnen, aber vor Rowlings „gigantischer Phantasieleistung“ hat er höchsten Respekt und hält die Fähigkeit der Autorin, komplexe Handlungsstränge zu entwickeln und zu verknüpfen, für „allererste Klasse“.
 
Deutschland, Harry-Potter-Land – keine andere Nation der Welt verfügt über zwei vollständige Hörbuch-Fassungen. Für Felix von Manteuffel ist es das Opus magnum als Vorleser: „So was macht man nur einmal im Leben.“ Besonders freut ihn, dass das Werk nicht gekürzt wurde, während sonst überall die Romane für akustische Zweitverwertungen radikal zusammengestrichen würden. „Eine Sache so zu machen, wie sie auf dem Papier steht – das ist schon toll.“

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