Holger Volland über künstliche Intelligenz

Der Schlüssel zur Zukunft

Künstliche Intelligenz ist heute kreativer als man es je erwartet hat. Dennoch beschäftigen wir alle uns zu wenig mit ihren Möglichkeiten und Gefahren. Holger Volland regt eine kulturelle Technologiedebatte an.

Holger Volland

Holger Volland © Alexander Heimann / Frankfurter Buchmesse

Auf der letzten Buchmesse war ein Roboter zu Gast. Er spuckte minütlich neue kulturpolitische Manifeste aus. Viele davon waren gar nicht so schlecht, und so konnte man vor Ort meist durchaus polarisierend die Rolle kreativer Maschinen diskutieren. Jede Branche hat mittlerweile mit künstlicher Intelligenz etwas zu tun, da bilden kreative wie die Verlagswelt keine Ausnahme. Denn KI-Texte sind längst verbreitet: maschinenverfasste Sportergebnisse, Katalogtexte, Bot-Nachrichten bei Facebook begegnen uns täglich. Auch erste Romane und Drehbücher kommen schon aus dem neuronalen Hirn von Algorithmen, sind stilistisch aber noch grottenschlecht. Bis zum ersten Maschinen-Bestseller vergehen sicherlich noch Jahre. Bei Wissenschafts-, Bildungs- oder Datenbankpublikationen hingegen fällt die Prognose deutlich kürzer aus.

Ob es uns gefällt oder nicht, schon heute wird unser Leben von künstlichen Intelligenzen beeinflusst, denn der Datenstrom unserer Zeit ist ohne sie nicht mehr zu durchdringen. Und wir füttern sie weiter und laden jeden Tag 160 Millionen Bilder über Instagram und Facebook, 430.000 Stunden Videos bei YouTube und Milliarden Zeilen Text hoch. Das Potenzial für positive wie auch albtraumhafte Erkenntnisse aus der Analyse ist dabei gigantisch: Die gleiche Technologie erkennt Krankheiten schon im Frühstadium auf einem Röntgenbild oder psychische Störungen in frei verfügbaren Instagram-Profilen. Und auch die Manipulation von Fotos, Texten, Gemälden, gesprochener Sprache, ja selbst Videos ist derzeit wichtigster Fortschritt der Technologieentwicklung. Künstliche Intelligenz ist heute kreativer als man es je erwartete!

Und dennoch: Die wenigsten Menschen beschäftigen sich mit dieser Entwicklung. Manche folgen ihr begeistert. Andere fühlen sich ohnmächtig, wütend oder ignorieren sie. Die meis­ten fühlen sich abgehängt. Zu schnell, mit exponentiellem Wachstum, erfolgen technische Durchbrüche. Unser Verstehen hinkt meilenweit hinterher, ganz zu schweigen von der Bewertung gesellschaftlicher oder psychologischer Auswirkungen. Die Kluft zwischen Technik und breiter Gesellschaft wird dadurch immer größer!

Das schadet Unternehmen und Menschen gleichermaßen. Es ist deshalb Aufgabe der Kultur, nicht zuletzt der Verleger, Autoren, Buchhändler und Journalisten, die Menschen mit Wissen und Szenarien zu versorgen, damit diese aufgeklärte und wichtige Fragen an die Technologieunternehmen und die Politik stellen können. Kreative künstliche Intelligenz wird weitreichendere Auswirkungen haben als Gentechnik oder Atomkraft. Wir können es uns deshalb nicht leisten, sie als Nischenthema der Technologen abzutun. Auch Technophobie hilft nicht weiter. Nur aufgeklärte Menschen können entscheiden, welche Entwicklungen sie wollen und welche nicht. Die Politik muss ihren Technologieschlaf beenden und Diskussionsplattformen eröffnen. Die Wirtschaft muss Transparenz schaffen, damit Kunden entscheiden können, wann sie KI-Entscheidungen akzeptieren. Und unsere Branche muss dazu beitragen, dass sich all jene damit beschäftigen, die heute bereitwillig ihre Daten bereitstellen, ohne zu wissen, welche Geheimnisse Maschinen darin entdecken können. Unsere Branche kann besser als jede andere Aufklärung bewirken. Und diese ist der wichtigste Schlüssel für eine kulturelle Technologiedebatte.

Holger Volland arbeitet bei der Frankfurter Buchmesse. Im Beltz Verlag ist am 12. Februar sein Buch "Die kreative Macht der Maschinen" herausgekommen.

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