Interview mit Daniel Kampa

"Die 75 Maigrets sollen in den nächsten zwei Jahren wieder lieferbar sein"

Daniel Kampa will nicht nur Georges Simenon in seinem Kampa Verlag neu herausbringen. Ein Gespräch über das sich schneller drehende Autorenkarussell, über Editionspläne, Geld und Ideen.  INTERVIEW: HOLGER HEIMANN

Daniel Kampa

Daniel Kampa © Kilian Kessler

Sie wollen im Herbst nächsten Jahres mit Ihrem Verlag starten. Wie weit sind Sie?
Das Programm steht halbwegs. Es wird neue Romane von Autoren aus den USA, aus England, Polen und Deutschland geben. Die Übersetzungen sind in Arbeit, das deutsche Manuskript wird schon lektoriert. Schön wäre es, wenn noch ein oder zwei Titel hinzukämen. Jeder Verleger träumt von einem deutschsprachigen Debüt, das ihn beim Lesen umhaut.

Das umfangreiche Werk von Georges Simenon wird nicht mehr bei Diogenes erscheinen, sondern in Ihrem Verlag. Man hat ein bisschen den Eindruck, dass Sie vor allem einen Simenon-Verlag etablieren wollen und dann um diesen Autor herum noch ein paar andere Schriftsteller und Bücher platzieren.
Hier liegt ein Missverständnis vor. Ich gründe keinen Verlag, nur um Simenon zu machen. Mein Verlag wird ein ganz normaler belletristischer Verlag sein, mithin ein Programm mit Autoren aus verschiedenen Ländern präsentieren. Daneben wird es einen gewichtigen Krimibereich geben – und dafür sind die Maigret-Romane von Simenon ein wunderbares Fundament. Pro Halbjahr planen wir 20 bis 25 Titel, darunter mindestens fünfzehn Simenons. Wir wollen kein Miniprogramm vorlegen. Überdies: Viele Leser warten auf die 75 Maigrets, und die sollen in den nächsten zwei Jahren wieder lieferbar sein.

Wann haben Sie zum ersten Mal ernsthaft darüber nachgedacht, einen eigenen Verlag zu gründen?
Ich habe 20 Jahre bei Diogenes gearbeitet. Für mich war das der beste Verlag der Welt mit dem besten Verleger der Welt. Zu Daniel Keels Lebzeiten wäre ich nie von Diogenes weggegangen. Nach seinem Tod musste ich mir alle möglichen Szenarien überlegen, darunter eine mögliche Selbstständigkeit. Dann kam aber rasch das Angebot, als Verleger zu Hoffmann und Campe zu gehen. Nun führen mich private Gründe – ich werde Vater – nach Zürich zurück. Das war für mich auch ein Weckruf: Jetzt oder nie!

Der Vertrag zwischen dem Simenon-Erben und Diogenes lief 2016 aus. Gab es zunächst die Überlegung, Simenon zu Hoffmann und Campe zu holen?
Es gibt natürlich Ausverkaufsfristen. Und Gespräche, wie ich sie mit John Simenon geführt habe, dauern eben ihre Zeit. Da geht es um Ideen, um Editionspläne, natürlich auch um Geld. Aber vor allem um Vertrauen. Es ist übrigens durchaus denkbar, dass  es eine Verbindung zu Hoffmann und Campe geben wird, dass etwa die Taschenbücher im Atlantik Taschenbuch erscheinen. Schließlich bin ich Hoffmann und Campe noch immer als "Publisher at large" verbunden. Und Simenons Werk ist so groß, dass zwei Verlage damit glücklich werden können. Es wäre auch möglich gewesen, das zusammen mit Diogenes zu machen. Aber daraus ist nichts geworden.

Sie haben dem Diogenes Verlag einen wichtigen Autor abspenstig gemacht. Plagt Sie ein schlechtes Gewissen?
Abspenstig gemacht? Autoren entscheiden selbst darüber, wo ihre Bücher erscheinen. Und das gilt auch für die Erben, die übrigens nicht immer nur nach Geld schielen. Und wenn nicht ich Simenon verlegen würde, wer weiß, ob seine Bücher dann nicht in einem dritten Verlag erschienen wären?

Diogenes hat sich seit 1977 intensiv um das Werk Simenons gekümmert und insgesamt rund sechs Millionen Exemplare seiner Bücher verkauft. 2008 sind sämtliche Maigrets in einer neuen Edition erschienen, außerdem 50 Non-Maigrets. Am Einsatz des Verlags kann es kaum gelegen haben, dass John Simenon, der die Weltrechte am Werk seines Vaters verwaltet, die Zusammenarbeit nicht fortsetzen wollte.
Ja, Diogenes hat sehr viel für den Autor getan. Und die Neu-Edition, die wir dort vor über zehn Jahren angestoßen haben, war ein schöner Erfolg. Trotzdem fehlten bei Diogenes in den letzten Jahren wichtige Bücher, etliche Non-Maigrets, wichtige autobiographische Schriften oder seine Reportagen. Und es gibt noch einiges zu entdecken, zum Beispiel frühe Krimi-Erzählungen, die wunderbare Maigret-Vorläufer sind. Zu den Non-Maigrets gab es noch nie Nachworte. Vielleicht erschließt man neue Leserschichten, wenn jemand wie Julian Barnes oder Friedrich Ani einen Essay schreibt. Es geht nicht nur darum, was ein Verlag in der Vergangenheit gemacht hat. Autoren (und ihre Erben) schauen in die Zukunft: Was plant ein Verlag für die nächsten zehn oder 15 Jahre? Wie hält er ein Werk lebendig?

Können Sie auf die Diogenes-Übersetzungen zurückgreifen oder müssen Sie Simenon komplett neu übersetzen lassen?
Für den Autor und den Buchhandel wäre es natürlich von Vorteil, könnten wir einige Diogenes-Übersetzungen nutzen. So wären viele Titel umgehend wieder lieferbar. Aber das wird wohl nicht klappen, die Gespräche waren wenig ermutigend. Etliche Bücher müssen sowieso neu übersetzt werden. Den ganzen Simenon neu zu bringen, bedeutet viel Arbeit, aber das ist zu schaffen. Das Ganze wird natürlich auf viele Schultern verteilt. Mehrere Übersetzungen sind bereits in Auftrag gegeben, unter anderem konnten wir Melanie Walz, Mirko Bonné und Karl-Heinz Ott als Übersetzer gewinnen.

Mit dem Kauf der Simenon-Rechte ist Ihnen ein echter Coup geglückt. Ihr Verlag ist dadurch im Gespräch. Etwas Besseres konnte Ihnen kaum passieren.
Das weiß ich nicht. Es war nicht meine Absicht, das jetzt schon publik zu machen. Was nützt mir die ganze Werbung, wenn kein Buch lieferbar ist? Und den Buchhändlern nützt es auch nichts, wenn die Fans sich Maigret-Romane antiquarisch besorgen müssen, zu Höchstpreisen. Eleganter wäre es gewesen, bei Erscheinen der ersten Titel zu verkünden: Jetzt ist Maigret wieder im Buchhandel.

Georges Simenon war ein Vielschreiber. Wollen Sie nun alles, was er geschrieben hat verlegen? Ist wirklich jedes Buch so gut?
Es gibt natürlich auch schwächere Bücher. Kein Wunder bei diesem Riesenwerk mit über 200 Romanen und dem Tempo, das Simenon vorgelegt hat. Die meisten Romane hat er in weniger als zwei Wochen geschrieben. Aber selbst in den schwächeren Romanen gibt es diese ganz besondere Simenon-Atmosphäre, der man sich nicht entziehen kann, diese scheinbar simplen Sätze, die unendlich viel von den Irrungen und Wirrungen der menschlichen Seele erzählen, diesen immer präzisen, aber nie lieblosen Blick auf seine Figuren. Kaum ein Autor weiß so viel über den Menschen wie Simenon. Und das zeigen selbst die schwächeren Romane.

Was kann man tun, um Klassiker wieder ins Gespräch zu bringen?
Zeitgemäße Übersetzungen, informative Nachworte, eine ansprechende Aufmachung, gute Pressearbeit – das sind wichtige Faktoren. Und die Unterstützung des Buchhandels ist essentiell. Letztlich geht es darum, dass der Funke der Begeisterung überspringt. Und meine Begeisterung für Simenon ist sehr groß, das können Sie mir glauben.

Sie wollen für Hoffmann und Campe weiterhin als Berater tätig sein. Haben Sie dafür überhaupt Zeit?
Klar, ich bin ja nur Berater. Aber im Ernst: Ich werde einmal im Monat in Hamburg sein, und ich bin froh, dass ich an der Entwicklung der Verlage weiterhin ein wenig teilhaben kann. Die Imprints Atlantik und Tempo, die ich lanciert habe, sind ja noch sehr jung.

Was ist das Reizvolle an einem eigenen Verlag?
Die vielen langen Sitzungen entfallen! Endlich mehr Zeit zum Lesen! Vor allem aber: Mit einem kleinen, eingespielten Team kann man effizienter und entspannter arbeiten. Wir werden am Anfang im Lektorat zu dritt sein: Cornelia Künne, Meike Stegkemper und ich. In einem kleineren Verlag kann man sich auch besser und persönlicher um Autoren kümmern, man muss keine Programmplätze füllen, nur um den Apparat zu finanzieren. Vielleicht gibt es für einen literarischen Verlag eine Art natürliche Größe. Maximal so viele Mitarbeiter, dass man gemeinsam zu Mittag essen kann, dann sind nämlich alle auch ohne Sitzungen bestens informiert. Und nur so viele Titel, dass jeder im Verlag jedes Buch aus dem eigenen Programm lesen kann.

Von Simenon abgesehen  – wie viele der Autoren, die Sie verlegen wollen, kommen von Diogenes, wie viele von Hoffmann und Campe?
(lacht) Na hören Sie mal! Ich möchte natürlich vor allem neue Autoren entdecken. Außerdem gibt es neben den beiden genannten noch andere Verlage. Das Autorenkarussell dreht sich immer schneller,  und bei Verlagswechseln sind oft Millionenbeträge im Spiel. Aber auch als kleiner Verlag kann man bekannte Autoren anziehen, nicht vorrangig mit Geld, aber mit der Aussicht auf eine exzellente Autorenbetreuung. Ein Spitzentitel im ersten Programm wird, sollte die Übersetzung fertig werden, der neue Roman von William Boyd sein – und dieser wunderbare Erzähler war früher weder bei Diogenes noch bei Hoffmann und Campe zu Hause, sondern beim Berlin Verlag.

Wie viele Simenons müssen Sie verkaufen, damit Ihr Konzept aufgeht und Sie mit den Büchern Geld verdienen?
Das wird aufgehen. Es gibt Verlage, die zahlen mehr für einen einzigen Titel als ich für über 150 Simenons ausgegeben habe. Das ist eine Rechnung auf lange Sicht. Und Longseller sind sowieso besser als Bestseller.

Wie groß ist das Risiko, für eine Übersättigung im Buchhandel zu sorgen?
Für mich kann es nicht genug Simenon geben. Und vielen Lesern geht es ganz genauso, davon bin ich überzeugt. Der Buchhändler muss bei Simenon keine große Überzeugungsarbeit leisten.

Wird der Kampa Verlag ein kleinerer Diogenes Verlag?
Ich war so lange bei Diogenes, habe dort so viel gelernt, dass Ähnlichkeiten weder beabsichtigt, noch zufällig, sondern schlicht unvermeidlich sein werden. Daniel Keel wählte als Verlagsmotto den schönen Satz von Voltaire: "Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur die langweilige nicht." Voltaires Diktum bringt es perfekt auf den Punkt. Das gute alte Storytelling mit Niveau ist das, was mich interessiert. Und das ist nun wirklich nichts Spektakuläres.

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