Interview mit Historiker Florian Huber

"Selbst die Kinder sollten nicht überleben"

Es war kein Geheimnis, wurde aber lange Zeit verschwiegen: der größte Massenselbstmord der deutschen Geschichte am Ende des Zweiten Weltkriegs. In seinem Buch "Kind, versprich mir, dass du dich erschießt" (Berlin Verlag) greift der Historiker und Dokumentarfilmer Florian Huber das Thema auf. boersenblatt.net hat mit ihm gesprochen.

Warum verwenden Sie den Begriff Selbstmordepidemie?
Weil es Zehntausende waren, die sich umbrachten und offensichtlich gegenseitig ansteckten. Auch die Zeitgenossen benutzten diesen Begriff. Es begann im Januar 1945, als die Alliierten deutschen Boden betraten, und erreichte Ende April, Anfang Mai seinen Höhepunkt. In diesen Sog gerieten viele Menschen, die zuvor nie an Selbstmord gedacht hatten. Dann aber töteten sie sich und manchmal sogar ihre Familien.

Was waren die Gründe dafür?
Die Angst vor der Roten Armee war ein wichtiger Grund. Sie kam von der jahrelangen Nazi-Propaganda, die keine Gelegenheit ausließ, über die „mongolischen Horden“ herzuziehen. Dazu gab es Berichte der deutschen Soldaten, die von der Front kamen, und der Flüchtlinge, und es geschah ja auch tatsächlich Furchtbares: Orte wurden niedergebrannt, Menschen ermordet, viele Frauen vergewaltigt. Aber es gab auch zahlreiche Selbstmorde im Westen. Viele hatten Schuldgefühle, man wusste, wie verstrickt die Deutschen in die Verbrechen im Osten waren und hatte Rache und Vergeltung vor Augen. Für viele ging 1945 mit dem Ende des Dritten Reichs auch die Welt unter.

Bekannt ist, dass Adolf Hitler und Eva Braun sich töteten, ebenso, dass Joseph Goebbels und seine Frau ihre Kinder mit in den Tod nahmen. Waren es vor allem Nazis, die sich und ihre Familien umbrachten?
Es gibt kein Muster. Es waren Junge und Alte, Männer und Frauen, Handwerker und Arbeiter, Parteizugehörige und sogar Kommunisten. Ganz unterschiedliche Menschen gerieten in diesen Sog.

Welche Quellen gibt es dafür?
Amtliche Quellen ebenso wie Briefe, Tagebücher und Zeitzeugenberichte. In Demmin, einem Ort in Vorpommern, der in meinem Buch eine große Rolle spielt, ist die Quellenlage sehr gut. Das Standesamt begann schon wenige Wochen nach Kriegsende, die Sterbeurkunden zu erstellen. Im Herbst 1945 wurde offiziell vermerkt, dass sich 700 Menschen umgebracht haben. Viele Überlebende und Zeitzeugen haben ebenfalls schon kurz nach Kriegsende begonnen, aufzuschreiben, was sie gesehen und erlebt haben. Das durfte dann aber kein Thema sein, weil man in der DDR nichts Negatives über die Rote Armee sagen durfte. Nach der Wende haben Zeitzeugen diese Texte gesammelt.

In Berlin gab es die meisten Selbstmorde: 4.000 allein im April 1945. Für Demmin gehen Sie von 700 in wenigen Tagen aus. Wie sicher sind diese Zahlen?
Wenn man von den harten Quellen ausgeht, von Totenlisten, Sterbebüchern des Landesamtes, schriftlichen Quellen, kommt man auf eine Zahl zwischen mindestens 700 und 1.000. Aber wir müssen von einer höheren Dunkelziffer ausgehen.

Warum?
Es herrschte großes Chaos. Zudem haben viele Menschen ihre Angehörigen, die sich selbst getötet haben, nicht als Selbstmörder deklariert. Und wenn eine 25-jährige Mutter dem Standesbeamten meldet, dass ihre zwei kleinen Kinder in einem Dorfkanal ertrunken sind, kann man ziemlich sicher sein, was passiert ist: Sie hat sie umgebracht und ist beim Versuch gescheitert, sich selbst zu ertränken. Das gab es dutzendfach. Zeitzeugen haben das festgehalten, ebenso Menschen, die ihren Selbstmordversuch überlebten. Es gibt auch Überlebende, die damals Kinder waren und mir erzählt haben, dass ihre Mutter versuchte, sie zu töten.

Warum gab es gerade in Demmin so viele Selbstmorde?
Die geographische Lage mit drei Flüssen spielte eine große Rolle. Ende April 1945 sprengte die Wehrmacht bei ihrem Rückzug die Brücken, so dass alle Fluchtwege nach Westen versperrt waren. Einwohner und Flüchtlinge saßen fest, als die Rote Armee kam. Die Soldaten zündeten den Ort an und vergewaltigten viele Frauen. Die Menschen waren verzweifelt und in Panik.

Sie haben sehr viele Geschichten recherchiert. Gibt es eine, die Sie besonders berührt hat?
Es sind alles sehr traurige Geschichten, insbesondere auch, weil so viele Kinder mit in den Tod genommen wurden. Aber eine Geschichte hat mich tatsächlich besonders berührt: die von Marie Dabs, einer Pelzhändlerin aus Demmin, einer robusten, lebenszugewandten Frau. Sie hat ihr Geschäft und ihre Familie auf bewundernswerte Weise durch den Krieg gebracht. Als die Soldaten nach Demmin kamen, irrte sie mit ihren Kindern durch die Wälder und die brennenden Straßen, und irgendwann erfasste auch sie der Selbstmordsog. Sie, die nie einen solchen Gedanken gehabt hatte, fragte einen befreundeten Tierarzt, ob er nicht auch Gift für sie übrighätte. Sie wollte ihrem Leben und dem ihrer Kinder ein Ende bereiten und hat wahrscheinlich nur überlebt, weil sie das Gift nicht bekam. Später hat sie das alles aufgeschrieben.

Worauf bezieht sich der Buchtitel: „Kind, versprich mir, dass du dich erschießt“?
Es ist ein Zitat, das ich aus Walter Kempowskis Quellensammlung „Echolot“ habe. Eine junge Frau war zum Kriegsende mit ihrem Vater in Berlin. Er wurde zum Volkssturm abberufen, drückte seiner Tochter zum Abschied eine Pistole in die Hand und verabschiedete sich von ihr mit den Worten: „Kind, versprich mir, dass du dich erschießt. Ich möchte nicht, dass du überlebst.“ Sie beschreibt, wie sie das dann versucht. Sie zog sich in ein Kellerloch zurück, steckte sich die Pistole in den Mund und versuchte, abzudrücken, aber es gelang ihr nicht. Dieser Buchtitel passt für mich sehr gut, weil er den familiären Aspekt beinhaltet: Auch die Kinder sollten nicht überleben.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, über diese Geschichten zu schreiben?
Ich habe vor zwei Jahren ein Buch über das Kriegsende gelesen. In einer Fußnote gab es einen Satz über die Selbstmorde und einen Hinweis auf Demmin, und es war von großen Zahlen die Rede. Ich habe Geschichte studiert, hatte davon aber noch nie gehört. Ich kam schnell auf die Quellensammlung aus Demmin und auf weiteres Material. Ich wollte dann darüber schreiben, wie es den Menschen in Deutschland nach den zwölf Jahren im Dritten Reich ging, was sie dachten und fühlten.

Das Leid der Zivilbevölkerung war lange Zeit kein Thema, durfte es nicht sein, wegen der großen Schuld der Deutschen. Brauchte es 70 Jahre, um über diese Selbstmorde sprechen zu können?
Offensichtlich. Denn es ist ja nicht so, dass ich ein Geheimnis aufdecke. In Demmin gab es die Untersuchung des Landrats, nach der Wende die Quellensammlung und Berichte in der Regionalzeitung. Aber es ist nie in das Bewusstsein der Deutschen vorgedrungen. Die Selbstmörder wurden verdrängt und vergessen.

Welche Resonanz bekommen Sie auf Ihr Buch?
Ich habe nicht damit gerechnet, weil das Thema so hart ist, aber das Buch ist sehr erfolgreich. Es erschien im Februar und ist jetzt schon in der fünften Auflage. Seit Weihnachten werde ich in Interviews befragt, und bei den Lesungen sind immer Zuhörer dabei, die selbst betroffen sind oder jemand in der Familie. Es gibt großen Bedarf, über die vielen Selbstmorde nachzudenken und zu reden.

Interview: Sabine Schmidt

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