Jochen Jung über konzentriertes Lesen

Ein Lob der Zumutung

Nie war die Tendenz so deutlich wie heute, das Anspruchsvolle ins Abseits zu rücken. Dabei droht mit der Freude am konzentrierten Lesen auch eine subtile Weltwahrnehmung zu verschwinden – befürchtet Jochen Jung.

Machen Sie doch mal eben die Tür zu, damit wir ungestört reden können. – Nein, so beginnt es in der Regel dann doch nicht, und trotzdem klingt es jedes Mal ein wenig wie hinter vorgehaltener Hand, wenn man mit professionellen Literaturleuten ins Gespräch kommt und dann verlässlich ­irgendjemand der Beteiligten fragt: Und? Wie schätzen Sie so unsere Zukunft ein?
Dabei geht es nicht um die Zukunft des gedruckten Buchs. Seit dem Aufkommen der ersten CD-ROM haben wir Zeit ­gehabt, uns an die "Attacken" der elektronischen Medien zu gewöhnen, und wir haben, hoffentlich, gelernt, ihnen die paar Prozent Marktanteil zu gönnen, ohne deswegen in Untergangsstimmung zu verfallen.
Nein, deswegen nicht. Das Problem ist nicht das Papierbuch. Das Problem ist das Verschwinden der Lust am Lesen von längeren und komplexeren Texten. Tatsächlich wird ja mehr gelesen denn je: E-Mails, SMS, Rabattanzeigen, überhaupt Werbung, Umleitungsschilder etc. pp. Buchstabenfolgen, die sich mit einem Blick begreifen lassen. Und natürlich ist es unvermeidlich, dass "Literatur" geschrieben wird, die keinen größeren Anspruch auf unser Konzentrations- und Kombinationsvermögen erhebt als jeder Werbeslogan.
Aber gab es das denn nicht immer schon? Natürlich, es gab auch früher das Vergnügen am Trivialen und Beiläufigen, why not?, aber es gab nicht in solchem Ausmaß diese Tendenz, die das sogenannte Anspruchsvolle so demonstrativ ins Abseits rückt. Die Bestsellerlisten des deutschen Buchhandels weisen unter den ersten 25 Sellern in der Regel maximal drei Titel auf, die auf den Literaturseiten der sogenannten Qualitätsblätter besprochen werden könnten. Da höre ich schon das Grummeln gegen die Hochnäsigen, die glauben, sie könnten etwas vorschreiben. Nein, niemand glaubt das ernsthaft und niemand will das, aber Bildung ist nicht nur etwas für Eingebildete. Selbstverständlich soll jede/r lesen, was er/sie will, aber es geht hier um ein Phänomen, das mehr betrifft als die Abendunterhaltung, Reise- und Urlaubslektüre.
Übrigens bewirken solche Rezensionen, die vor ein paar noch gar nicht so weit zurückliegenden Jahrzehnten einen kräftigen Verkaufsanstoß geben konnten, heute auch bei starkem Lob an der Buchhandelskasse oftmals kaum etwas.
Wenn aber die Freude am konzentrierten Lesen verschwindet, dann verschwindet nicht nur Sprachkunst, sondern auch die Anregung zu einer subtilen Wahrnehmung der Welt und unserer Psyche. Der Mensch ist nun mal kein einfaches Wesen, er funktioniert kompliziert und vertrackt, da können die ­Psycho-Ratgeber schreiben, was sie wollen, und wer glaubhaft und aufrichtig von ihm erzählen will, muss seinen Lesern ­etwas zumuten dürfen.
Natürlich stellt sich da die Frage, wie man denn das bewerkstelligen will/soll, den Leuten beizubringen, wie beglückend und befriedigend es sein kann, beim Lesen nicht gleich, sondern erst nach zehn Minuten zur nächsten Seite umblättern zu wollen (Pageturner sind kein Kompliment für Autoren). Und natürlich weiß ich das auch nicht. Oder doch? Auf die Gefahr, mich zu wiederholen: Man lese Gedichte! Es gibt keinen direkteren Weg zur Schönheit und ins Herz der Sprache und der Welt. Und ins eigene.

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