Kongress der Deutschen Fachpresse

Denke lieber quer und leidenschaftlich!

"Wir wollen uns bewusst auf die Suche nach Neuem machen", sagte Stefan Rühling, Sprecher der Deutschen Fachpresse, zur Eröffnung des Branchentreffens heute in Berlin. Etwa 550 Fachmedienmacher kamen zum zweitägigen Kongress mit Keynotes, Tech Outlooks, Sessions und Round Tables. Immer im Fokus: Digitalisierung und Innovation.  VON SABINE VAN ENDERT

Vortrag von Anja Förster

Vortrag von Anja Förster © Monique Wüstenhagen

7,65 Milliarden Euro haben die Fachmedienanbieter laut jüngster Fachpressestatistik im vergangenen Jahr im In- und Ausland umgesetzt - im vergangenen Jahr waren es noch 3,4 Milliarden Euro. Der Riesensprung hat methodische Gründe: Die alte Statistik fußte auf einer Basis aus dem Jahr 2000; die Befragung für 2017 wurde neu erhoben. Wichtigste Wachstumstreiber sind die Erlöse aus digitalen Medien, die mehr als 30 Prozent zum Gesamtumsatz beitragen. (Die Ergebnisse der Fachpressestatistik 2017 finden Sie hier.)

Stefan Rühling

Stefan Rühling © Monique Wüstenhagen

Portfolioerweiterungen gehören für die meisten Fachmedienanbieter seit Jahren zum Geschäft. Schon jetzt trägt das Digitalgeschäft mit einem Drittel zum Umsatz der Fachmedien bei, wobei nur wenige Häuser die Struktur der Statistik idealtypisch abbilden. Aber reicht das? Stefan Rühling, der nach zwei Amtszeiten als Sprecher der Deutschen Fachpresse sein Amt morgen abgeben wird, startete seine Eröffnungsrede mit Hegel: "Nichts wirklich Wichtiges ist ohne Leidenschaft erreicht worden", zitiert er den Philosophen. Der Wandel, die Veränderung der Fachinformationsvermittlung und der Mediennutzung, biete "Gestaltungsspielraum für Querdenker und Abenteurer", so Rühling. 


Medienpolitische Rahmenbedingungen / "Brüsseler Finsternis"

"Ich will nicht verschweigen, die Zeiten sind hart und in Brüssel und auch in Berlin weht uns aus vielen Seiten ein scharfer Wind entgegen", sagte Rühling mit Blick auf die politischen Rahmenbedingungen für Fachmedienanbieter. Urheberrechts-Wissengesellschafts-Gesetz, Datenschutz-Grundverordnung, e-privacy-Verordnung zählt er auf - neben fatalen Rückschlägen wie diesen, müsse es als Erfolg verbucht werden, "wenn nicht eine Verbesserung herbeigeführt, sondern weitere Verschlechterungen verhindert werden konnten".   

Rudolf Thiemann

Rudolf Thiemann © Monique Wüstenhagen

Die Medienpolitik war auch ein Schwerpunkt der Begrüßungsrede von Rudolf Thiemann, Präsident des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger VDZ. Die schon von Rühling genannten Punkte, ergänzt um zum Beispiel die Regulierung des Telefonmarketings, seien Regularien "aus der Brüsseler Finsternis, die uns das Leben schwer machen, ja teilweise existenzgefährdend sind", so Thiemann. Datenschutz, verstanden als Verbraucherschutz, sorge heute mehr und mehr dafür, dass der Wettbewerb ausgehebelt werde, weil Facebook damit besser umgehen könne, als viele kleine Häuser. Scharf kritisierte Thiemann auch, dass, zumindest dem Vernehmen nach, die Staatsministerin für Digitales Dorothea Bär das Leistungsschutzrecht ablehnt. Thiemann: "Was für ein merkwürdiges Verhältnis hat die Staatsministerin zum Eigentüm, zur Wertschätzung und zur Kreativität?"

Aufruf zum Experiment

Anja Förster verstehe sich darauf, "Routiniers intellektuell zu beunruhigen", kündigte Kongress-Moderator Torsten Casimir, Chefredakteur des Börsenblatts, die Bestsellerautorin und Managementberaterin Anja Förster an, die in Berlin sehr eindringlich für das Experiment als Management-Strategie warb. Die Dinge ein klein wenig anders zu machen als der Wettbewerber, reiche nicht mehr aus. Und was braucht man laut Förster für die großen Veränderungen? Durchhaltevermögen, um mit den Bewahrern fertig zu werden, und eine Geisteshaltung, die ständig den Status quo hinterfragt. 

"Je länger Sie in einer Branche tätig sind, desto mehr nehmen die intellektuellen Zwangsjacken zu", warnte sie die Fachmedienexperten. Und je mehr man an Dogmen festhalte, desto mehr öffne man anderen das Feld. Erfolgsrezepte hatte die viel beschäftigte Top-Speakerin nicht dabei, aber jede Menge Anregungen, wie zum Beispiel: 

  • offenes Denken bei sich selbst und bei den Mitarbeitern etablieren
  • viele Ideen entwickeln und ausprobieren ("Wer mehr Meisterwerke zustande bringt, produziert auch mehr Mist; Beethoven, Mozart und Bach haben wahnsinnig viel komponiert.") 
  • Fehler akzeptieren; Stolz auf Flops sein, einen Award für die besten Flops ausloben 
  • als Chef experimentierfreudig vorangehen 
  • für alle Mitarbeiter einen Tag im Quartal einführen, an dem sie arbeiten dürfen, was und wo sie wollen (Berichtspflicht!)

Nach Hegel bringt Anja Förster Marcel Proust ins Spiel, der gesagt haben soll: "Die eigentliche Entdeckung besteht nicht darin, Neuland zu finden, sondern mit neuen Augen zu sehen."

4.0 - 5.0 - 6.0 Digitalisierung

Bernhard Rohleder

Bernhard Rohleder © Monique Wüstenhagen

Jedes zweite Unternehmen läuft der Digitalisierung hinterher, drei von zehn Unternehmen haben keine Digitalstrategie, nur jedes fünfte Unternehmen investiert in Digitalisierung - wenig schmeichelhafte Umfrageergebnisse hatte Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer des Digitalverbands Bitkom, im Gepäck. Er illustrierte die Zahlen mit Amazon/Quelle und Apple Watch/Schweizer Uhrenindustrie: Apple habe zehnmal mehr Uhren als die Schweizer verkauft, weiß der Digitalist. 

Und wer ist schuld? "Unfähiges Management", in diesem Punkt war Rohleder sehr deutlich. "Wir brauchen Wachheit und Mut beim Management", mahnte er. Mehr junge Menschen in Verantwortung kann seiner Meinung nach helfen.  

Die Themen am Nachmittag liefern den richtigen Nachhilfeunterricht und Anregungen für Jung und Alt: Es geht um Digitale Transformationsprozesse (Carsten Linz, SAP), (globale) Unternehmensstrategien (Roland Herkert, Forum Media Group und Thomas Wendt, Axel Springer SE) und um die Notwenigkeit von Start-up-Spirit und Coding-Know-how (Thomas Bachem, Code University)! 

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