Lektüreempfehlung: „Die Reise in den Westen“

Buddhistische Schlitzohren und jede Menge Action

In China gehört das Buch seit Jahrhunderten zur Populärkultur, hierzulande ist es beinahe unbekannt: Fast 20 Jahre lang hat Eva Lüdi Kong „Die Reise in den Westen“ ins Deutsche übersetzt. Anfang des Jahres hat der Reclam-Verlag die Abenteuergeschichte als bibliophile Ausgabe aufgelegt. Eine Entdeckung. KAI MüHLECK

Mehr als 1.200 Seiten Lesestoff, rund 100 Holzschnitte aus verschiedenen chinesischen Buchausgaben, ein umfangreicher Anmerkungsapparat: Auf den ersten Blick ist „Die Reise in den Westen“ allein etwas für Liebhaber. Doch der Eindruck täuscht: Nicht grundlos gehört der Roman in China zum Allgemeingut, wer nicht eine der (meist stark gekürzten) Buchausgaben kennt, ist mit der Pilgergeschichte des Vierergespanns um den mächtigen Affenkönig Sun Wukong aus Videospielen oder Comics vertraut – man denke nur an die populäre Serie „Dragonball“ oder den Film „The Monkey King“. Auch Kinderbuchausgaben des Stoffs gibt es zuhauf.

„Die Reise in den Westen“ thematisiert eine klassische Heldenreise: Der Mönch Tripitaka ist ausersehen, heilige, buddhistische Schriften – mehr als 15.000 Schriftrollen an der Zahl – im Osten aus den Händen Buddhas in Empfang zu nehmen und zu den Gläubigen im Westen zu bringen. Denn um den Glauben und die Sitten im Reich der Mitte steht es nicht zum Besten.

Zwischen ihm und der Erfüllung der Reise stehen nicht nur Meere, unüberwindliche Gebirge und reisende Flüsse, sondern auch zahllose Ganoven, Halsabschneider und eine ganze Armee mächtiger Dämonen. Darum richtet der himmlisch-bürokratische Machtapparat es so ein, dass der Priester tatkräftige Unterstützung erhält – übersinnliche Helferfiguren, wie sie auch die abendländische Märchentradition hervorgebracht hat.

Nachdem der mit Superkräften ausgestattete Herzaffe Sun Wukong bei einem Himmelsturm jede Menge göttlicher Persönlichkeiten vermöbelt und verspottet hat und dafür ein halbes Jahrhundert eingekerkert wurde, will er nun die Erleuchtung erlangen. Halb freiwillig, halb zu seinem Glück gezwungen, schließt er sich darum dem Priester Tripitaka an. Nach und nach gesellen sich auf der abenteuerlichen Reise der Eber Bajie und der Sandmönch hinzu.

Ebenso spannend wie die einzelnen Abenteuer und zahllosen Kämpfe mit den Dämonen ist die Gruppendynamik der bunt zusammengewürfelten Reisegesellschaft: Reibereien sind vorprogammiert, weil der subversive Affenkönig sein freches Mundwerk nicht zügeln kann und zu Gewaltausbrüchen neigt und sich dem pazifistischen und vegetarisch lebenden Priester nicht unterordnen möchte. Selbstredend ist der gefräßige und faule Eber auch nicht immer die größte Hilfe wenn es gilt, gegen wilde Tiere, intrigante Mönche oder machtvolle Dämonen zu bestehen. Was uns heute aus Kung-Fu- oder Superheldenfilmen bekannt ist, wird hier bereits vorweggenommen: Erstaunliche Waffen und und wunderbare Artefakte, die sich verwandeln, Helden, die auf Wolken wie ein Blitz durch die Luft schießen, Metamorphosen und Zaubermächte im Überfluss. Kommentiert wird der Kampf von Gut gegen Böse stets mit derben Sprüchen des Affenkönigs. Da wird schon einmal auf Schädel gehauen, dass „das Gehirn herauspritzt“ oder das Blut „aus allen sieben Körperöffnungen“, da muss leiblichen Versuchungen widerstanden werden und geschehen die unwahrscheinlichsten Dinge: Männer werden schwanger, Tote lebendig, Bhodisatvas greifen ins Weltgeschehen ein.

Die Reise der Helden steht symbolisch für eine Reise ins Innere. Sie ist Ausdruck eines daoistischen und buddhistischen Strebens nach Vollkommenheit und der Bezwingung des wilden Herzens und menschlichen Begehrens. Weit gefehlt übrigens, wer glaubt, dass diese irre Geschichtensammlung keinen wahren Kern hat, wie die Übersetzerin im Nachwort mitteilt: Der buddhistische Priester Xuanzang (596–664) machte sich als junger Mann ganz und gar illegal auf in das ferne Indien, um buddhistische Lehren zu finden. Fast 20 Jahre lang durchquerte er fast fünfzig Länder, um im Jahr 639 mit über sechshundert buddhistischen Schriften im Gepäck in die chinesische Hauptstadt Chang’an zurückzukehren. Bis der Roman zu dieser Reise im 17. Jahrhundert erstmals von unbekannten Verfassern zu Papier gebracht wurde, wurden diese Abenteuer von Geschichtenerzählern 1.000 Jahre auf Marktplätzen ständig erweitert und kräftig ausgeschmückt.

Nun ist der Roman, der halb Abenteuergeschichte und halb philosophisches Werk ist, erstmals vollständig und kommentiert in deutscher Übersetzung zu haben – und einer Entdeckung wert.

Die Reise in den Westen
Reclam Verlag, 1320 Seiten, 88 Euro 

Mehr Informationen und Leseprobe unter reclam.de

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