Literaturagent Mladen Jandrlic über abgelehnte Manuskripte

Lektoren sind böse

Ignorant, ohne Kenntnis der Kinderseele, leseförderfeindlich: Kinderbuchlektoren wird die Ablehnung eines Manuskripts besonders übel genommen. Meint Mladen Jandrlic.

"Wie können Sie ruhig schlafen, nachdem Sie so viele Träume zerstört haben?" Die Frage kam von einer Frau, die uns regelmäßig Kindergeschichten schickte und sich nur schwer damit abfinden konnte, dass ihre Texte genauso ­regelmäßig abgelehnt wurden. Die Frau war Kindergärtnerin, erfand und erzählte also auch berufsbedingt täglich Kinder­geschichten. Umso schwerer fiel es ihr zu akzeptieren, dass ihre mehrfach am Zielpublikum erprobten und von Kernkompetenzträgern für gut befundenen Erzählungen vom Lektorat abgewiesen wurden. Entweder verstand der Lektor einfach nichts von guten Kindergeschichten. Oder er war schlicht böswillig, freute sich hämisch über die Enttäuschung der Autorin und genoss es, deren Träume und Hoffnungen zu zerstören.

Vermutlich werden Ablehnungen niemandem so übel genommen wie Kinderbuchlektoren. Denn wer Geschichten für Kinder erfindet, möchte mehr als nur unterhalten oder gut erzählen oder eigene Erfahrungen literarisch verfremden. Kindergeschichten werden zusätzlich mit wichtigen Botschaften, Lebensgrundsätzen und nützlichem Wissen befrachtet. Wer eine solch gewichtige Geschichte ablehnt – so die Vorwürfe der abgewiesenen Autoren – versündigt sich automatisch an wesentlichen erzieherischen Grundsätzen. Darum wird Kinderbuchlektoren nicht einfach Banausentum vorgeworfen, wie allen anderen Lektoren, wenn sie Manuskripte ablehnen. In den Augen der Ablehnungsopfer sind Lektoren in Kinderbuchverlagen zudem schlechte Menschen, denen die Kinder zu wenig wichtig sind.

Natürlich sind solche Vorwürfe unsinnig. Aber gerade das Pendeln zwischen Nutzen und Vergnügen, das für die Kinderliteratur seit ihren Anfängen bezeichnend ist, macht es so spannend, im Lektorat eines Kinderbuchverlags zu arbeiten. Man muss aus einer Fülle gut gemeinter Texte die gut geschriebenen auswählen, solche, die nicht postulieren, sondern heranführen, dazu unterhaltsam und fantasievoll sind, verspielt und inspirierend. Denn die Kinder haben die Gabe, aus fremden Geschichten neue und eigene zu machen. Darüber hinaus darf man aber auch die kaufmännischen Kriterien nicht vergessen; man muss kalkulieren und abwägen, mit dem Vertrieb über Auflagen, mit der Marketingabteilung über all die Begleitmaßnahmen für den Verkauf diskutieren, sich nach der richtigen Illustratorin für die betreffende Geschichte umsehen und sich schon mal die Argumente für die Vertreterkonferenz zurechtlegen. Die Vertreter werden nur halb im Scherz als die natürlichen Feinde des Lektors bezeichnet; bei Kinderbuchverlagen wird diese Feindschaft mit be­sonders harten Bandagen ausgefochten, im Gegensatz zur landläufigen Vermutung, dass Menschen, die mit Kinderbüchern befasst sind, immer nur lieb zueinander sind.

Als Ausgleich für den Kampf und den Frust über die unvermeidlichen Niederlagen genießt man umso mehr die schönen Momente: den ersten Blick aufs Storyboard, das die Illustratorin einem geschickt hat, die Zusammenarbeit mit der Autorin und dem Illustrator beim Abstimmen der Bilder auf den Text, die Prüfung der ersten Farbandrucke, die Vorfreude auf die Freude der Kinder, wenn sie das neue Buch in die Hände bekommen.

Schlafstörungen? Sie sind in der Tat ein Problem. Aber nicht aus dem Grund, den sich die erwähnte Kindergärtnerin erhofft hatte. Vielmehr sind sie eine Folge der Erkenntnis, dass in ein Kinderbuch zu viele Erwartungen gesteckt werden, als dass es einem je gelingen könnte, sie restlos zu erfüllen.

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