Literaturmarkt Indonesien

Was wirklich geschieht

Frauen dominieren derzeit die Literatur Indonesiens. Mit ihren Büchern schrecken sie auch vor düsteren Themen nicht zurück. Tabus werden gebrochen. Ein Überblick über Lesenswertes aus dem Land des Ehrengasts. VON HOLGER HEIMANN

Buchladen in Jakarta © Philip Günther

In Jakarta ist beinahe jeder auf eigenen Rädern unterwegs – der Verkehrskollaps wird so zum Dauerzustand. Das liegt auch daran, dass es einen städtischen öffentlichen Nahverkehr kaum gibt. Die Ruhe und Stille, die zur Lektüre erforderlich sind, sucht man mithin in der quirligen und durchaus anstrengenden Metropole meist vergeblich. Das Bild eines Menschen mit Zeitung oder Buch in der Hand gehört nicht zu den verbreiteten Straßenszenen. Aber auch außerhalb der indonesischen Hauptstadt halten die Menschen nicht viel von Literatur, zumindest lesen sie wenig. Während die legendären Auftritte eines der bekanntesten Poeten, des 2009 verstorbenen Rendra, eine enorme Anziehungskraft entwickelten, fanden seine Gedichtbände kaum Absatz. Und das ist heute nicht anders. Denn Indonesien ist traditionell eine Hör-, keine Lesegesellschaft.

Lyrik wird nur in Kleinstauflagen verbreitet. Immerhin lassen sich jetzt in deutscher Übersetzung die Verse der wohl wichtigsten Dichterin Dorothea Rosa Herliany entdecken: »Schenk mir alles, was die Männer nicht besitzen« ist eine Feier des Weiblichen, bei der viel Männerblut fließt. Der Dichter, Übersetzer und Verleger Agus Sarjono hat außerdem zusammen mit dem deutschen Indonesien-Spezialisten Berthold Damshäuser die Anthologie »Sprachfeuer« herausgegeben, die einen guten Überblick über die moderne indonesische Lyrik bietet. 

Agus Sarjono schätzt, dass sich nur fünf bis zehn Prozent der Indonesier für Bücher interessieren. »Vielen ist einfach nicht klar, dass Lesen ungeheuer spannend sein kann«, sagt er. Dabei gibt es eine ganze Reihe interessanter neuer indonesischer Stimmen zu entdecken, die sich keinerlei Verboten mehr beugen müssen; seit der Etablierung einer Demokratie 1998 ist die Zensur abgeschafft. 

Einige der besten Bücher zeichnen ein Bild des Landes, das den meisten hierzulande unbekannt sein dürfte. Denn wenn deutsche Leser an Indonesien denken, kommt vielen vermutlich zuerst Bali in den Sinn: ein exotisches Urlaubsparadies mit viel Sonne, Musik und Tanz. Die Insel, die Oka Rusmini in »Erdentanz« porträtiert, sieht anders aus: Die Lebensläufe balinesischer Frauen, denen Oka Rusmini über vier Generationen folgt, sind allesamt durch ein streng hierarchisches Kastensystem vorherbestimmt und normiert; Abweichungen werden sanktioniert.

Andere indonesische Schriftstellerinnen (es sind aktuell vor allem Frauen!) erinnern daran, dass ihr Land vor 50 Jahren zu einem Massengrab wurde – ein bis heute unbewältigtes Trauma. Einer 1965 entfesselten Hatz auf Kommunisten fielen in wenigen Monaten schätzungsweise eine Million Menschen zum Opfer. Europäer wissen erstaunlich wenig über das massenhafte Morden auf dem Archipel. Der Film »The Act of Killing« von Joshua Oppenheimer hat die Schlächterei 2012 in schaurige Bilder gefasst. Im selben Jahr erschienen in Indonesien zwei Romane zu dem düsteren Kapitel, die es jetzt in deutscher Übersetzung gibt:

• »Pulang (Heimkehr nach Jakarta)« umspannt im Kern die Zeit von 1965 bis zum Ende der Suharto-Ära und seines Regimes 1998. Schauplatz ist jedoch zunächst überwiegend Frankreich. Denn nicht zuletzt ist das Buch von Leila Chudori ein schmerzlicher Exilroman: Einige Freunde, die sich vor der Verfolgung retten konnten, bauen sich in Paris mühsam eine neue Existenz auf. Aber die Heimatsehnsucht lässt sie nicht los – vor allem Dimas nicht, eine der beiden Hauptfiguren. Erst seine Tochter Lintang kann wahr werden lassen, was ihm verwehrt bleibt: Ihre Reise nach Jakarta führt sie mitten hinein in ein Land im Umbruch, das schwer an seiner Geschichte trägt. 

• Auch Laksmi Pamuntjak – wie Chudori Journalistin beim wichtigsten politischen Magazin des Landes, »Tempo« – geht es in ihrem Debüt »Alle Farben Rot« nicht ausschließlich um die 50 Jahre zurückliegenden traumatischen Ereignisse, sondern um den Umgang damit. Ihre Protagonistin Amba will endlich wissen, was aus dem Mann wurde, den sie über alles geliebt hat und der in den Wirren der Jahre 1965 / 66 spurlos verschwunden ist. Zusammen mit einem ehemaligen Häftling reist sie 40 Jahre später auf die entfernte, frühere Gefangeneninsel Buru, um mehr über das Schicksal Bismas zu erfahren – misstrauisch beäugt von den lokalen Behörden.

Seit jeher hat die indonesische Literatur dem offiziellen, von Denkverboten bestimmten Geschichtsbild eine andere, differenzierte Sicht entgegengestellt. Der bedeutendste moderne Autor des Landes, der mehrmals als Nobelpreiskandidat gehandelte Pramoedya Ananta Toer etwa, hat das in seinem autobiografischen Werk »Stilles Lied eines Stummen« (leider vergriffen) getan – unter schwierigsten Arrestbedingungen. 

Auch Ahmad Tohari (von seiner Romantrilogie gibt es auf Deutsch die ersten beiden Bände) und Umar Kayam (»Ein Hauch der Macht«, vergriffen) haben die Massenmorde in ihren Büchern keineswegs ausgespart. Doch erst seit dem erzwungenen Rücktritt Suhartos 1998 können die traumatischen Ereignisse offener und mit Nachdruck thematisiert werden.

Die erste Autorin, die das tat, war Ayu Utami. Ihr Roman »Saman«, der gleich mehrere Tabus brach und sie in Indonesien bekannt machte, erschien noch in den letzten Wochen der Diktatur; auf Deutsch kommt jetzt auch die Fortsetzung »Larung« heraus. Rückblickend sagt Ayu Utami: »Unser Verständnis von Geschichte wurde kontrolliert. Es gab nur eine Wahrheit. Alles war sehr einfach und klar. Aber die Realität ist natürlich nie so simpel. Das ist der Grund, warum ich in solch fragmentierter, chaotischer Weise geschrieben habe. Die Wahrheit selbst ist doch chaotisch.« Tatsächlich fordern beide Romane ihre Leser durch den raschen Wechsel von Themen und Erzählstilen. Aber es ist allemal lohnenswert, sich auf das Puzzle von Geschichten einzulassen, die von der Zeit einer mörderischen Massenhysterie erzählen und vom tradierten Erbe der Gewalt bis in die Endzeit der Suharto-Regentschaft.

Einigermaßen überraschend wurde »Saman« zum Bestseller in Indonesien. Das Buch habe auf die Sehnsucht nach Freiheit geantwortet, glaubt Ayu Utami, die allein deswegen eine Ausnahmeerscheinung in Indonesien ist, weil sie vom Schreiben leben kann. Das gilt neben ihr auch für einen anderen Autor: Andrea Hirata hat seinen einstigen Brotberuf bei Telkom Indonesia vor Jahren schon aufgegeben, die Tantiemen seiner Bücher bringen längst mehr ein. 

Sein neuer, neunter Roman, »Ayah« (»Vater«), wird in Indonesien gerade vom Stapel verkauft. Zu verdanken hat er die Popularität seinem 2005 publizierten Debüt »Laskar Pelangi«, zu Deutsch »Die Regenbogentruppe« – einer autobiografisch grundierten, anrührenden Geschichte über zehn Freunde, die eine kleine, baufällige Dorfschule besuchen und sich durch nichts von ihrem Lerneifer abbringen lassen. 

Aus Dankbarkeit und als Geschenk für seine frühere Lehrerin hat der Autodidakt in wenigen Wochen das Buch geschrieben, das nach seiner Auskunft eigentlich nicht zur Veröffentlichung bestimmt war und ihn berühmt machte. »Die Regenbogentruppe« wurde nicht nur in Indonesien mit mehr als fünf Millionen verkauften Exemplaren zum Hit, sondern – in 25 Sprachen übersetzt – weltweit gelesen.

Der zweite auf Deutsch erschienene Roman »Der Träumer« ist eine Kompilation aus drei Büchern, in denen die Geschichte des jungen Helden und Ich-Erzählers Ikal fortgeschrieben wird. Andrea Hiratas literarischer Doppelgänger folgt auch weiterhin unbeirrt seinen Idealen. Er macht sich auf den Weg nach Jakarta und studiert schließlich sogar in Paris und Sheffield. Zurück in Indonesien, findet er eine Anstellung bei einem Telekommunikationsunternehmen in der Hauptstadt. Und nicht nur das, er trifft auch seine Jugendliebe wieder – alle Träume erfüllen sich. In Indonesien wird Andrea Hirata wie ein Nationalheld verehrt und gefeiert. Denn seine Romane sind eine grandiose Projektionsfläche für die Wünsche und Sehnsüchte vieler im Land. Die junge Autorin Okky Madasari verfolgt mit ihrem Schreiben ein diametral entgegengesetztes Programm: »Ich habe vier Romane geschrieben, sie handeln alle von den Lebensverhältnissen in meiner Heimat. Ich möchte die Probleme in Indonesien zeigen: Ungerechtigkeit, Korruption, Diskriminierung, Armut, Gewalt«, sagt sie. Ihr neuer und als erster ins Deutsche übersetzter Roman »Gebunden – Stimmen der Trommel« führt ins Transvestitenmilieu und zeigt mit großer Drastik, dass Minderheiten, Menschen, die sich gesellschaftlichen Vorgaben nicht unterordnen wollen, im Indonesien der Gegenwart angefeindet werden. Es gilt das Recht des Stärkeren, ein Menschenleben zählt nur wenig. Die engagierte Okky Madasari besteht darauf: »Das Buch reflektiert das, was tatsächlich geschieht.«

Das gilt auch für die analytischen Reportagen von Linda Christanty. Ihr Buch »Schreib ja nicht, dass wir Terroristen sind!« führt nach Aceh auf Sumatra und über die Grenzen des Inselstaats hinaus in andere Regionen Südostasiens. Überall trifft die Autorin auf Unterdrückung und Willkür. Und sie deckt Unrecht auch dort auf, wo es auf jede nur erdenkliche Weise verschleiert werden soll.

In ihrer Examensarbeit in Politikwissenschaft hat Okky Madasari vor einiger Zeit die zunehmende Verbreitung eher seichter Werke, die häufig mit islamischen Motiven spielen, in Indonesien analysiert. »Die Leute mögen solche Bücher«, sagt sie. »Aber was sollen wir tun? Wir müssen weiter schreiben und die Menschen ermuntern, unsere Bücher zu lesen.« Dieses Anliegen teilt sie mit den interessanteren Schriftstellern ihres Landes. Die jetzt ins Deutsche übersetzten Titel zeigen jedenfalls, dass es lohnenswert sein kann, sich auf indonesische Literatur einzulassen. 

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