Martina Bergmann über die Buchpreisbindung

Nebelfrei Bescheid wissen

In der Buchhandlung von Martina Bergmann sorgen sich jetzt schon die Kunden um die Buchpreisbinung. Dabei sei sie gar nicht das Problem, sondern Teil des "romantischen Nebels, in dem man sich vor den Herausforderungen der Gegenwart verstecken kann", meint die Verlegerin und Buchhändlerin aus Borgholzhausen. Und sorgt in sechs Punkten für Licht. 

Martina Bergmann

Martina Bergmann © Bergmann Verlag

"Wenn die Buchpreisbindung fällt, müssen kleine Buchläden schließen", beschied mich ein Kunde. Er hatte das irgendwo gehört und wollte sich dazu besprechen. Ich überlegte, was ich sagen sollte. Das Bild allein war irritierend genug. Denn wie fällt ein Gesetz? Wie ein Dominostein, dem andere folgen? Keine Ahnung. Ich meine auch, die Buchpreisbindung ist gerade kein akutes Problem. Sie wird aber gern vorgeschoben. Lobbyarbeit und liebevoller Heimatschutz am Sortimentsbuchhandel haben einen romantischen Nebel produziert, in dem man sich vor den Herausforderungen der Gegenwart ganz gut verstecken kann - als Kunde wie als Sortimentsbuchhändler. Deswegen etwas Licht:

1. Die Buchpreisbindung als Preisabsprache zwischen Buchhändlern, Verlegern und Großhändlern existiert in den Ländern deutscher Sprache seit 1888. Die Verfassungsform nannte sich konstitutionelle Monarchie, das Staatsoberhaupt war ein 1797 geborener Mann namens Kaiser Wilhelm. Wollte man ernsthaft diskutieren, der Sortimentsbuchhandel würde durch die Abschaffung der Preisbindung unmittelbar dahingerafft, müsste man eine historische Vergleichssituation von vor 1888 aufsuchen. Ich halte das für verwegen.

2. Dass sich die Männer im Börsenverein, allen voran der Vorsteher Adolf Kröner (1836-1911) aus Stuttgart, auf Preisabsprachen verständigten, lag an der miserablen Situation der Provinzbuchhändler. Seit 1875 galt die Reichspostordnung mit einheitlichen Bemessungen und Tarifen. Ländliche Kunden ließen sich Ware aus Leipzig und Berlin frei Haus kommen, und die großen Händler gewährten hohe Nachlässe. Das Klagewort der Stunde lautete Schleuderei. Die Krönersche Reform basierte auf Kollegialität. Dass man miteinander gut umging, scheint mir erwähnenswert. Man sollte das beibehalten. Und man sollte sich hin und wieder darüber freuen, dass die Diskussionen über den Buchhandel heute von Männer und Frauen einigermaßen gleichberechtigt geführt werden.

3. Das Preisbindungsgesetz ist kein Anti-Amazon-Gesetz. Es trat 2002 in Kraft und überführte die weitgehend privatrechtlich gehandhabte Buchpreisbindung in ein Gesetz auf Bundesebene. Hintergrund waren kartellrechtliche Bedenken der EU-Kommission. Das exponentielle Wachstum des Onlinehandels hat damit nichts zu tun. Wir können aber in dieser Situation über unser Biotop von preisgebundener Ware und funktionierender, eigener Logistik sehr froh sein. Ich finde den Verweis auf die sozialversicherungspflichtig beschäftigten Barsortimentsfahrer ein gutes Argument gegen Amazon. Kurierdienstfahrer aus Bulgarien tun mir immer Leid. Sie sind die neuen Dienstboten in Europa, und ich finde das unmöglich.

4. Ein vergleichbarer Konflikt zwischen Konsumentenverhalten und dem Anpassungsdruck auf stationäre Einzelhändler wäre die Abgrenzung zum Warenhausbuchhandel um 1900. Arrivierte Verleger verweigerten die Belieferung von Kaufhaus Wertheim in Berlin. Es fanden sich neue Verleger für Wertheim, und das sogenannte billige Buch, ein um die Jahrhundertwende zwischen Bestseller-Autoren und ihren Verlegern hitzig diskutiertes Thema, führte langfristig zu einer Preisanpassung, die allen Lesern zugutekam. So etwas nennt sich Innovation.

5. Innovation ist gut, auch im Kulturbereich. Ich habe in diesem Text das Thema der Kulturvermittlung bisher vermieden. Das ist philologisch unpräzise, denn jeder einzelne Aufsatz, jeder Brief und alle Kommentare zum Preisbindungsgesetz salzen mit der Vokabel "Kultur" herum wie ein verliebter Aushilfskoch. Aber keiner definiert den Begriff. Das wiederum halte ich für waghalsig. Vieles, was der inhabergeführte Sortimentsbuchhandel derzeit unter dem Label eines kulturellen Auftrags durchführt, ist nicht sehr geistreich. Ich will damit nicht sagen, dass es keine leichten Bücher geben soll. Nur: Die Preisbindung für Vampirromane ist längst nicht so glaubwürdig wie die für Goethes Faust.

6. Es sind schon gefährlichere Produkte als Ausmalbücher für Erwachsene und Serienromane aus dem fiktiven Hochadel erschienen. Sie sind nicht so wichtig, und sie dürfen gern auch einfach Geld verdienen. Entscheidend (und preisbindungswürdig) sind die Bücher mit den Texten: Große Romane, historische Überlieferung, profundes Wissen, das es eben nicht bei Google gibt. Diesen Inhalten müssen wir uns wieder stärker widmen. Der ökonomische Schutz des Buchhandels ist mit Verpflichtungen verbunden. Ich möchte sie behelfsweise unter dem Begriff "Kompetenz" zusammenfassen. Ein Anfang wäre, über die Preisbindung nebelfrei Bescheid zu wissen und den Kunden zu sagen: Der Buchhändler lebt grundsätzlich nicht vom Preisbindungsgesetz, sondern von Ihrem Umsatz.

 

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8 Kommentar/e

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  • Heike Gerdes

    Heike Gerdes

    So richtig der Grundgedanke ist, dass der kleine Buchhändler nicht von der Buchpreisbindung lebt, sondern vom Umsatz mit seinen Kunden, so bedenklich finde ich die Unterscheidung in schützenswerte "ernsthafte" Literatur einerseits und Unterhaltung andererseits. Mit viel Mühe und auch Investitionen durch mutige Verlage haben sich bestimmte Genres wie der Kriminalroman in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten aus der Schmuddelecke der Schundliteratur herausgearbeitet. Viele gesellschaftliche relevante Themen werden in diesen Romanen aufgegriffen und erreichen damit Leser, die es durch die unterhaltende Verpackung eher rezipieren als wenn es im Feuilleton, Politikmagazin oder ähnlich "elitären" Medien dargereicht würde. All dies zu negieren, indem man nur die "gehobene Literatur" oder die "toten Dichter" unter Schutz stellt, wäre ungerecht, realitätsfern und ziemlich arrogant. Denn wer legt dann fest, was schützenswert ist? Wir wollen doch keine Einführung einer neuen Schriftkammer für so etwas. Und wenn es die Preisbindung nicht gäbe, würde das nicht nur die kleinen Buchhändler, die beim Lieferanten schlechtere Rabatte bekommen als die Ketten, in Not bringen. Auch die unabhängigen Verlage, die nicht nur auf Massentaugliches oder im Ausland erprobte Titel setzen, hätten das Nachsehen. Und damit letztlich auch der Leser, dem Vielfalt verloren ginge.

  • Harald Kraft

    Harald Kraft

    @Frau Gerdes
    Frau Bergman setzt sich für den Erhalt der Buchpreisbindung ein.
    Und diese ist notwendig, um die Vielfalt der Bücher bei uns zu erhalten.
    Zudem haben Bücher auch ja einen kulturellen Wert.

  • Dieter Dausien

    Dieter Dausien

    Frau Bergmanns Erzählungen scheinen jedenfalls zur schützenswerten Hochkultur zu gehören, denn ich verstehe sie (mal wieder) nicht.

    Im Ernst: Wer kommt denn auf dieses schmale Brett, Inhalte in mehr oder weniger schützenswert aufzuteilen?!? Und was soll die Haarspalterei, ob wir "von der Preisbindung" leben: Natürlich leben wir vom Umsatz des Kunden. Der allerdings dürfte ohne Preisbindung nur noch stark dezimiert bei uns ankommen. Und warum meint Frau Bergmann, der Buchhandel sei nicht innovativ genug, sondern verstecke sich in "liebevollem Heimatschutz und romantischem Preisbindungs-Nebel"? Ich versteh' das alles nicht . . .

    Meine Frage nach dem Lesen dieses Beitrags lautet: Was will Frau Bergmann uns eigentlich sagen?

  • Finny

    Finny

    Ich bin für die Buchpreisbindung - als Kunde. Ich finde es sehr angenehm, dass Bücher überall gleichkosten. Ganz entspannt kaufe ich mal hier, mal dort. Immer mit gutem Gefühl. Einziger Nachteil: Buchhandlungen fehlt leider der Wettbewerb. Konkurrenz belebt das Geschäft - heißt es. Ich erlebe viele Buchhändler als selbstzufrieden und als Gralshüter der Deutschen Kultur. Meine Güte! Wenn ich lese, dass man sich über die Empathie von Kunden hier empört. Nee, Umsatz sollen sie bringen. Melkkuh Kunde. Ich meine nicht mal speziell die Autorin. Nichts für Ungut. An dieser Stelle lese ich gefühlt viele Artikel, in denen man sich über die Kunden öffentlich echauffiert. Sorry, aber ich kaufe Bücher aus Vergnügen. Aber nur da, wo es Spaß macht. Natürlich geht es ums wirtschaftliche Überleben - aber wie wäre es, da mal an die Verlage ranzutreten? Bessere Konditionen auszuhandeln. Selber Affiliate-Marketing auszuprobieren. Manchmal möchte man nur rufen: Leute, kommt in die Puschen, mit Kundenbeschimpfung ist noch keiner reich geworden. Ich bin dann mal Lesen.

  • JG

    JG

    In meinen Augen ist die Argumentation pro Buchpreisbindung in diesem Artikel relativ umständlich und den romantischen Nebel kann ich nirgendwo so recht erkennen. Wenn die Autorin des Artikels jetzt noch anregt, aufgrund inhaltlicher Kriterien Sinn und Unsinn der Preisbindung zu hinterfragen, beginnt der Nebel tatsächlich, sich zu verdichten. Und bei aller Anerkennung für historische Zusammenhänge: wir müssen natürlich nicht "eine historische Vergleichssituation von vor 1888 aufsuchen", um durchzuspielen, wie sich die Abschaffung der Preisbindung auswirkt. Ein paar Kleinigkeiten haben sich vermutlich seit dem verändert. Aber wir können nach Großbritannien schauen, wo ein großer Teil der Branchenteilnehmer mittlerweile die Preisbindung zurückwunscht.

  • Jenny

    Jenny

    Ich finde diese Punkte ehrlich gesagt recht inhaltsleer und schwafelig.
    Eine historische Vergleichssituation von vor 1888.. wieso? Seither hat sich so einiges ein wenig verändert. Meines Wissens nach kam zum Beispiel das Internet und mit ihm die Onlinehändler ein wenig später. Müsste ich nochmal genau nachschlagen. Sollte aber eine Vergleichssituation doch vonnöten sein, so wird sie gleich in Punkt 2 selbst angeführt: Den Provinzhändlern ging es schlecht. Das wäre heute mit fallender Buchpreisbindung (ja, ich werfe sie absichtlich wie einen Dominostein) nicht anders. Wobei in diesem Fall die Provinz der vor allem inhabergeführte, stationäre Buchhandel wäre. Die Filialisten könnten ja vermutlich etwas länger ausharren.

    Den Begriff der "Kultur" mit inhaltlichem Gefallen zu definieren, ist völliger Quatsch. "Das Gesetz dient dem Schutz des Kulturgutes Buch", heißt es im Buchpreisbindungsgesetz. Und natürlich ist jedes Buch ein Stück Kultur. Mag es inhaltlich noch so sehr missfallen oder gegen Goethe abstinken - es malt ein Bild unserer Gesellschafts- und Bildungsstruktur. Ich persönlich hätte Goethe im Vergleich zu seinen Schreiberkollegen auch den Rang des Kulturellen abgesprochen, wäre ich dazu gezwungen worden, eine Unterscheidung festzusetzen. Aber zum Glück zwingt uns ja niemand. Und egal, ob Goethe oder Vampirroman - die Hauptsache ist doch, dass die Menschen lesen. Was und wie ist mir herzlich egal. Mein Geschmack muss es ja nicht sein. Was mir - und uns allen - nicht herzlich egal ist, ist die Frage nach dem Wo. Und diese kann nur mit "In der örtlichen Buchhandlung" beantwortet werden, solange es diese auch noch gibt. Ohne Buchpreisbindung wird das nicht so sein. Und deshalb antworte ich gern jedem Kunden, der mich auf selbige anspricht gern, wie sehr ich sie begrüße und dass wir ohne sie ein ganzes Stück näher an unserer Arbeitslosigkeit wären.
    Achso: Und ja, der Buchhändler lebt nicht grundsätlich vom Preisbindungsgesetz, das ist richtig. Aber weitergedacht: ohne Preisbindung keine Chance gegen den Onlinehandel, also keine Überlebenschance.

    Während ich hier so schreibe frage ich mich übrigens, was genau der Beitrag eigentlich aussagen sollte. Er wirkt eher wie ein nebulöser Lückenfüller als ein Statement.

  • Johannes

    Johannes

    Die "historische Vergleichssituation von vor 1888" erschließt sich mir auch nicht.
    Hat sich sonst seither nix mehr geändert? Die Quervergleiche mit Großbritannien (oder eingeschränkt der Schweiz) erscheinen mir plausibler.

    @Jenny: Im Übrigen ist aber auch das Argument, der Buchhandel würde ohne Preisbindung nicht überleben, ein fadenscheiniges. Wie leben denn andere Branchen, ohne Preisbindung, aber mit mindestens genauso starker Onlinekonkurrenz? Egal ob Edeka, mediamarkt oder Intersport: die Betriebe arbeiten alle auf Hochtouren, schreiben Gewinne und haben einen Haufen Kunden. Selbst die Drogeriemärkte, deren Preisbindungs-Abschaffung mir als erstes einfällt, leben sehr gut mit freier Preisgestaltung.

    Der neueste Trend unter OnlineHändlern ist doch, stationäre GEschäfte aufzumachen - siehe Amazon, aber auch zB Shoepassion. Klar spielen die da alle ihre Trümpfe aus, aber sie würden das nciht tun, wenn es sich nicht auch rentieren würde.

    Das stärkste Argument scheint mir doch die Unmöglichkeit der Unterscheidung zwischen "Faust" und "Vampirroman" zu sein. Wer wollte sich anmaßen, zu definieren, was schutzwürdig ist? Immerhin ist Das Goldene Blatt genauso preisgebunden wie die Lettre International.

    Buchhändlerische Grüße,
    Johannes

  • Jenny

    Jenny

    @Johannes, klar, das sind aber auch die großen Ketten. Der kleine Laden um die Ecke wird bei der Verhandlung der Konditionen den Kürzeren ziehen, weil er einfach nicht so große Mengen abnehmen kann und dementsprechend schlechter rabattiert wird. Er kann es sich also auch nicht leisten, mit dem Preis runterzugehen. Und wenn ich bei Amazon, Thalia,... ein Buch für 5€ bekommen kann, für das ich beim Lädchen nebenan 10 bezahlen müsste, ist die Entscheidung ja schnell getroffen fürchte ich. So meinte ich das.

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