Meinungsfreiheit: Unterstützung für verfolgte Autoren

„Ich bereue nichts“

Die türkische, inzwischen in Deutschland lebende Autorin Aslı Erdoğan sprach im Frankfurter Presseclub über ihre Erfahrungen als politische Gefangene in der Türkei, über ihr Leben und Schreiben im Ausland und über die Solidarität, die ihr und anderen türkischen Journalisten weltweit entgegengebracht wird. VON PETRA GASS

Aslı Erdoğan ist nicht zum ersten Mal in Deutschland. 2008 reiste sie als Teil einer offiziellen Autorendelegation zum ersten Gastlandauftritt der Türkei zur Frankfurter Buchmesse und erlangte mit ihren Büchern und Essays international Bekanntheit. „Damals habe ich Sie als Person der Literatur kennengelernt“, erinnert sich Buchmessedirektor Juergen Boos, der das Gespräch im Presseclub moderierte und fragt: „Wie sind Sie eine politische Person geworden?“

„Ich habe über Opfer geschrieben, das hat mich in eine politische Rolle gedrängt“, erläutert Asli Erdogan. Beispielsweise schrieb sie über Menschen, die in der Türkei unter dem Kampf gegen die PKK leiden – ein Thema, das ihr den Vorwurf einbrachte, damit eine verbotene Organisation zu unterstützen. 132 Tage war sie im Frauengefängnis Bakırköy in/bei Istanbul inhaftiert, auch zahlreiche andere regimekritische Journalisten und Autoren wurden – aufgrund der türkischen Notstandsgesetze nach dem Putschversuch im Juli 2016 - inhaftiert. „Nein, ich bereue nichts“, sagt Asli Erdogan. „Ich sehe die dunkle Seite des Lebens, ich kann dort länger hinschauen als andere, das ist meine Fähigkeit. Ich beschrieb es dennoch, auch wenn ich wusste, dass sich nichts ändern würde - das ist nicht die Frage. Ich kann mich nicht stoppen.“

Im Presseclub

Im Presseclub © Claus Setzer

Schließlich wurde sie im Dezember 2016 aus der Haft entlassen und ihr Prozess ausgesetzt. Als ihr der Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück zuerkannt wurde, war lange nicht klar, ob sie zur Preisverleihung aus der Türkei ausreisen dürfe. Schließlich erhielt sie ihren Reisepass zurück und reiste im September 2017 zur Auszeichnung nach Deutschland  – seitdem lebt sie hier. Man habe ihr wiederholt nahegelegt, in Deutschland zu bleiben und damit das Risiko einer erneuten Inhaftierung in der Türkei zu vermeiden, sagt sie. So blieb sie vorerst in Frankfurt, wo ihr die Stadt im Programm „Stadt der Zuflucht“ eine Wohnung stellt, die Frankfurter Buchmesse finanziert ein Stipendium bei. Der Verein Litprom Literaturen der Welt kümmert sich um die Betreuung der Autorin, vermittelt Kontakte ins kulturelle Leben Frankfurts -„ Asli Erdogan ist sehr bekannt, sie wird häufig angefragt“, so Joscha Hekele von litprom.

Asli Erdogan

Asli Erdogan © Claus Setzer

Asli Erdogan ist eine zierliche Frau von 51 Jahren. Man sieht ihr Strapazen und Sorgen an, aber auch Beherrschung und Tapferkeit. Sie redet sehr offen über ihre Gefühle, sie sei voller Traumata. „Fünfzig Mal am Tag finde ich mich im Gefängnis wieder …“ so beschreibt Erdogan die täglichen Erinnerungen: „Ich muss das aufarbeiten, in Literatur umsetzen. Denn der schlimmste Wächter ist die eigene Angst.“ Dennoch sei gerade das schwer – denn das Arbeiten im Exil funktioniert nicht so. „Meine Arbeit ist noch in der Türkei!“, findet Erdogan. „Was ich über die Opfer geschrieben habe, habe ich dort auf der Straße gehört. Hier im Exil kann ich nur Zeitung lesen!“

Das Gefühl, nicht ankommen zu können in Deutschland, macht die Situation noch schwieriger. Bisher ist Erdogan nach vielen Auslandsaufenthalten – auch nach einem zweijährigen Aufenthalt in Rio, wohin sie vor einigen Jahren geflohen war – wieder in die Türkei zurückgekehrt: „Ich hatte viele Möglichkeiten, im Ausland zu bleiben, doch dort verlor ich meine Sprache“, begründet Erdogan die Rückkehr in die Gefahr.

Juergen Boos und Asli Erdogan

Juergen Boos und Asli Erdogan © Claus Setzer

Moderator Juergen Boos ermuntert Asli Erdogan mit aufmerksamen Fragen zum Weitererzählen. Rund 70 Zuhörer - Medienvertreter, Vertreter der Stadt Frankfurt, der Buchmesse, der Buchbranche, Leser – lauschen in der verbindenden Enge des kleinen Konferenzraumes. In der anschließenden Fragerunde melden sich Gäste zu Wort, die aus unterschiedlichen Gründen fern ihrer (früheren) Heimat in Deutschland leben und wissen, was es bedeutet, über Grenzen hinweg zu denken.

Das Schutzprogramm als Gastautorin in Frankfurt, ihrer „Stadt der Zuflucht“,  endet für Asli Erdogan im September 2019.

© Claus Setzer

Bücher von Aslı Erdoğan (Auswahl): 

  • The Stone Building and Other Places (die deutsche Übersetzung erscheint 2019 im Knaus Verlag) 
  • Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch: Essays. Albrecht Knaus Verlag, 2017 (zweisprachige Ausgabe) 
  • Die Stadt mit der roten Pelerine. Unionsverlag, 2016 
  • Der wundersame Mandarin. Edition Galata, 2008
Juergen Boos (Frankfurter Buchmesse), Sonja Vandenrath (Stadt Frankfurt), Asli Erdogan, Anita Djafari (litprom, von links)

Juergen Boos (Frankfurter Buchmesse), Sonja Vandenrath (Stadt Frankfurt), Asli Erdogan, Anita Djafari (litprom, von links) © Claus Setzer

Internationales Netzwerk der Städte der Zuflucht (ICORN)

Die Stadt Frankfurt ist seit 1998 Teil des Netzwerkes ICORN. Das Projektmanagement für das Programm wurde vom Kulturamt der Stadt Frankfurt am Main und der Frankfurter Buchmesse der gemeinnützigen Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V., Litprom e.V., übertragen. Die Mittel für das Stipendium für den Gast kommen von der Frankfurter Buchmesse; die Stadt Frankfurt am Main stellt eine Wohnung zur Verfügung und übernimmt die Krankenversicherung. 
Vorgeschlagen für einen Aufenthalt im Rahmen »Städte der Zuflucht« werden die Gastautorinnen und Autoren  von PEN International.

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