Neues Storytelling im Film

Sind wir allein?

Seit Jahren stellt sich die Frage, ob die Digitalisierung in der Kreativwirtschaft nicht nur neue Produktions-, Vertriebs-, Vermarktungs- und Kommunikationsstrukturen hervorbringt, sondern auch neue inhaltliche Formen und Perspektiven. Also ob die Digitaliserung den Content selbst verändern könnte. Im Film bahnt sich da etwas an …

Auf der jüngsten re:publica präsentierten Christoph Rath und Philipp Sewing von der DFFB (Deutsche Film- und Fernsehakademie) ihr serielles Filmprojekt »Sind wir allein?«. Die Idee zu dieser Serie basiert auf einem Darstellungs-Konzept der niederländischen Malerei des 15. bzw. 16. Jahrhunderts (Hieronymus Bosch bzw. Pieter Brueghel der Ältere). Die beiden niederländischen Meister gelten als Väter des Wimmelbildes, also einer supertotalen Darstellung eines Motivs mit sehr vielen einzelnen Ereignissen, die in einem inhaltlichen Zusammenhang stehen. Das Gemälde Die niederländischen Sprichwörter von Pieter Brueghel dem Älteren aus dem Jahr 1559 kann hier pars pro toto für das gesamte Genre genannt werden – zu besichtigen ist es übrigens in der Berliner Gemäldegalerie.

Eine visuelle Parallellität der Ereignisse

Die Idee der beiden jungen Filmemacher ist so verblüffend wie einfach: Aus einem Winkel von 45° schaut der Zuschauer mit einer überblickenden Perspektive in eine Vielzahl von Räumen eines großen Hauses, in denen zahlreiche Menschen (teils scheinbar unverbunden) agieren. Während eine Fernsehserie (und ein Roman) linear erzählen, wenn auch oft mit Rück- und Ausblicken, geht es in dieser Serie um die dargestellte Gleichzeitigkeit der Ereignisse. Man sieht alle Handlungsstränge als parallelle Filmerzählung. Das dabei entstehende Problem des auditiven Verstehens der miteinander verbundenen Handlungsmuster wird durch eine interaktive Nutzung des Tons durch die ZuschauerInnen gelöst.

Manuelle und/oder visuelle Auswahl der Tonspur

Um die Dialoge der zahlreich sichtbaren Szenen aufzurufen sollen zwei Möglichkeiten zur Verfügung stehen. Einerseits die inzwischen klassische, manuelle Wahl einer Auswahl, wie man sie beispielsweise von der Sprachauswahl der großen Plattfomen kennt. Auf mobilen Plattformen soll es möglich werden, »die Interaktionsfähigkeit mit Hilfe einer einprogrammierten Eye Tracking Software zu ermöglichen«, wie es in einem umfangreichen Exposé des Vorhabens heißt. Mit anderen Worten: Man hört die Dialoge und Geräusche aus der Szene, die man betrachtet. Man erschließt sich also den Gesamtzusammenhang des Geschehens in jedem Fall über eine eigene Auswahl. Den Weg zum Gesamtverständnis der filmischen Erzählung bestimmen die ZusauerInnen selbst. Dies und die parallelle Darstellung einer Erzählung sind als Format neu und ohne digitale Techniken und Möglichkeiten auch nicht denkbar.

Nur zur Vollständigkeit sei hier noch erwähnt, dass in dem konkreten Projekt »Sind wir allein?« überdies verschiedene Genres in den unterschiedlichen Episoden eingesetzt werden sollen – Thriller, Horror, RomCom und Action.

Überlegungen zur Vermarktung

Dieses serielle Filmkonzept  hat (derzeit) als Zielgruppe junge Erwachsene von etwa 15 Jahren bis vielleicht Mitte Dreißig im Visier, denen die notwendige Technikaffinität unterstellt werden kann, die eine Vorraussetzung zur Nutzung eines derartigen interaktiven Formats darstellen dürfte.

Zur kommerziellen Auswertung ihrer Idee haben die beiden Filmstudenten folgende Überlegungen angestellt: Zunächst kommen für das innovative Format Festivalauswertungen infrage. Darüber hinaus sind zu seiner Realisierung auch klassische Formen der Filmförderung und Filmfinanzierung denkbar. Schließlich aber – und das wäre ebenfalls neu – ist die Grundidee dieser Serie ihre neuartige Weitwinkel-Visualität. Und deren technische Umsetzung in Bild und Ton bietet sich an, um jenseits des Fernsehfilms Einsatz zu finden. Für Vergnügungsparks und Zoologische Gärten, touristische Ziele und regionale Präsentatonsformate, beispielweise für die Wirtschaftsförderung. Ein weiteres Feld wäre die  Nutzung dieser Technologie für kartografische Darstellungen.

Es gibt doch sicherlich viele Buchinhalte, die sich irgendwann auf diese Weise adaptieren lassen.

Und hier noch ein externer Link auf ein Video zum Projekt, das allerdings ohne Überblendungen arbeiten und sehr viel »wimmeliger« werden soll – also nur ein visueller Werkstattbericht:

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