Positionsbestimmung

Quo vadis, Buchhandel?

Der Buchhandel befindet sich in einer grundsätzlichen Krise, schleicht aber gern um diesen Befund herum. Die Folge: Keiner will sich die Probleme wirklich eingestehen, meint Jochen Jung.

Könnte es sein, dass sich der Buchhandel ganz neu ­positionieren müsste? Nein, jetzt nicht im Sinne von besserer Ausbildung der Lehrlinge oder seinem Verhältnis zu den Möglichkeiten des Internets und auch nicht im Hinblick auf die Beziehung zu den Verlagen und Großhändlern. Ich meine jetzt seine Position im gesamtgesellschaftlichen Organogramm. Anders gesagt: Geht es uns mehr um das Buch oder mehr um den Handel?

Gehört doch zusammen, höre ich schon den Zwischenruf. Gewiss, derzeit ja, aber es ist doch keine Frage, dass sich der Buchhandel in einer grundsätzlichen Krise befindet, so gern wir uns auch um diesen Befund herumschleichen. So inspirierend in Wort und Tat der Optimismus unseres Vorstehers auch ist: Der Buchhandel will sich seine Probleme nicht wirklich eingestehen und tröstet sich mit geradezu rührendem Aktionismus: Man erweitert das Sortiment bis zum Baby­puder, würde am liebsten die Buchhandelslehre mit einer Ausbildung zum Koch und Sommelier ergänzen und erfindet wie neu die Illustration als Lockvogel des Textes. All das hilft wie der Eisbeutel dem Ebolakranken, nämlich auf die Dauer gar nicht.

Es ist nicht wegzureden, dass die Menschen ihr Einkaufsverhalten ändern. Noch haben wir das Glück, dass sich Amazon in seinem Verhalten gegenüber dem Finanzamt, den Mitarbeitern und unbotmäßigen Verlagen in einer Art aufführt, die es uns erlaubt, voller Verachtung mit dem Finger auf sie zu zeigen. Was aber, wenn die oder ein neuer sogenannter Marktteilnehmer sich anständig verhalten? Dann bleibt zum Beschimpfen nur noch der Kunde selbst.

Vielleicht sollten wir für eine reale Vorstellung von unserer Zukunft eher an das Buch als an den Handel denken? Mag sein, dass Letzterer eher da gewesen ist als die Kultur, die Zahl älter ist als der Buchstabe, aber würdig sind sie beide und notwendig für unser Zusammenleben auch. Seit unsere Gesellschaft akzeptiert (oder zumindest: hingenommen) hat, dass sie kapitalistisch organisiert ist, hat sie auch verstanden, dass die Kultur sich nicht aus sich selbst heraus ernähren kann. Sie braucht Unterstützung, und so wird es ja auch seit Langem praktiziert.

Die Erleichterungen vonseiten des Gesetzgebers (verminderter Mehrwertsteuersatz und fixer Ladenpreis) zeigten weiland einen richtigen Begriff von der Rolle des Verlagswesens wie des Buchhandels, genügen aber heute offensichtlich nicht mehr. Preise und Auszeichnungen des Staates für Buchhandlungen deuten auch von offizieller Seite einen Wandel in der Auffassung von der Notwendigkeit des Buchhandels an, der zeigt: Er ist Teil unseres Kulturversorgungssystems und als solcher subventionsbedürftig.

Die einen bescheren uns Konzerte, Opern, Ausstellungen, die anderen Sprachkunstwerke, deren Bühne in unseren Köpfen ist. Voraussetzung ist natürlich ein entsprechendes Selbstverständnis der Verlage wie der Sortimenter: Sind sie in erster Linie ein Teil des Unterhaltungsmarkts oder tatsächlich der Kultur? Ist die Marketingabteilung die wichtigste im Haus oder die Dramaturgie?

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11 Kommentar/e

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  • Pirandello1

    Pirandello1

    Auf den Kopf getroffen, den Nagel.

  • Hildegard George

    Hildegard George

    „Vielleicht sind Buchhandlungen ja großartige gemeinnützige Dienstleistungszentren und erhalten demnächst staatliche Zuschüsse. Vielleicht werden sie eines Tages subventioniert wie die Handelsmarine, oder es werden ansehnliche Buchhandelsstiftungen eingerichtet. Doch zunächst geht es darum auszuprobieren, ob sie nicht zu gewinnbringenden Unternehmen taugen!“
    (Sunwise Turn- A Human Comedy of Bookselling, 1923)

  • Clemens Muth, Schulwerkstatt-Verlag

    Clemens Muth, Schulwerkstatt-Verlag

    Dieser Befund trifft nicht nur den Buch-Handel, sondern den stationären Handel insgesamt. Warum die Lage u.a. so ist , will ich an einem Beispiel zeigen:
    Ich war in einem großen Kaufhaus, sah ein tolles Poloshirt, leider lag es nur noch in Größe XXL da. Die Verkäuferin sagte mir, das gäbe es nicht mehr in meiner Größe. Fertig. Im Shop des Herstellers habe ich es dann in meiner Größe gefunden, zudem 10 Euro günstiger.
    Und ähnliches ist mir in Buchhandlungen auch schon passiert, z.B. als man mir einmal sagte, ich solle bitte in der Partnerbuchhandlung XY in der Stadtmitte nachfragen, die hätten das gewünschte Buch wahrscheinlich noch.
    Wer so agiert, darf sich angesichts der Internet-Konkurrenz nicht wundern, denn ich fürchte, ich bin kein Einzelfall.

  • Klaus P. Mertens

    Klaus P. Mertens

    Es geht um das Buch, um was denn sonst?! Aber dieses wird bestimmt von seinen Verlagen, seinen Händlern und seinen Käufern.

    Verlage, die nach vermeintlichen Erfolgsrezepten produzieren, finden ihren Vertriebsweg überdurchschnittlich oft bei Versandhändlern, weil diese auf eine einfache Kategorisierbarkeit und die Umschlagsgeschwindigkeit setzen. Und weil deren Kundschaft zu einem großen Teil die Beliebigkeit und tendenziell eher selten die inhaltliche Qualität schätzt: Lifestyle-Kochbücher, Ratgeber, die nicht weiterhelfen, Fastfood-Belletristik, Kinderbücher für angehende Legastheniker etc. Und die nicht berücksichtigt, dass das bestellte Buch zwar am Folgetag in der Hand des Zustellers ist, dieser aber vielfach keinen Empfänger antrifft, es nicht übergeben kann und es deponiert. Beim arglosen Nachbarn (der, falls er keine Vollmacht besitzt, sich über die Folgen seiner Freundlichkeit nicht im Klaren ist), immer seltener in einem Postamt, zunehmend aber in einem Schmuddelkiosk (Postagentur genannt), vor dessen Betreten man die Kinder ständig warnt.

    Daraus könnte ein Buchhändler lernen. Beispielsweise, in dem er in seinem Laden pro 4 Meter-Regalwand mindestens einen Monitor mit Zugriff auf VLB und Barsortimentskataloge mit Bestellfunktion aufstellt und auf diese Weise dem sich als autonom verstehenden Käufer signalisiert, dass er, der Kunde, Herr/in des Verfahrens ist. Dass er aber für Nachfragen, gegebenenfalls auch für Beratung, die über die Erklärungstexte im VLB hinausreichen, selbstverständlich zur Verfügung steht. Die Buchhandlung als Organisations- und Logistikebene für Kulturgüter. Nur eben nicht virtuell wie bei den Internethändlern, sondern real. Aber zusätzlich rund um die Uhr mit einem funktionierendem Shop im Internet erreichbar. Ein Ort zudem, wo man regelmäßig auch Literatur in besonderer Weise erfahren kann, etwa durch Lesungen. Oder durch selbst zusammengestellte Kataloge für die anvisierten Zielgruppen.

    Fazit: Je austauschbarer die Ware Buch wird, umso mehr wird sie über den Massenversand vertrieben und um so weniger trägt sie zur Kultur seiner Nutzer bei. Und erzeugt durch diese Defizite einen sinkenden Bedarf an Qualität - und an Fachgeschäften, die sich Buchhandlungen nennen.

    Ich weiß, wovon ich rede und schreibe. Denn zehnmal pro Jahr versammele ich (zusammen mit 18 weiteren Ehrenamtlichen) interessierte Leser quer durch die Altersgruppen und mache anlassbezogen auf literarische und gesellschaftspolitische Veröffentlichungen in den Räumen einer Stadtbücherei aufmerksam. Die Zahl der Besucher wächst und wächst. Die Auflage der nach jeder Ausstellung und Lesung erstellten Dokumentationen, die per E-Mail im PDF-Format versandt werden, bewegt sich mittlerweile auf das vollendete zweite Tausend zu. Nur Buchhandlungen und Verlage, von denen es in Frankfurt einige geben soll, haben das alles noch nicht bemerkt. Es geht um das Buch. Aber dieses scheint zunehmend in schlechte Gesellschaft zu geraten.


  • Born 2B Buchhandel

    Born 2B Buchhandel

    Der Autor hat insgesamt Recht. Die Aktionen des Buchhandels, sich gegen die Krise zu stemmen, sind in ihrer hilflosen Naivität geradezu rührend. Am Ende allerdings wird der Buchhandel auf der Verliererseite stehen. Dies ist heute schon absehbar.

  • Pirandello1

    Pirandello1

    @Herr Muth
    Das kann und darf auch nicht das Ziel sein, den Internethandel an Angebotsvielfalt übertreffen zu wollen. Das Rennen kann man nicht gewinnen, weder im Buchhandel noch sonstwo. Das Entscheidende wird sein, ob die Buchhändler (weiterhin) in der Lage sein werden, ihre Kunden auch persönlich zu binden.
    Den Fehler, DAS nicht ernsthaft betrieben zu haben, den haben große Filialisten (nicht nur im Buchhandel) schon seit vielen Jahren massiv begangen. Trotz aller Lippenbekenntnisse wurde und wird immer noch Personal abgebaut.
    Lange Zeit zu Gunsten immer größerer Flächen, nun manchmal aus reiner Not.
    WIll der stationäre Handel überleben, muß er persönlich bleiben oder wieder werden. Wie das bei dem Kostendruck (Mieten etc) gehen soll, weiß ich allerdings nicht. buy local ist ein schöner Ansatz, ein turnaround ist das allerdings noch nicht.

  • PhantaNews

    PhantaNews

    Anfangs habe ich ausgiebig genickt. Bis ich zu den letzten drei Absätzen kam. Subventionen? Die ganze Branche ist doch durch verringerten Mehrwertsteuersatz und kartellartige Buchpreisbindung bereits massiv subventioniert.

    Witzig auch das Bestehen auf "Kultur", wo es doch etlichen Verlagen und Buchhändlern hauptsächlich darum geht, so viele Bestseller wie möglich zu "drehen". Massenware. Warum sollte so etwas als kulturell wertvoll subventioniert werden? Müssten dann nicht auch Musikwerke und deren Verkauf genauso subventioniert werden?

    Das mit den Subventionen ist sicher der feuchte Traum jeden Buchhändlers, aber es ist Augenwischerei. Die gesamte Branche muss erheblich kundenorientierter und flexibler werden, um Amazon Paroli bieten zu können. Das ist in meinen Augen der einzige Weg aus der im letzten Jahrzehnt selbstgemachten Misere.

  • Martina Bergmann

    Martina Bergmann

    Ich glaube an den Markt. Dieses ganze Kulturgefasel ist Augenwischerei.

  • Dr. Buchhandelsjones

    Dr. Buchhandelsjones

    @ Martina Bergmann

    Was? Frau Bergmann.... ich bin geschockt.... Frevel!!!
    Wir Buchhändler sind die letzten Bewahrer des heiligen Grals der Kultur in diesem Land. Geld? Brauchen wir nicht... Buchhändler leben und atmen Kultur, die wir bewahren und schützen!

  • amina fritz

    amina fritz

    Na mein lieber Dr.buchhandelsjones, bei ihnen will ich nicht arbeiten-ich tu es wegen des scnöden Mammons.. Kultur mag ich aber auch. -das war aber sowieso ironisch gemeint oder?

  •   Dr. Buchhandelsjones

    Dr. Buchhandelsjones

    @ amina fritz |

    Die Ehre, im Buchhandel arbeiten zu dürfen, sollte Ihnen Lohn genug sein!

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