Scorpio-Lektorin Heike Mayer im Gespräch

"Viele Bücher verschwinden auch wieder"

Achtsamkeit steht als Thema seit Jahren im Brennpunkt des Interesses, entsprechend schwierig ist es, Lesern in jeder Saison etwas Neues anzubieten. Worauf es ankommt, damit das Bekannte nicht alt aussieht: Ein Gespräch mit Heike Mayer von Scorpio.

Von überall her schallt es: „Entspannt euch, seid achtsamer!“ Ist das Thema tatsächlich so groß, wie es oft den Anschein macht?
Ganz sicher ist Achtsamkeit keines dieser Hype- oder Modethemen, die mal kurz auftauchen und dann wieder verschwinden. Es geht hier um ein tiefes Bedürfnis in der Gesellschaft.

Welches?
Aus meiner Sicht ist das steigende Interesse an Achtsamkeit die Antwort einer Gesellschaft, die sich im Tun und Machen verloren hat – im Erreichen, im Habenwollen, im Äußerlichen. Ich bin zertifizierte Achtsamkeitstrainerin. Viele Teilnehmer in meinen Kursen leiden unter massiven, meist stress-bedingten körperlichen Problemen und ganz stark unter dem Gefühl, ihr eigenes Leben zu verpassen, gar nicht mehr richtig da zu sein. Achtsamkeitstraining kann ihnen helfen, vermittelt ihnen eine neue Lebenshaltung.

Wer kommt zu Ihnen?
Menschen, die feststellen, dass sie so wie bisher nicht weitermachen wollen. Früher waren das vor allem Menschen in der Lebensmitte, doch die Kursteilnehmer werden immer jünger – auch Studenten sind dabei, manche sind sogar noch Schüler.

Kritiker bemängeln, Achtsamkeit führe auf direktem Weg in die Selbstbezogenheit, trage bloß dazu bei, das eigene Ego aufzublähen.
Solche Kritik kommt meiner Erfahrung nach nur von Menschen, die sich noch nicht eingehend damit beschäftigt haben. Ich habe noch nie jemanden erlebt, der durch gelebte Achtsamkeitspraxis egoistischer geworden wäre. Man wird offener und interessierter an der Umwelt. Natürlich passiert das nicht von heute auf morgen – das ist ein Prozess, an dessen Beginn erst einmal steht, sich nach innen zu wenden und sich selbst genauer wahrzunehmen. Von außen betrachtet mag da mancher denken, dass das in den Egoismus führt, aber dem ist nicht so. Zudem: Die Wirksamkeit von Achtsamkeitstrainings ist wissenschaftlich belegbar.

Als Lektorin stehen Sie vor der Aufgabe, das Rad in jeder Saison ein Stückchen weiter zu drehen und immer wieder etwas Neues zu präsentieren – zu einem eigentlich alten Thema. An was orientieren Sie sich dabei?   
Zunächst einmal an Lesern, die neu reinspringen und auf eine neue Weise angesprochen werden wollen – auch optisch. Außerdem haben wir angefangen, den Blick auf Einzelthemen zu lenken, also das große Lebensthema Achtsamkeit in kleinen Ausschnitten zu betrachten. In der Reihe "Achtsam leben", die bei Scorpio seit zwei Jahren mit mittlerweile 16 Bänden sehr erfolgreich läuft, gibt es zum Beispiel einen Titel, der danach fragt, was Achtsamkeit im Arbeitsalltag bedeuten kann: "Gelassen arbeiten". Im September erscheint "Liebe, Lust und Achtsamkeit"– hier geht es darum, wie sich Intimität verändert, wenn man mit einer anderen inneren Einstellung herangeht.

Wie stellen Sie sich Ihren typischen Leser vor?
Unsere Zielgruppe bewegt sich im Kern zwischen 30 und 55 Jahren. Natürlich sind es, wie bei allen psychologischen Themen, eher Frauen, die sich für unsere Themen interessieren, aber auch Männer greifen vermehrt zu. Sie alle stehen mitten im Leben – und möchten nicht von einem Experten darüber belehrt werden, was ein gutes Leben ausmacht. Sie suchen etwas auf Augenhöhe.

Wie muss ein Ratgeber aussehen, der diesen Wunsch ernst nimmt?
Schauen Sie sich zum Beispiel unsere neue Reihe "Leichter leben" an – sie vermittelt Tiefe mit Leichtigkeit. Als wir sie entwickelt haben, ging es vor allem um die Frage, wie man die Themen so aufbereiten kann, dass das Lesen Spaß und schon das In-die-Hand-Nehmen Freude macht. Wenn ich unter Stress leide, vor dem Burnout stehe, dann will ich keinen dicken, wissenschaftlichen Wälzer haben, sondern ein Buch, das wie ein schönes Geschenk wirkt, das schmal ist und bei dem ich das Gefühl habe, dass ich das Thema auch bewältigen kann. Wir haben am optischen Konzept gemeinsam mit einer Grafikagentur gearbeitet – das tolle Layout und die Verbindung von Leichtigkeit und psychologischer Kompetenz kommt draußen im Markt sehr gut an. Auch unsere neueste Eigenentwicklung, der erste Band der NOW-Reihe, den ich selbst zusammen mit einer Yoga-Lehrerin geschrieben habe, besticht durch das starke Layout zusammen mit einsteigerfreundlichen Alltagsübungen.

Auch andere Verlage sind auf diesen Zug aufgesprungen.
Das ist doch klar. Aber man muss schauen, was sich durchsetzt – viele Bücher verschwinden ja auch wieder. Leser merken es, wenn Bücher mit der heißen Nadel gestrickt sind und nicht wirklich gelebte Kompetenz dahintersteht. Für mich ist es deshalb entscheidend, Autoren handverlesen auszusuchen. Sie müssen aus der Praxis kommen, selbst Kurse geben und mit Menschen arbeiten – sonst bleibt auch das Buch nur an der Oberfläche.  

Sie sind Autorin, Lektorin, Trainerin – klingt, als wären Sie rund um die Uhr im Einsatz. Was machen Sie, wenn Ihnen alles mal zu viel wird?
Bei Scorpio habe ich ja keine Vollzeitstelle, sonst könnte ich das alles gar nicht machen. Aber abgesehen davon: Ein Hauptmoment von Achtsamkeit ist die Fähigkeit, innezuhalten und zwischendurch zu merken, wenn ich eine Pause brauche – ich fühle mich nicht getrieben von dem, was ich tue. Insofern würde ich zwar sagen, dass ich mehr arbeite als früher, das aber gleichzeitig mit mehr Freude und Entspanntheit.

Interview: Tamara Weise

Heike Mayer, Jahrgang 1969, ist seit rund zwei Jahren für den Programmbereich Achtsam leben bei Scorpio in München zuständig, zuvor war sie 14 Jahre lang Lektorin beim Kösel Verlag. Zusätzlich arbeitet sie als Kursleiterin für Stressbewältigung durch Achtsamkeit (MBSR) und als Autorin. Bislang sind drei Bücher von ihr erschienen: "Achtsam leben: Das kleine 1 x 1 für ein Leben im Hier und Jetzt", "Das seh ich entspannt: Wie Sie Gelassenheit entwickeln" und "NOW! Gelassen leben im Hier und Jetzt: Achtsamkeit, Yoga, Vertrauen ins Leben" (mit Karin Furtmeier).

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