Selfpublishing und Verlage

Keine Furcht vor Neuland

In Deutschland gibt es schätzungsweise 100.000 Selfpublisher, also Autorinnen und Autoren, die den gesamten Prozess des Schriftstellerdaseins in Eigenverantwortung betreiben. Wenn sie auch teilweise Einiges selbst in die Hand nehmen, so beauftragen Selfpublisher dem entsprechend Lektoren, Korrektoren, Cover-Desiger, Webdesiger, Online-Marketingleute sowie E-Book- und Buchdesigner. Hinzu kommen die Plattformen, die ihre Bücher vertreiben und verkaufen. Von Selfpublishern lebt mittlerweile eine ganze Branche.

Bedrohung, Konkurrent oder Partner?

Wie aber sieht es für Verlage aus. Ist das Self-Publishing eine gefährlich, belebend, oder kann es etwa befruchtend sein? Da scheiden sich die Geister. Noch vor wenigen Jahren, als das Self-Publishing in Deutschland einen enormen Schub durch die Möglichkeit des Marktzugangs durch E-Book-Plattformen erhielt,  wurde Self-Publishing noch als Teufelswerk betrachtet. Umgekehrt gab es in der Self-Publishing Szene auch starke Ressentiments gegenüber den Verlagen. Das ist heutzutage weitgehend relativiert. Selfpublisher und Verlage nähern sich an. Selfpublisher erhalten lukrative Verträge von Verlagen, um ihre erfolgreichen Titel auf klassischem Verlagsweg zu veröffentlichen. Das ist gut so.

Klar ist, dass Self-Publishing den Autoren Möglichkeiten bietet, die ein Verlag kaum leisten kann. Erstens entscheidet der Leser direkt, also ohne Zwischenschritte, ob ihm ein Buch gefällt oder nicht. Zweitens kann der Autor seine Leser über das E-Book direkt auf seine Website ziehen und  eine Beziehung  zu ihnen aufbauen. Drittens sind die Tantiemen, die er mit einem Buchprojekt verdient, in der Regel wesentlich besser als bei klassischen Verlagen.

Bedrohlich ist das Self-Publishing nur für Verlage, die in einer traditionellen Ausrichtung erstarrt sind. Die Arbeitsweise von Verlagen von vor 10 Jahren stößt heutzutage klar an seine Grenzen. Marketing ist heute mehr als Bücher zu bewerben, sei es in Print- oder Onlinemedien. Selfpublisher wissen das. Denn ihr Ziel muss es sein, bei den großen Plattformen unter die Bestsellerlisten zu kommen oder zumindest in die Empfehlungslisten. Das kann man nicht einfach kaufen, sondern das geht nur indirekt durch kluges und sehr gezieltes Handeln, und das ist echtes Knowhow. Die Beziehungspflege der Autoren zu Bloggern, Lesern und Communities wird zum entscheidenden Faktor. Preisaktionen zur rechten Zeit werden im Marketingbudget angesiedelt und E-Books werden im Vorfeld an Testleser versendet, um Online-Rezensionen anzukurbeln, um einige Aktionen zu nennen.

Verlage können diese Beziehungspflege kaum in so kurzer Zeit aufbauen wie es Selfpublisher können. Wie die Selfpublisher gehen aber auch immer mehr Verlage dazu über, statt gedruckter Bücher E-Books als Rezensionsexemplare zu versenden, weil es ein wirklich enormer Kostenfaktor ist. Hier besteht zwar die Gefahr der Piraterie, weil solche E-Books oft illegal im Netz landen, aber hier gibt es mittlerweile wirksame Mittel wie zum Beispiel eBookWaterMark.

Die Furcht davor, dass Self-Publishing den Verlagen Leser abnimmt, ist eigentlich überholt. Denn Self-Publishing hat übe elektronische Lesegeräte ganz neue Leserschichten erobert und Menschen zum Lesen oder zumindest zum Erwerben von E-Books gebracht, die zuvor nicht zum Lesen neigten. Eine Win-Win Situation kann sich auf die Dauer ergeben, wenn Selfpublisher und Verlage partnerschaftlich kooperieren. Es zeigt sich in jüngster Zeit, dass Verlage durchaus daran interessiert sind, mit erfahrenen Self-Publishing-Autoren zusammenarbeiten. Erfolgreiche Selfpublisher verfügen über eine kaum zu überbietende Social Media-Kompetenz, wogegen klassische Verlage den direkten Zugang zum stationären Buchhandel besitzen, den Self-Publishing-Autoren nicht aufbauen können. Hier können Partnerschaften auf Augenhöhe entstehen, die es bisher in dieser Form nicht gab.

Dass das gegenseitige Interesse wächst, ist gut abzulesen an der Zusammensetzung der Besucher des jährlichen stattfindenden Konvents der deutschsprachigen Self-Publishing-Szene, dem Self-Publishing-Day. Waren die Autoren in den ersten Jahren noch komplett unter sich, mischten sich letztes Jahr in Hamburg Verlagsscouts und -vertreter sowie Literaturagenten unter die Besucher. Das ist eine sehr erfreuliche Entwicklung. Beim Self-Publishing-Day sind alle willkommen, die mitgestalten wollen und ein Interesse an dem haben, was die Szene bewegt und zu bieten hat. Der Self-Publishing-Day 2018 findet am 26. Mai 2018 in Düsseldorf statt. Ich wünsche mir, dass in wenigen Jahren nicht mehr von Selfpublishern einerseits und Verlagsautoren andererseits gesprochen wird, sondern nur noch von Autoren, die dann völlig selbstverständlich beides machen. Weil es die Branche nur belegen kann.

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2 Kommentar/e

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  • Daniel Grosse

    Daniel Grosse

    Eine schöne, treffende Beschreibung.

  • Codex Regius

    Codex Regius

    "Weil es die Branche nur belegen kann"? Was meint ihr denn mit diesem letzten Satz?

    • ...

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