Urheberrecht

Wissenschaftliches Publizieren unter Druck

Wissenschaftlichen Verlagen droht die Ausplünderung, wenn sie sich nicht gegen Piraterie, extensiven Artikeltausch und ein laxes Urheberrecht wehren. MICHAEL ROESLER-GRAICHEN

Das Geschäftsmodell Wissenschaftliches Publizieren gerät von mindestens drei Seiten unter Druck:

  • Plattformen, die eine radikale Open-Access-Lehre vertreten, schöpfen im Internet illegal wissenschaftliche Artikel ab, um sie kostenlos jedem zur Verfügung zu stellen.
  • Forschernetzwerke verbreiten Artikel ihrer Mitglieder über einen Radius, der erheblich größer ist als der übliche Kreis der Empfänger oder Nutzer.
  • Die in der Digitalen Agenda der Europäischen Kommission geplante Schranke für Text & Data Mining birgt die Gefahr, dass Datenbanken der Wissenschaftsverlage ausgeschlachtet und Datenbestände zum Aufbau neuer Angebote genutzt werden.


Die Journalknacker 
Der krasseste Angriff auf wissenschaftliche Verlags­inhalte geht derzeit von der Onlineplattform Sci-Hub aus, die im September 2011 von der kasachischen Neurowissenschaftlerin Alexandra Elbakyan gegründet wurde. Sie ist Anhängerin der sogenannten Guerilla-Open-Access-­Bewegung und vertritt die Auffassung, jedem Nutzer stehe der barrierefreie, kostenlose Zugang zu allen wissenschaftlichen Inhalten zu, die veröffent­licht werden. Dieses Recht basiere auf Artikel 27 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Na­tionen aus dem Dezember 1948: "Jeder hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Errungenschaften teilzuhaben." Dass dies auf Kosten der Produzenten oder Vermittler dieser Inhalte und unter Missachtung des Urheberrechts geschehen darf, geht aus diesem Text allerdings nicht hervor.
Deshalb war es nur eine Frage der Zeit, bis einer der größten Wissenschaftsverlage der Welt, Elsevier, Sci-Hub verklagte und im Oktober 2015 eine einstweilige Verfügung gegen die Plattform erwirkte. Den Forschungs­piraten war es gelungen, sich in Server von Universitätsbibliotheken einzuschleichen und dort auf die Angebote von Verlagen – darunter auch die Elsevier-Plattform "Sciencedirect" – zuzugreifen. Mehr als 48 Millionen wissenschaftliche Artikel soll Sci-Hub auf diese Weise gesammelt haben. Die Anordnung des New Yorker Gerichts hatte zwar die Sperrung von Sci-Hub-Domains zur Folge – doch das hielt die Betreiber nicht davon ab, neue Domains zu be­siedeln.
In einem Schreiben an den United States District Court in New York beklagte der Anwalt von Elsevier, dass die Beklagte (Sci-Hub) bisher zu keinem Gesprächs- oder Prozesstermin erschienen sei. Elsevier habe eine Reihe zusätzlicher Internet-Domains entdeckt, über die Sci-Hub unbeeindruckt von der Sperrungsverfügung seine urheberrechtsverletzenden Aktivitäten fortsetze und mithin fortwährend gegen die Anordnung des Gerichts verstoße. Richter Robert D. Sweet hat den nächs­ten Verhandlungstermin nun für den 27. April angesetzt.

Soziale Forschernetzwerke 
Mit Interesse betrachten wissenschaftliche Verlage die in jüngster Zeit populär gewordenen Forschernetzwerke – im englischen Sprachraum als Scholarly Communication Networks oder abgekürzt SCN bezeichnet. Die bekanntesten sind Research Gate (mit Sitz in Berlin), Academia.edu (San Francisco) und Mendeley, das 2013 von Elsevier übernommen wurde. Academia.edu hat nach eigenen Angaben weltweit mehr als 34 Millionen registrierte Nutzer, die knapp elf Millionen wissenschaftliche Arbeiten (Paper) eingestellt haben.

Research Gate hat inzwischen rund neun Millionen Mitglieder und bietet  diesen unter anderem die Möglichkeit, ihre Publikationen in virtuellen Forschergruppen zu teilen, mit anderen Worten: auszutauschen – etwa durch das Zu­mailen eines Links oder eines PDFs. ­Sören Hofmeyer, Mitbegründer von Research Gate, hat dessen Mission einmal so beschrieben: "Das Ziel von Research Gate ist die Wissenschaft 2.0: Durch Vernetzung und Interaktion profitiert nicht nur der einzelne Forscher, sondern auch die Wissenschaft selbst." Relevante Informationen überschritten "die Grenzen von Fakultäten, Ländern und Kontinen­ten". Dass dabei schnell die Grenzen zwischen erlaubtem Informationsaustausch und unlizenzierter Nutzung von Publikationen überschritten werden können, ist in den Augen der Wissenschaftsverleger das Problem.
Um solchem Missbrauch vorzubeugen, hat beispielsweise der Verlag Wiley, der ebenfalls die Zusammenarbeit von Forschern als essenziell für den wissenschaftlichen Fortschritt erachtet, Sharing-Richtlinien formuliert, die genau festlegen, in welcher Version ein wissenschaftlicher Artikel einem definiertem Nutzerkreis zugänglich gemacht werden darf. Der Verlag folgt damit den Prinzipien, auf die sich die Vertretung der naturwissenschaftlichen Verlage, die STM Association, geeinigt hatte. So ist es etwa unproblematisch, wenn eine an ein ­Journal eingesandte Version in einem Forschernetzwerk online gestellt wird, das die Prinzipien der STM Associa­tion anerkannt hat.

  • Eine akzeptierte Artikelversion, die das Peer-Review-Verfahren durchlaufen hat, darf in einem solchen Fall auch in privaten Forschungsgruppen geteilt werden, wenn die vom Verlag vorgeschriebene Embargofrist (zwölf bis 24 Monate) abgelaufen ist.
  • In abonnierten Wissenschaftszeitschriften veröffentlichte Artikel dürfen nur in privaten Forschungsgruppen ausgetauscht werden.
  • Artikel, deren Publikation vom Autor respektive einer Forschungseinrichtung finanziert wurden, sind jederzeit frei zugänglich ("Golden Open Access").
  • Nutzer von Forschungsnetzwerken, die die Sharing Policy der STM-­Vereinigung nicht unterschrieben haben, dürfen Artikel nur teilen, wenn der Verlag ihnen die Zustimmung erteilt. So verfährt auch Wiley.

Text- und Datamining 
Sorgen bereitet vielen Verlagen auch eine Computer­technologie, die Text- und Datensammlungen automatisch analysiert, Informationen extrahiert und so neues Wissen generiert: das sogenannte Text- und Datamining (Kürzel: TDM). "Prinzipiell ist Text- und Datamining etwas sehr Sinnvolles, das wir auch seitens des Verlags anbieten", sagt Albrecht Hauff, Verleger der Thieme Verlagsgruppe. Ziel sei es, den Kunden die Inhalte der Autoren in technisch optimaler Form anzubieten. Damit würden die Auffindbarkeit, die Nutzung und somit der Wert der pub­lizierten Inhalte für die Forscher ­erhöht. Firmen hätten die Möglichkeit, im Rahmen von Lizenzverträgen die Verlagsdaten nach ihren Bedürfnissen zu recherchieren.

Die von der Europäischen Kommis­sion geplante Urheberrechtsausnahme (eine sogenannte Schranke) für das Text- und Datamining sieht Hauff allerdings kritisch. Sie soll zwar in erster Linie für den nicht-kommerziellen Bereich gelten – also vor allem für Universitäten und Forschungseinrichtungen. Es müsse aber "definitiv verboten" bleiben, diese Datenbestände anderen Interessenten zur Nachnutzung zur Verfügung zu stellen oder in abgeleitete Werke zu überführen und damit einem größeren Nutzerkreis zugänglich zu machen, so Hauff. "Die Schranke darf auch nicht dazu führen, dass Unternehmen wie Google, Microsoft, Amazon oder Apple dadurch ein Einfallstor haben, um Datenbestände, die sie nicht lizenziert haben, zu nutzen und daraus neue Informationsangebote zu entwickeln", warnt der Verleger und bekräftigt den auch in anderen Urheberrechtszusammenhängen missachteten Grundsatz, dass angemessene Verlags-angebote immer Vorrang vor Schrankenregelungen haben sollten.
Bei der Formulierung der Urheberrechtsausnahme wird es in den kommenden Beratungen auf europäischer Ebene darauf ankommen, wie die erlaubte nicht-kommerzielle Nutzung von Text- und Datenbeständen genau gemeint ist. Der britische Verlegerverband Publishers Association äußerte sich zuletzt optimis­tisch, dass die EU-Kommission der britischen Ausnahmeregelung für das Text- and Datamining folgt: Sie setzt die rechtmäßige Nutzung, die Kontrolle durch den Verlag sowie eine nicht-kommerzielle Absicht voraus. Die nächsten Monate werden zeigen, ob eine Formulierung gelingt, die die Interessen der Inhalteproduzenten, der Verlage, wahrt.

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4 Kommentar/e

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  • Dr. Julia Aparicio Vogl, Kröner Verlag

    Dr. Julia Aparicio Vogl, Kröner Verlag

    Was all diese lauten Vertreter des freien Zugangs zu Information, Kultur, Bildung vergessen, ist, dass Artikel geschrieben, Bücher produziert werden müssen. Die Folge wird schlicht sein, dass es am Ende nichts mehr gibt, was frei ins Netz gestellt werden kann, weil einfach nichts mehr produziert wird. Wer sich die Programme der Wissenschaftsverlage einmal genau anschaut, wird nicht umhin können zu bemerken, dass dieser Prozess längst angefangen hat. Praktiken wie diese und immer neue Urheberrechtsschranken führen also letztlich nur dazu, dass Forschung und Kultur verarmen und gerade nicht bereichert werden. Alles, was Menschen wie Alexandra Elbakyan auf ihre Plattformen stellen können, wird dann eben hoffnungslos veraltet sein. Dass solche Menschen, aber in diesem Fall auch Politiker, die über immer neue Schranken nachdenken, so kurzsichtig sein können, ist mir schon seit Jahren ein Rätsel. Dass privatwirtschaftliche Unternehmen für die kostenlose Bereitstellung von Bildung aufkommen sollen, ist außerdem so unlogisch, dass man an sich niemals darauf kommen würde. Man könnte tatsächlich meinen, dass dahinter Methode steckt …

  • Einer von den Vertreter des freien Zugangs zu Information, Kultur, Bildung

    Einer von den Vertreter des freien Zugangs zu Information, Kultur, Bildung

    Artikel müssen geschrieben werden. Machen die WissenschaftlerInnen, die meines Wissens nicht von Verlagen bezahlt werden. Warum müssen Bücher produziert werden? Offenbar kommen die ForscherInnen ja prima damit zurecht, Inhalte digital zu tauschen. Ich glaube tatsächlich nicht einmal, dass Verlage überflüssig sind, aber sie sollten mal prüfen, inwiefern ihr bisheriges Portfolio an Dienstleistungen überhaupt noch relevant ist.

  • Wissenschaftler

    Wissenschaftler

    "Artikel müssen geschrieben werden. Machen die WissenschaftlerInnen, die meines Wissens nicht von Verlagen bezahlt werden. Warum müssen Bücher produziert werden? Offenbar kommen die ForscherInnen ja prima damit zurecht, Inhalte digital zu tauschen. Ich glaube tatsächlich nicht einmal, dass Verlage überflüssig sind, aber sie sollten mal prüfen, inwiefern ihr bisheriges Portfolio an Dienstleistungen überhaupt noch relevant ist."

    Genau das!

    Jede Uni kann auch selber peer-reviewen und im Internet kostenlos publizieren, zum drucken kann dann ein Verlag einspringen!

  • Wissenschaftlerin

    Wissenschaftlerin

    Von den Verlagshonoraren kann ein wiss. Autor jedenfalls nicht leben. Er braucht es auch nicht, denn er wird über sein Gehalt von der Allgemeinheit bezahlt.
    Und da ist es nur recht und billig, dass seine Ergebnisse der Allgemeinheit kostenfrei zur Verfügung stehen.

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