Verlagskorrektoren über ihre Arbeit

Finde den Fehler

Buchstabendreher, falsche Kommasetzung, unklare Bezüge: Verlagskorrektoren brauchen gute Augen und viel Konzentration. Jeden Fehler zu erwischen, ist jedoch utopisch. CORNELIA BIRR

© Petra Gass

Meike Rötzer

Meike Rötzer © Julia von Vietinghoff

Wie Fehler in geschriebene Texte kommen, wissen wir alle: Da gibt es doch diesen Teufel, richtig? Was in der privaten Kommunikation zu verschmerzen ist, darf jedoch in Büchern nicht sein. Also muss jemand her, der die kleinen Versäumnisse gezielt ausmerzt – und das ist nicht der Lektor, auch wenn er sich akribisch mit jedem Manuskript auseinandersetzt. "Wir haben eine breitere Perspektive auf den Text", sagt Meike Rötzer, Lektorin im Berliner Indie-Verlag Matthes & Seitz. "Ich lese primär in die Tiefe; dabei entgeht mir auch mal ein Tippfehler. Wir sind ganz dringend angewiesen auf Korrektoren."

Gehörte ein Hauskorrektorat lange Zeit zur Grundausstattung eines Verlags, wird heutzutage ausgelagert – meist aus Kostengründen. Bei kleinen Verlagen ist die Struktur oft von vornherein auf wenige Mitarbeiter ausgelegt. Bei Matthes & Seitz beispielsweise arbeiten acht Festangestellte. Die Korrektur wird komplett von sogenannten festen Freien übernommen. Der Weg vom Manuskript zum fertigen Buch ist nicht ganz unaufwendig: "Ich als Lektorin erstelle in letzter Instanz die Satzdatei, das heißt, ich lösche unter anderem zuletzt alle Formatierungen aus der Word-Datei", sagt Rötzer. Die Word-Datei lässt der Setzer in ein InDesign-Dokument einfließen, aus dem er die Fahnen erstellt. Die Fahnen gehen dann an den Autor und den Korrektor, die ihre Korrekturen wieder zurückschicken. Meike Rötzer führt dann alle Korrekturen in einem Dokument zusammen, das wieder an den Setzer geht, der die Änderungen ausführt. "Anschließend gleiche ich ab, weil oft beim Einsetzen neue Fehler entstehen", so Rötzer. Zwei Mal wird dieser Prozess im Schnitt durchlaufen, dann gibt die Lektorin den Text frei für den Druck.

Gabriele Bischoff

Gabriele Bischoff © Suhrkamp Verlag

Auch die Verlagsgruppe Suhrkamp/Insel gibt Manuskripte für den ersten Lauf bis auf wenige Ausnahmen an freie Korrektoren außer Haus. Sämtliche nachfolgenden Revisionen werden vom Hauskorrektorat betreut – das macht das Haus in Deutschland zu einer Ausnahme. "Mit einem Hauskorrektorat hat man eine Instanz, bei der sich auch Lektoren in einem frühen Produktionsstadium beraten lassen können", sagt Gabriele Bischoff, die den Verlag als eine von drei internen Korrektorinnen unterstützt. "Wir können auch Argumente liefern, warum man sich nicht an bestimmte Regeln hält." Zweifelsfälle gibt es häufig: "Gerade bei anspruchsvoller Belletristik folgen Autoren in Sachen Syntax teilweise ganz eigenen Maßgaben, und das muss man beim Korrekturlesen berücksichtigen. Wenn man die Intention des Autor nachvollziehen kann, kann man ihm im bewussten Brechen von Regeln folgen – nehmen Sie Arno Schmidt, der eigene Wörter erfunden hat und auch in der Zeichensetzung sehr eigenwillig war, oder ­Peter Handke. In solchen Fällen von Autoreigenheiten greifen wir natürlich nicht ein."

Jede Zeit bringt ihre eigenen Fehler mit. Als Autoren ihre Texte noch handschriftlich oder maschinengeschrieben ein­reichten und der Setzer sie gewissermaßen Wort für Wort abschreiben musste, hätten sich Satzfehler produktionsbedingt gehäuft, erinnert sich Bischoff. Diese seien heute jedoch kein großes Problem mehr. Stattdessen finde man wesentlich mehr Orthografie- und Grammatikfehler als früher: "Das scheint bei vielen ein Schwachpunkt zu sein, selbst bei Wissenschaftlern. Wir wundern uns im Team oft darüber."

Alexandra Stender

Alexandra Stender © Cordula Giese

Ein möglicher Grund: die Schnelllebigkeit der heutigen Zeit, meint Alexandra ­Stender, Herstellungsleiterin bei Suhrkamp / Insel. "Ich glaube, dass Texte heute schneller herausgegeben werden, ohne dass man noch einmal darüberschaut. Ausreichend Zeit zum Korrekturlesen ist für die Qualität eines Druckwerks grundlegend. Das muss man gerade im Korrektorat berücksichtigen. 1.000 Seiten kann man nicht an einem Wochenende lesen."

Bleiben Fehler im Buch, werden sie häufig von einem aufmerksamen Leser gefunden und per Mail oder telefonisch weitergegeben. Und dann? "Nachträgliche Korrekturen pflege ich in die Errata-Listen in unserer Datenbank ein. In der folgenden Auflage werden die Änderungen dann umgesetzt", sagt Meike Rötzer. Hand aufs Herz: ein Buch ganz ohne Fehler, ist das überhaupt realistisch? "Bücher ohne Fehler gibt es nicht", ist Rötzer überzeugt. "Natürlich ist das unser aller Anspruch. Aber Sie können davon ausgehen – ein Buchstabendreher ist immer noch drin."

Interview mit Gabriele Bischoff, Korrektorin bei Suhrkamp/Insel


Orthografie oder Grammatik: Was ist die größere ­Herausforderung für eine Korrektorin?

Die Orthografie kann man, mit Abstrichen, im Duden nachschauen. Das größere Problem sind Zeichensetzung und Satzbau. Bei komplizierteren Texten, gerade bei Sachbüchern und wissenschaft­lichen Werken, kommt es auf korrekte Kommasetzung und richtige grammatische Bezüge an, um den Sinn verständlich zu machen. Ein guter Korrektor muss das alles im Blick haben.

Taugen Rechtschreibprogramme etwas?
Rechtschreibprogramme reduzieren gewisse Satzfehler, erfassen aber nicht die Komplexität unserer Sprache. Für anspruchsvollere Texte sind sie nicht ausgefuchst genug. Ich persönlich benutze sie nicht.

Gibt es Fehler, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?
Einer, der immer wieder mal vorkommt: Wenn von Scheinwerfern die Rede ist, steht da plötzlich "Schweinwerfer". Einmal stand auf dem Cover eines Titels statt Insel Taschenbuch: "Insel Taschentuch". Und bei einem Werk von William Makepeace Thackeray fand sich auf dem Titel nur "William Makepeace". Das Buch wurde gedruckt und gebunden. In letzter Minute bemerkte man den Fehler, das Cover musste vom Buchkörper abgetrennt und ersetzt werden. Wegen solcher Fälle lesen wir hier im Hause Umschläge immer zu zweit. Das kann sonst teuer werden.

Was sind typische Fallgruben für eine Korrektorin?
Es gibt Bücher, die man als furchtbar langweilig empfindet, und dann schweift man ab. Während die Augen und die Hand dem Text weiter folgen, denkt das Gehirn über andere Dinge nach. Oder es gibt spannende Bücher, bei denen man wissen will, wie es weitergeht – da liest man mal zu schnell. Und dann gibt es natürlich die Müdigkeit. Aber wissen Sie: Wo Menschen handeln, passieren auch Fehler. Es gibt nun mal Berufe, die definieren sich über das, was nicht geklappt hat. Sie haben 300 Fehler in einem Buch korrigiert, aber die zwei, die Sie nicht gesehen haben, werden wahrgenommen. Das muss man aushalten können.

Schlagworte:

1 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Jürgen Schulze

    Jürgen Schulze

    "Berufe, die sich über Fehler definieren." – Das haben Sie wirklich sehr gut in einem Satz zusammengefasst.

    Auch ich bekomme als Verleger noch regelmäßig erboste Mitteilungen, wie ich es denn wagen könne, immer noch Fehler zu veröffentlichen? So als wäre es mein Lebensinhalt.

    • Informationen zum Kommentieren

      Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

    • Mein Kommentar

      Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

      Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

      (E-Mail wird nicht veröffentlicht)
      CAPTCHA image
      Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination.

      * Pflichtfeld