Wie die #MeToo-Debatte Autoren und Literatur beeinflusst

Von Macht und Ohnmacht

Mehr Manuskript- und Lizenzangebote, mehr Interesse bei Medien und Lesern, mehr Sensibilität unter Autoren und Lektoren: Wie die #MeToo-Debatte die Belletristik verändert. NICOLA BARDOLA

© rudall30 - stock.adobe.com

Ob Tanja Raichs "Jesolo" (Blessing), Jagoda Marinic' "Sheroes. Neue Heldinnen braucht das Land" (S. Fischer) oder Marijke Schermers "Unwetter" (Kampa): Hinweise auf Literatur zum Thema #MeToo fehlen in kaum einer Frühjahrsvorschau. Lina Muzur, stellvertretende Verlagsleiterin bei Hanser Berlin, hat bereits im Sommer 2018 "Sagte Sie. 17 Erzählungen über Sex und Macht" (Hanser Berlin) herausgegeben. Bei den vorbereitenden Gesprächen zu dieser Anthologie stand die Frage im Mittelpunkt: Kann gute Literatur entstehen, wenn es eine Themenvorgabe gibt, und wie wird diese Literatur dann rezipiert? "Das Ganze war ein Experiment", sagt Muzur. "Wir wollten, dass das Buch als Beitrag zur #MeToo-Debatte wahrgenommen wird. Und wir wollten, dass erkannt wird, dass es sich um Literatur handelt, die nicht nur wegen eines bestimmten Oberthemas gelesen und beachtet werden sollte, sondern für sich stehen muss."

Eine Reihe von Schriftstellerinnen in der Anthologie wird durch die Literaturagentur Graf & Graf vertreten. "Die Autorinnen hatten zum Thema viel zu erzählen, oft brauchte es den thematischen Anstoß nicht erst. Die passenden Texte waren schon da", konstatiert Meike Herrmann, die bei Graf & Graf für Belletristik zuständig ist. Auch Verbrecher-Verleger Jörg Sundermeier hebt hervor, dass Bettina Wilpert bereits mehrere Jahre vor Beginn der #MeToo-Debatte an dem Stoff für "Nichts, was uns passiert" gearbeitet und für das Buch recherchiert hatte. "Wir wollten ein gutes Buch machen, gute Literatur. Literatur darf gesellschaftlich wirken, gern, aber sie muss es nicht unbedingt." Sundermeier hält Wilperts Buch nicht für einen #MeToo-Roman, "aber zweifelsohne wurde er von vielen so wahrgenommen. Das hat manchmal einen schalen Beigeschmack, weil sich die Leserinnnen und Leser dann fragen: Inwieweit ist das Literatur und nicht eher so was wie ein literarischer Essay?"

Ähnlich vorsichtig äußert sich Thomas Überhoff, Programmleiter Belletristik bei Rowohlt und langjähriger Lektor von Siri Hustvedt. Im März bringt der Verlag Hustvedts Roman "Damals" und die Essaysammlung "Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen" heraus. Für Rowohlt steht dabei zunächst einmal die inhaltliche und künstlerische Kontinuität ihrer Arbeit, das Gesamtwerk im Mittelpunkt. "Deshalb haben wir beschlossen, den Roman durch die Publikation eines Essaybandes mit Arbeiten über die Wahrnehmung und die neurophysiologischen Wurzeln des Denkens zu ergänzen", erklärt Überhoff. Das Geschlechterverhältnis spiele in Hustvedts Werken von Anfang an eine wichtige, durchaus aber nicht die einzige Rolle.

Wie Hustvedt thematisiert auch die Britin Sarah Vaughan eine Vergewaltigung in ihrem Buch "Anatomie eines Skandals" (Lübbe). "Die besondere Stärke des Romans haben wir in der emotionalen Entwicklung der Protagonistinnen gesehen", sagt Lübbe-Lektorin Iris Gehrmann. Sie weist auf eine Schlüsselszene am Ende des Romans hin, die die Ehefrau des Beschuldigten dazu veranlasst, die entscheidende Information an eine entsprechende Stelle weiterzugeben: "Der Mann verspürt kein Schuldbewusstsein, es hat keine Läuterung stattgefunden", so Gehrmann. Die Lübbe-Vorschau erwähnt die #MeToo-Debatte ausdrücklich: "Ein vielschichtiger und hoch­aktueller Roman (#metoo)". In Großbritannien wurde die englische Taschenbuchausgabe im Herbst 2018 ebenfalls anspielungsreich beworben: "Hinter jedem erfolgreichen Mann stehen Frauen, die schweigen. Bis jetzt."

In Amy Gentrys jüngsten Roman "Wie du mir" (C. Bertelsmann) geht es darum, wie alltägliche sexuelle Belästigungen und Übergriffe das Selbstverständnis von Frauen verändern können, wie Lektorin Maren Arzt berichtet. Bei der Beschreibung der Seelenlage greife Gentry, die bereits in ihrem Thriller-Debüt "Good as Gone" Gewalt gegen Frauen thematisiert hat, auch auf Erfahrungen zurück, die sie bei ihrer ehrenamtlichen Arbeit in einer Einrichtung für Opfer sexueller Gewalt gemacht hat. "Damit wird sie sicherlich auch für deutsche Medien zu einer gefragten Interviewpartnerin werden", ist sich Arzt mit Blick auf die #MeToo-Debatte sicher.

Gleichzeitig betont sie, dass "Wie du mir" unabhängig davon entstanden sei: "Das ist kein Buch, das von einer öffentlichen Debatte inspiriert wurde, sondern der zweite fesselnde Thriller einer klugen Autorin, die beweist, wie sehr sie mit ihren Themen jeweils am Puls der Zeit ist."

"Genau das richtige Buch zur richtigen Zeit" ist für dtv-bold-Programmleiterin ­Susanne Stark auch Colin Hoovers Roman "Too Late", der vor der #MeToo-Debatte geschrieben wurde: "Er liest sich fast wie ein 'umgekehrtes' 'Fifty Shades of Grey'; Hoover nutzt Ingredienzen einer Erotic Romance, zeigt aber, was diese für Frauen wirklich bedeutet und wie grauenhaft die permanente Kontrolle durch Männer vom Schlage Christian Greys sein kann."

Nach Auskunft von Susanne Stark wird #MeToo zu den Kernthemen des neuen Programmbereichs bold bei dtv ­gehören. Das junge Label soll Stoffe aufgreifen, die im Lebensgefühl der Millennials verankert sind. Texte des ersten und zweiten bold-Programms sind deshalb implizit von der Debatte beeinflusst worden. Dazu gehören Titel wie Laurie Halse Andersons "Schrei!", der sich in freier Versform als Appell zum Aufstehen gegen Gewalt liest, oder Layne Fargos kammerspielartiger Thriller "Temper", der im Theatermilieu spielt und in dem es explizit um das Verhältnis von Macht und Geschlecht geht.

"Die Buchmessen 2018 – und zwar in London und Frankfurt wie in Bologna – haben gezeigt, dass Romane zu den Themen #MeToo und 'Nein sagen' international auf dem Vormarsch sind", stellt Stark fest. Sowohl im Jugendbuch als auch in der Belletristik sei es eines der dominantesten Themen mit den interessantesten Angeboten gewesen. Ähnliche Einschätzungen sind von Hanser Berlin zu hören – und aus dem Diana Verlag, wo im Juli Gabrielle Zevins Roman "Das Verhältnis" als Beitrag zur #MeToo-Debatte erscheint. Besonders stark auf dem Lizenzmarkt vertreten: feministische Dystopien aus den USA. Doch auch der deutsche Buchmarkt ist nach Einschätzung der Programmmacher in Bewegung. Im Genre der historischen Romane etwa würden sich die Protagonistinnen verändern: Sie agieren heute wesentlich aktiver und emanzipieren sich, was sich auch an den erfolgreichen Ärztinnen-Romanen ablesen lasse.

Mit Blick auf den internationalen Rechtemarkt hat Bertelsmann-Lektorin Maren Arzt den Eindruck, dass das #MeToo-Thema inzwischen rund um den Globus präsent ist, auch in Ländern, von denen man es nicht unmittelbar erwarten würde. "Auf der Frankfurter Buchmesse wurde zum Beispiel ein koreanisches Buch sehr gehypt, das von der #MeToo-Thematik inspiriert wurde." Auch Thomas Überhoff von Rowohlt be­obachtet, dass zunehmend Romane angeboten werden, die den Stempel einer persönlichen Auseinandersetzung mit dem Geschlechterverhältnis tragen. "Und gewiss kommt mehr, vor allem mehr Plakatives, aus den USA als etwa aus Südeuropa." Überhoff ist aktuell nicht auf der Suche nach dem großen #MeToo-Roman für Rowohlt – "wie auch immer der aussehen sollte. Aber wenn er fantastisch geschrieben wäre: Warum sollten wir ihn dann nicht kaufen?"

In jedem Fall gilt: Die Sensibilisierung für das Thema wächst, wie Meike Herrmann von Graf & Graf bestätigt – übrigens auch unter den männlichen Autoren: "Viele von ihnen scheinen Geschlechterbilder oder die Fragen einer gendergerechten Sprache in ihrem Schreiben heute stärker zu reflektieren."

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