Wissenschaftliches Publizieren unter der Lupe

Dunkelmänner im Labor?

Es gibt nichts zu Beschönigen: Aktuelle Recherchen von investigativen Journalisten legen eine prekäre Allianz im System des wissenschaftlichen Publizierens offen. Handeln ist nötig, Panik allerdings nicht angezeigt. Ein Beitrag von bookbytes-Blogger Sven Fund über Fake News im Bereich des wissenschaftlichen Publizierens.

In die wissenschaftspublizistische Unterwelt hat sich ein Recherche-Team von Süddeutscher Zeitung (hier geht es zum Artikel: https://sz-magazin.sueddeutsche.de), WDR und NDR begeben und vermeintlich Neues wie tatsächlich Erschreckendes gefunden: Dubiose Anbieter von hunderter Predatory Journals und wissenschaftlicher Konferenzen, deren Vorträge Slapstick-Qualität haben, treiben da ihr Unwesen. Eines eint diese Angebote: Rücksichtsloses Streben nach Gewinn. Und es ist nur möglich, weil der Wunsch nach Anerkennung im Wissenschaftssystem die Grenzen von Verantwortung und Vernunft in einigen Fällen überschreitet. Das stellt Mechanismen des Forschungs- und Verlagssystems in Frage. Aber es gefährdet nicht seine Funktionsweise.

Das Team von Journalisten ist den Machenschaften des Verlags Omics und des Konferenzanbieters Ardil nachgegangen. Es hat vermeintlich wissenschaftliche Zeitschriftenartikel, die tatsächlich nur verklausulierter Unsinn sind, zur Publikation und zum Vortrag angeboten. Das Ergebnis: Weder die erfundene Identität des Autoren, noch die seines Forschungsinstituts oder des Arbeitsergebnisses führten im Peer Review-Verfahren zu einem Rauswurf aus der Zeitschrift, es wurden lediglich redaktionelle Hinweise zur Verbesserung des Papers gemacht. Nach der Zahlung einer Artikelgebühr wurde der Unsinn in Wissenschaftsgestalt in einer Zeitschrift online publiziert. Das Geschäftsmodell war – bis zur Veröffentlichung des SZ Magazin-Beitrags – einfach und sicher hochprofitabel.

So weit, so schlecht: Omics als inkriminierter Verlag behauptet, pro Jahr 50.000 Artikel zu publizieren, angesichts der fast 2,3 Millionen wissenschaftlichen Beiträge, die laut Weltbank 2016 veröffentlicht wurden, kein Flächenbrand. Aber doch Grund genug, sich mit diesem Krebsgeschwür des Forschungs- und Publikationsbetriebs genauer zu beschäftigen. Denn: In Predatory Journals publizieren nicht nur geltungssüchtige Forscher zweiter Klasse, sondern renommierte Wissenschaftler von Großforschungseinrichtungen, auch aus Deutschland. Bisher dachte der geneigte Beobachter, zumindest die hätten ein solches Verhalten nicht nötig und würden als leuchtende Vorbilder gegen akademische Nestbeschmutzung vorgehen und sie nicht noch unterstützen.

Und nicht nur Forscher fallen auf Raubverleger herein, auch die forschende Industrie mischt munter mit: Die Investigativen fanden heraus, dass Mitarbeiter aus 40% der Dax 30-Unternehmen Studien im anrüchigen Milieu der Betrüger veröffentlichen, nach Ansicht der Journalisten oft windige Forschung, die zwar geneigte Studien bringt, aber mit wissenschaftlichem Ethos sehr wenig zu tun hat. Wer behauptet, er habe den Betrug nicht erkennen können, ist nicht um Aufklärung und Besserung bemüht, sondern versucht, seine Haut zu retten. Doch dazu später mehr.

Ähnlich wie im Fall der Affäre um Plagiatrie, der 2011 den damaligen abschreibenden und nicht korrekt zitierenden Verteidigungsminister aus dem Amt trug, ärgert der aufgedeckte Skandal Verleger und Wissenschaftsmanager vermutlich gleichermaßen. Denn er legt den Finger in eine Wunde, die ohne den Quantifizierungswahn des modernen Forschungsbetriebs nicht möglich wäre. In einem Umfeld, wo Forschen, Lehren und Verbreiten mess- und vergleichbar gemacht werden müssen, entsteht Missbrauch, der vielen schadet und wenigen nützt.

Die Wissenschaft als ein Teilsystem der Gesellschaft muss, bei aller Spezialisierung, vertrauenswürdig bleiben, und Wissenschaftsverlage in aller Welt arbeiten täglich daran, die dafür erforderliche Qualitätssicherung zu organisieren. Inhaltlich durchgeführt werden kann sie nur von Forscherinnen und Forschern selbst. Allerdings: Die seriösen Verlage der Branche – und sie sind es ebenso wie die Öffentlichkeit, die durch die Räuber geschädigt werden – tun gut daran, Fehlverhalten in ihren eigenen Reihen künftig noch klarer zu ahnden. Predatory Publishers gehören an den Pranger! Der Vertrauensverlust in die qualitätssichernde Funktion betrifft nicht nur Verlage mit einem reinen Open-Access-Geschäftsmodell, sondern die gesamte Branche.

Die Wissenschaftsorganisationen weltweit und Hochschulen und ihre Berufungsregeln im Besonderen müssen zu einer Reform überkommener Quantifizierungen kommen. Es ist eben nicht nur ausschlaggebend, wie viele Beiträge ein Forscher pro Jahr in Journals mit möglichst hohem Impact Factor publiziert, sondern auch, was drinsteht. Und gerade die Geistes- und Sozialwissenschaften sollten ihre Reserviertheit gegenüber Peer Review als einem vielleicht nicht fehlerfreien, aber eben doch des besten verfügbaren Prinzips aufgeben.

Wissenschaftler können sich in Zeiten des Internets nicht mehr darauf zurückziehen, dass sie die Qualität der Publikationsorgane in ihrem Fach nicht kennten. Beall’s List (https://beallslist.weebly.com/#), vor einigen Jahren vom Bibliothekar Jeffrey Beall gestartet und mit einigen Schwächen behaftet, ist trotz ihrer Verrentung noch immer eine Datenbank, die Licht ins Halbdunkel bringen kann. Und im speziellen Fall des Open Access hilft die Listung von vertrauenswürdigen Zeitschriften im Directory of Open Access Journals (https://doaj.org). Im übrigen sei Zweifelnden ein Beratungsgespräch mit einer Bibliothekarin oder einem Bibliothekar ans Herz gelegt – Informationsexperten wissen in der Regel, wem man seine Publikation anvertrauen sollte und wem besser nicht.

Die forschende Industrie schließlich ist gut beraten, sich einen Ehrenkodex aufzuerlegen und Forschungspublikationen zu Werbezwecken schlicht zu unterlassen – Glaubwürdigkeit ist im Digitalen wichtiger als pseudoakademische Augenwischerei.

Der Fall von Omics und Co. erzählt die Geschichte von der enormen Beschleunigung des wissenschaftlichen Publizierens nicht als eine Erfolgsgeschichte, wie unsere Branche sie zu Recht gern sieht. Und er fordert zu gemeinsamem Handeln auf. Eine weitere Konferenz zur Qualität von Peer Review ist dafür nicht erforderlich, wohl aber konkrete Schritte, die die Transparenz und Effizienz desselben stärken. Digitale Technologien können helfen, Raubverlegern das Leben schwerer zu machen und den vermeintlich Ahnungslosen in der Wissenschaft die schlechten Entschuldigungen zu nehmen.

 

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1 Kommentar/e

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  • Hermann Huemer

    Hermann Huemer

    Sie sprechen es indirekt an: "Fragen Sie den Bibliothekar oder auch die Bibliothekarin Ihres Vertrauens!" Das sollte die Key Message einer jeden Benutzerschulung in der Bibliothek sein. Wenn das allerdings aus Marketinggründen als Informationskompetenz verkauft wird, kann der eine oder andere Benutzungsgeschulte schon zu dem Schluss gelangen, er könne sich den Weg zur Beratung sparen, wo er doch nun selbst informationskompetent sei. Informationskompetenz beginnt aber nicht erst in der Bibliothek, sondern mit kritischem Denken und Hinterfragen und endet mit der professionellen (Fach-)Kommunikation und der Auswahl der geeigneten Medien hierfür. Das sollte auch jeder Betreuer einer wissenschaftlichen Arbeit wissen und seinen Studenten entsprechend darüber aufklären.

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