Zurück zum gedruckten Buch

Die Renaissance des Bücherregals

Das Bücherregal, gefüllt mit repräsentativen Werken, kehrt zurück. Es ist ein Zeichen der Unabhängigkeit, etwa von den obligatorischen Bildschirmen – meint Michael Schikowski.

Klaus Wagenbach erzählte einmal, wie er 1954 als Hersteller von Fritz Hirschmann bei S. Fischer damit beauftragt wurde, für Thomas Mann zehn »einwandfreie« Autorenexemplare auszusuchen. »Mit gedehnter und strenger Betonung auf ›einwandfrei‹, also kein schief eingehängtes, ungleich geprägtes oder gar bogenvertauschtes Exemplar, dessen Beschnitt schartig oder dessen Kapitalband verrutscht war.« Thomas Mann, dem Repräsentanten des Bürgertums, pingelig, heikel und schnell eingeschnappt, sollten nur repräsentative der entsprechend teuren Ausgaben seines Hochstaplerromans »Felix Krull« unterkommen.

Qualität rechtfertigt den Preis, zuweilen aber rechtfertigt der Preis auch die Qualität, vor allem dann, wenn andere Kriterien zur Bewertung fehlen. Man spricht hier auch vom Veblen-Effekt, benannt nach dem Soziologen Thorstein Veblen. Danach steigern Bücher, von denen man kaum mehr weiß, als dass sie teuer aussehen, das Sozialprestige ihres Besitzers.

Dann liegt also auch immer der Verdacht nahe, dass das Repräsentative das Repräsentierte, die ausgestellten Bücher also das Lesen ersetzen. Hohe Bücherstapel für kulturelle Hochstapelei. Wie neuerdings auch Karten für Literaturveranstaltungen namhafter Autoren gekauft werden, statt deren Bücher zu lesen.

Eine Sparkasse versandte unlängst an junge Menschen Werbebriefe zum Geburtstag. Auf dem Umschlag steht: »Werfen Sie mal einen Blick in die eigenen vier Wände!« Wenn man den Umschlag öffnet, erhält man Einblick in ein Wohnzimmer mit Couch, Blümchen, Fenster usw., und neben der Couch steht ein großes Bücherregal. Ein Bücherregal? Ja, genau, ein Bücherregal, und zwar mit Büchern bestückt – ganz so, wie wir es aus den 1950er Jahren kennen, vermutlich mit einer Thomas-Mann-Gesamtausgabe.

Ich habe zu diesem Werbebrief unzählige Deutungen gehört. Einige hielten das Ganze für ein Versehen oder die Sparkassenleute für Witzbolde. Die meisten von uns sind noch mit der Einstellung aufgewachsen, dass man den Gebrauch des Buches diesem unbedingt ansehen musste. Als ausgestellter Besitz waren uns Bücher immer auch ein wenig peinlich. Bücher mussten anständig zerlesen sein. Und nun feiert Omas Bücherregal fröhliche Wiederkehr?

Gelegentlich spricht man bei der nachwachsenden Generation – das mag ein Indiz sein – vom neuen Biedermeier, schließlich wirft man dort auch wieder Brautstrauß und Bachelorhut. Es liegt also nahe, auch dem Bücherregal, gefüllt mit repräsentativen Büchern, eine Konjunktur vorauszusagen. In einigen Buchhandlungen wird schon gezeigt, wie das mit »einwandfreien« Büchern aussehen kann. Buchhandlungen als Showroom fürs heimische Wohnzimmer. 

In der Sparkassenwerbung mit Bücherregal aber bloß ein Retro-Phänomen zu sehen ist gewiss unzureichend. In den 1950er Jahren war das Bücherregal ein Anschlussmedium an die bürgerliche Hochkultur. Man muss es heute als Medium der Unabhängigkeit und Freiheit erkennen. Das Bücherregal zeigt Unabhängigkeit von den obligatorischen Bildschirmen moderner Arbeitsplätze, Freiheit von den Kicks knalliger Kurznachrichten und von extrem ausgeweiteter Überwachung. Und, na klar, es ist auch – im Unterschied zum Verschwinden der Dinge ins Digitale – sichtbar, greifbar und repräsentativ. 

Über Michael Schikowski
Michael Schikowski schreibt den Blog immerschoensachlich.de. Gerade erschien von ihm "Glanz und Melancholie. Anmerkungen zur Buchgestalt".

4 Kommentar/e

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  • Kleine Sortimenterin

    Kleine Sortimenterin

    Jedes Mal erfreut mich ein Beitrag von Herrn Schikowski. Amüsant, vielschichtig. Vielleicht haben ja die Sparkassen unsere Kritik berücksichtigt, nachdem sie ja den Kindle beworben hatten - aber auf der anderen Seite
    mit der Förderung des Mittelstandes, also mit uns Buchhandlungen, warben. Mit einer Sparkasse in Berlin hatte ich mit einem Mitarbeiter eine solche
    Diskussion, dem Mann war das hochnotpeinlich, weil ihm das nicht bewusst war. Vielleicht mögen uns die Sparkassen wieder? Fotos zu schönen Buchregalen mit edlen Ausgaben liefere ich jederzeit.

  • Galbadon

    Galbadon

    Social bookshelfing ist ja kein ganz neues Phänomen. Ich habe das schon in den 80ern gemacht, wie viele andere auch. Zugegeben, es ist seit den 2000 nicht mehr so häufig in deutschen Wohnstuben anzutreffen - aber nach wie vor habe ich bei der Auswahl für das Bücherregal im Wohnzimmer die klassischen Kriterien: Was sollen die Bücher über micht aussagen? Wie soll es auf den Betrachter wirken? Welche Botschaft will ich vermitteln? Und: Fügt sich das Ganze harmonisch in den Wohnraum ein? Und genauso liest man ja auch die Bücherregale der Anderen. Schön, wenn diese alte Tradition wieder auflebt.

  • ALTMODISCHER

    ALTMODISCHER

    Hier war dann wohl der Wunsch der Vater des Gedankens. Wer´s glaubt wird selig.

  • Guy Néchois

    Guy Néchois

    »Ein Leben ohne Bücherbogen!« —
    Ein solcher Satz wär’ glatt verlogen.
    Papier! – das raschelt, riecht und reift.
    Wohl dem, der heut’ zum Buch noch greift.

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