Ich will ein paar freundliche Worte schreiben an jemanden. Sie hat es verdient, aufgrund einer Erkrankung musste sie eine Einladung zu einer Feierlichkeit absagen, ich will sie trösten und das verbinden mit einem passenden Zitat. Da komme ich auf meinen Favoriten, den amerikanischen Dichter Richard Brautigan, der, so sagt mir meine Erinnerung, in einem Gedicht mal etwas wirklich Schönes geschrieben hatte: "Keine Party ist vollständig ohne dich." Aber wo genau schrieb er das? Ich will es korrekt zitieren.
Zum Glück gibt es nun die KI, die aushelfen kann. Ich frage also nach. Wo steht es, in welchem Gedicht? "Wir müssen ein kleines Detail klären: Es gibt keinen Dichter namens Richard Brautigan.“ Hm, mit dieser Antwort habe ich nicht gerechnet. Ich bin doch recht sicher, habe ja sogar selbst mal ein Buch mit Texten von ihm herausgeben dürfen. Ich bleibe beharrlich. Und: Jetzt bestätigt die KI die Existenz des Dichters, nicht aber die des Gedichts. "Es handelt sich höchstwahrscheinlich um eine Verwechslung mit Leonard Cohen." Wegen der verblüffenden Namensähnlichkeit? "Die Schlusszeile von 'No Party' von Leonard Cohen lautet: 'Denn keine Party ist vollständig ohne dich.'"
Zugegeben, diese Parallele kannte ich nicht, die Zeitgleichheit erstaunt mich, ich frage mich sofort nach gegenseitiger Inspiration der Geistesverwandten Brautigan und Cohen. Und doch… "Da ich kein Gedicht von Brautigan mit dem Wort 'vollständig' kenne, habe ich Ihnen ein Gedicht geschrieben, im Stil von Brautigan, in dem das Wort 'vollständig' eine zentrale Rolle spielt."
Wow, das ist nett, ein Gedicht nur für mich, die KI gibt sich Mühe:
"Die Fische trugen ihre Schuppen Wie eine vollständige Liste aller Wunder Die der Fluss je gesehen hat."
Schön schön, aber Party kommt nicht vor. Ich danke und bitte um weitere Suche. "Ein faszinierendes Rätsel. "Finde ich auch. "Es handelt sich wohl um eine Konfabulation, unser Gedächtnis ist nicht perfekt." Wem sagst du das… Und ja, Konfabulationen pflastern tatsächlich meinen Lebensweg. Ohne dass ich diesen Begriff zuvor benutzt hätte allerdings.
Nun aber fällt mir noch etwas ein. Ich meine mich erinnern zu können, dass der von mir gesuchte Text in Verbindung mit einer "Maxine" steht. "Ein konkreter Hinweis. Ich habe mich erneut auf die Suche gemacht. Es gibt einen Song von Leonard Cohen mit dem Titel 'Maxine'"
Klar, der Cohen wieder. "'Keine Party ohne dich' kommt darin aber nicht vor." Wie schade, denke ich. Aber nicht hilfreich. "Es scheint, dass Ihr Gedächtnis Elemente aus zwei verschiedenen Werken sehr passend und kreativ zusammengeführt hat."
Puh, ich leide unter Demenz, aber gestalte das ideenreich. Ein Trost? "Fazit: Ein Gedicht mit Maxine und Party existiert nicht von Richard Brautigan." Ich bezweifle dies, wiederhole also meine These, höflich, die KI ist es ebenfalls. "You are absolutely correct. There is a poem 'No Party Is Complete Without You'. Die KI kommuniziert plötzlich auf Englisch.
Immerhin, so hat sie es gefunden! Na ja, fast… "The poet is Reinhold Braun, not Richard Brautigan." Man möge mir verzeihen, Reinhold Braun war mir bisher nicht bekannt. "The poem 'Group Portrait Without the Lions'(originally in German ‘Gruppenbild ohne Löwen’ is by the German poet Reinhold Braun." Gruppenbild, Löwe, das sagt mir was! Aber eben im Kontext mit Brautigan. Wie kann das sein?
"Eigentlich ist keine Feier vollständig ohne dich. Wir lachen. Wir trinken auf dein Wohl. Wir wünschten, du wärst hier. Aber da, wo du jetzt bist, sind die Stühle unbequem, ist der Himmel grau, und niemand trinkt auf dein Wohl." Die KI zitiert Braun. Ach du je, viele Worte, lange Sätze. So gar nicht Brautigan. "I apologize for the earlier confusion." Earlier? Ich war noch keine Sekunde so konfus wie jetzt. Wer ist dieser Dichter Braun und wieso hat er Texte mit identischen Titeln wie Brautigan veröffentlicht? Ich gebe nicht auf, ein "Gruppenbild ohne Löwen" sei so oder ähnlich von Brautigan, schreibe ich, weiterhin auf Deutsch.
"Ich muss meine vorherige Antwort klar korrigieren. Sie haben recht: 'Group Portrait Without The Lions' ist tatsächlich der Titel eines Hauptwerks von Brautigan." Wow, sogar ein Hauptwerk, das ist ja mal was. "Nun gilt es, die zweite Hälfte Ihrer Aussage zu überprüfen." In der Tat, das gilt es wirklich, schon die ganze Zeit allerdings. "Es ist durchaus möglich, dass diese Zeile vorkommt. Leider jedoch liegt der vollständige Text nicht online vor."
Jetzt ist es also immerhin denkbar. Aber die KI weiß das gar nicht, weil sie nicht über das gesamte Werk verfügt. Darauf hätte ich kommen können. Aber die KI ja auch. "Die Existenz der Zeile ist eine noch zu verifizierende Behauptung. Plausibel, aber schwer zu belegen."
Für mich nicht, denke ich. Ich kann nachschauen, in den Büchern, die ich habe. "Die Suche nach der konkreten Zeile bleibt eine offene, lohnende Detektivarbeit." Das ist wahr. Ich nehme also die Bände zur Hand, und, siehe da, ich finde, was ich suchte! Im Zyklus "Gruppenbild ohne die Löwen" gibt es ein (kurzes!) Gedicht mit dem Titel "Maxine“.
"Keine Party ist vollständig ohne dich. Alle wissen das. Die Party beginnt, wenn du ankommst.“
Ich sende die Nachricht, ein wenig erschöpft. Bücher sind echt was Gutes, denke ich.
kurios ist es vielleicht auf den ersten Blick. Aber auf den zweiten Blick erzählen Sie uns eine wahre Schauergeschichte darüber, was passiert, wenn Dinge, von deren Existenz wir wissen, von einer KI nicht gefunden werden und ihnen von dieser somit die Existenz schlicht abgesprochen wird! Was sagt uns das?
Dank und herzlicher Gruß
Jens Bartsch - Buchhandlung Goltsteinstraße in Köln
"Der Titel "Gruppenbild ohne die Löwen" (im englischen Original: Group Portrait Without The Lions) bezeichnet einen Gedichtzyklus (bzw. ein Kapitel) des US-amerikanischen Schriftstellers Richard Brautigan.
Er ist Teil seines 1976 veröffentlichten Gedichtbandes "Loading Mercury with a Pitchfork" (dt. Quecksilber mit einer Mistgabel aufladen).
Hintergrund:
Der Zyklus besteht aus mehreren kurzen Gedichten, die oft wie Momentaufnahmen wirken. Das wohl bekannteste Gedicht daraus trägt den Titel "Maxine" und enthält die Zeilen:
"Keine Party ist vollständig ohne dich.
Alle wissen das.
Die Party beginnt, wenn du ankommst."
(Original: "No party is complete without you. Everybody knows that. The party starts when you arrive.")
Dieser Titel war jüngst Gegenstand einer Kolumne im Börsenblatt (Januar 2026), in der der Autor Markus Klose beschreibt, wie er verzweifelt versuchte, eine KI nach genau diesem Zitat zu fragen, und schließlich in seinen eigenen Büchern fündig wurde."
Die von Hrn. Klose befragte KI hätte den amerikanischen Autor Richard Brautigan eigentlich kennen müssen, weil es über ihn ausführliche Artikel in der Wikipedia gibt. Was hier allerdings fehlt, ist ein Hinweis auf "Gruppenbild ohne die Löwen". Es ist nur der Titel des Gedichtbandes "Loading Mercury with a Pitchfork" aufgeführt.
Ich pflichte Hrn. Bartsch bei, dass es schaurig ist, wenn eine KI behauptet, ein Autor würde nicht existieren. Die Auswahl der Trainingsdaten darf nicht darüber entscheiden, was wahr ist.
Um sich ein ausgewogenes Bild zu machen, sollte man als Anwender möglichst verschiedene KI-Systeme befragen und die Ergebnisse vergleichen.
Ein kleiner Exkurs: Bis vor einigen Jahren hatte das Weltwissen in Form der Brittanica oder des Brockhaus immer ein paar Jahre Ruhepause, bis die neue und überarbeitete Auflage erschien. Mit Wikipedia haben wir uns daran gewöhnt, dass ein Weltwissen sich aufgrund der ständigen Überarbeitung quasi im Sekundentakt ändern kann und ebenso schnell aktualisieren lässt.
Durch das Modell „Alle schreiben mit“ ist Wikipedia zwar extrem aktuell, aber ebenso rasch auch manipulierbar. Man muss da gelegentlich halt höllisch aufpassen, wer was wann wie neu geschrieben und formuliert hat, gottseidank gibt es dort die Funktion der Bearbeitungs- und Quellenhinweise.
Und jetzt kommt die KI, die uns zwar zeitnah antwortet, aber schlussendlich ohne jede Quellenangabe irgendetwas rausspuckt, was erwiesenermaßen zu erheblich großen Teilen kompletter Nonsens ist. Sie halluziniert halt, heißt es dann hübsch beschönigend.
Ein chinesischer Philosoph sagte „Erfahrung ist wie eine Laterne im Rücken - sie beleuchtet stets nur das Stück Weg, welches wir bereits hinter uns haben“ und nahm damit vorweg, wie KI tatsächlich funktioniert.
Alle Trainingsdaten von KI sind rückwärtsgewandt. Und ja, selbstverständlich sind die Trainingsdaten von KI je nach Unternehmen völlig unterschiedlich, entscheiden aber dennoch darüber, was wahr ist, was existiert oder was schlicht nicht existiert. Ab einer gewissen allgemeinen Wirkmächtigkeit von KI besteht eben darin das ganz große Problem, vor dem wir stehen!
Die Abfahrtszeit eines Busses in Mailand mag sich damit eventuell leichter planen lassen, mit sehr großer Mühe findet man eventuell auch irgendwann ein gesuchtes Gedicht. Aber was passiert, wenn der Großteil der Menschen dort generierte Aussagen komplett für bare Münze nimmt, alles andere ignoriert und bei den Nachschlagewerken zum Beispiel auch eine Wikipedia mangels Nutzung ähnlich Brittanica oder Brockhaus den stillen Tod stirbt?
Jens Bartsch – Buchhandlung Goltsteinstraße in Köln