Eine repräsentative Auswahl unterschiedlicher Literaturgattungen, Jahrgänge und Geschlechter zusammenzustellen, erwies sich als schwierig: Wir kannten einige talentierte Autor:innen, die lange nichts publiziert hatten – aber waren sie wirklich "ausgestiegen“ oder würden sie unsere Anfrage als Affront empfinden? Wie sollten wir Kolleg:innen kontaktieren, die längst ihre Websites und ihre Social-Media-Accounts deaktiviert hatten? Und was war mit jenen Autor:innen, die den Betrieb schon vor so langer Zeit verlassen hatten, dass wir sie schlicht nicht kannten?
Wir fragten Verleger:innen, Lektor:innen, Bekannte von Bekannten. Ein Autor wurde uns empfohlen, der die Strukturen des Literaturbetriebs seit Jahrzehnten ablehnte; unsere Bitte um einen Text beantwortete er strikt: "Wie Sie sich denken können, möchte ich damit nichts zu tun haben.“ Eine Autorin erklärte ihre Abkehr vom Literaturbetrieb mit "gesundheitlichen Gründen“. Eine ehemals erfolgreiche Lyrikerin hatte alle Brücken eingerissen und das Land verlassen, eine andere zog ihren Beitrag nach wenigen Tagen wieder zurück. Nach und nach aber entstand eine Textreihe, die den Literaturbetrieb aus ganz unterschiedlichen Perspektiven in den Blick nimmt.
Die Teilnahme an dieser Textreihe bedeutet für die vier Autor:innen, wieder in die Öffentlichkeit zu treten, von der sie sich bewusst verabschiedet haben. Wir danken Tobias Hülswitt, Ricarda Junge, Kathrin Klingner und Thilo Reffert für ihre offenen, mutigen Beiträge, die dem Narrativ der Leistungsgesellschaft widersprechen und deutlich zeigen, dass es zum literarischen Erfolg mehr braucht als gute Texte.
In jeder Ausstiegsgeschichte spielt das Geld eine Rolle, oft wird die Verantwortung für die eigenen Kinder erwähnt; es wird aber auch grundlegende Kritik an den Strukturen eines Literaturbetriebs geübt, der Verwertungslogiken über Textqualität stellt. Tobias Hülswitt ging bereits in den 2010er Jahren auf Abstand zum Literaturbetrieb, Ricarda Junge legte eine fünfzehnjährige Publikationspause ein, im Zuge der Coronapandemie wechselten Kathrin Klingner und Thilo Reffert den Beruf.
Ich bin höchst gespannt auf die weiteren Beiträge. Denn diese Serie betrifft letztlich die kulturelle Rechtfertigung von unser aller Berufen, zu der viele der Branche so gerne zur Rechtfertigung ihres Tuns zurückgreifen..
Als Kleinstverleger, der noch immer gerne(!) die im Normvertrag anvisierten 10% Autorenhonorar zahlt (auch wenn trotzdem keine meiner Autor:innen davon leben kann), ist mir in den letzten ein bis zwei Jahren eine Entwicklung aufgefallen, die unterstreicht, wie gefährlich die in dieser Vorrede zur Serie bereits angedeutete Situation für das Kulturland Deutschland ist.
In dem angesprochenen Zeitraum hat sich die Anzahl unaufgefordert eingesandter Manuskripte bei uns deutlich erhöht, obwohl unser Verlag „Sol et Chant“ in praktisch keiner Weise, außer einem halbversteckten Hinweis unten auf einer Webseite, für die Zusendung von Texten wirbt. Das könnte man vielleicht noch als normale zeitliche Fluktuation abtun, doch ist gleichzeitig die Qualität der eingesandten Manuskripte sehr spürbar gestiegen. Zum Teil melden sich selbst namhafte Größen des Kulturbetriebs bei unserem Zwergverlag. Obwohl ich mich bis vor kurzem noch nie für die Veröffentlichung eines der eingesandten Manuskripte entschließen konnte, bemühe ich mich aktuell sehr konkret um eine der Arbeiten und prüfe eine weitere sehr genau. Erstere Arbeit würde zweifellos in einen politisch interessierten Großverlag gehören, schon um dem Text, der ein gesellschaftlich brisantes Thema aus neuer Perspektive behandelt, ein angemesseneres Forum zu bieten, als Sol et Chant das aufgrund seiner Größe vermag.
Dass die Buchbranche – trotz Buchpreisbindung und aller Regulative – längst hoffnungslos dem reinen Kapitalismus anheimgefallen ist, ist sicher keine Neuigkeit, doch es ist eine, wenn Autor:innen von hochbrisanten Texten plötzlich bei einem Kleinverlag aus dem Oderbruch auf der Matte stehen.
Wir brauchen DRINGEND eine strukturelle Verlags– und entsprechend auch Autor:innen-Förderung. Und auch die großen Verlage, die leider ja (mit so wenigen rühmlichen Ausnahmen) ihre Lektorate nur noch als Kostenfaktor ansehen, sollten sich darauf besinnen, welche Verantwortung gerade sie, als so genannte „Aushängeschilder“ für die Buchkultur haben. Es ist blamabel für die „Großen“, wer sich bei den Kleinen inzwischen alles vorstellt. Abschöpfen von erfolgreichen Autor:innen und Büchern darf einfach nicht alles sein, worin der Betrag der „Großen“ zur Buchkultur besteht, selbst wenn das den kapitalistischen Grundregeln widerspricht, denen sich die Verlage unterworfen haben.
Jan Groh
Verleger
Verlag Sol et Chant
Tja, Kinder kommen einfach "dazwischen" und kosten immens viel Zeit und Geld.
Könnte der Staat nicht einfach mal alle unsere Verpflichtungen übernehmen? Und warum zur Hölle gibt es kein Recht auf ein sorgenfreies Leben für alle?
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