Interview mit Peter Kraus vom Cleff

"Machen Sie alle den Angriff auf die Ukraine zum Thema!"

1. März 2022
von Börsenblatt

Wie kann die Buchbranche Solidarität mit der Ukraine zeigen? Sehr konkrete Antworten von Peter Kraus vom Cleff, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins.

Wir sehen die Ukraine als Teil eines gemeinsamen kreativen Europas. Was Branchenkolleg:innen aus der Ukraine berichten, ist erschütternd.

Die Börsenvereinsgruppe hat durch die Frankfurter Buchmesse viele Bezugspunkte zur Ukraine wie zu Russland: Haben Sie Kontakt zu Kolleg:innen oder den entsprechenden Branchenverbänden der Kriegs- und Krisenregion? Und was hören Sie von dort?
Wir stehen im Austausch mit Branchenkolleg:innen aus der Ukraine und was sie berichten, ist erschütternd. Die Organisator:innen, die zum Beispiel gerade eigentlich das Arsenal Buchfestival in Kiew im Mai auf die Beine stellen sollten, sind jetzt damit beschäftigt, sich selbst, Mitarbeitende und Familien zu beschützen und auch wichtige Kunstobjekte in Sicherheit zu bringen. Die Angst ist groß – um das Land, die Demokratie, freiheitliche Werte und um das eigene Leben.

#StandwithUkraine: Solidaritätsbekundungen gibt es von allen Seiten, in den sozialen Netzwerken und auf den Straßen. Was kann die deutsche Buchbranche tun, um zu zeigen, dass sie an der Seite der Ukraine steht?
Machen Sie alle diesen schrecklichen Angriff auf die Ukraine, den Frieden und die Freiheit zum Thema, solidarisieren Sie sich öffentlich mit der Ukraine und fordern Sie ein Ende des Krieges! Wir in der Buchbranche haben die Möglichkeit, dies mithilfe unseres Produktes zu tun: Buchhandlungen können Thementische und Schaufenster gestalten, Verlage können ukrainische Autor:innen in den Mittelpunkt rücken.

Wie kann der Börsenverein dem Buchhandel und damit allen Leserinnen und Lesern dabei helfen?
Ganz praktisch stellen wir Buchhandlungen und Verlagen Plakate und Motive für Social Media bereit, mit denen sie ihre Kund:innen auf das Thema aufmerksam machen können (mehr dazu hier). Aber ich sehe unsere Rolle noch darüber hinausgehend: Wir können unsere Netzwerke und unsere Position in der Öffentlichkeit nutzen, um weit sichtbare Zeichen zu setzen. Für die Tage in Leipzig in zwei Wochen planen wir eine Veranstaltung, vielleicht gelingt uns auch noch eine größere Aktion.

Der europäische Verlegerverband FEP hat einen Appell an die Buchmessen in Europa gesendet, dem offiziellen Nationalstand Russlands keine Plattform zu bieten.

Peter Kraus vom Cleff

Sie sind nicht nur Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, sondern auch FEP-Präsident. Wie reagiert der europäische Verlegerverband auf den Krieg in Europa – und was lässt sich auf internationaler Ebene gemeinsam tun?
Wir sind natürlich fassungslos über diesen Angriff auf die Ukraine – konterkariert er doch alles, wofür die FEP steht: die konstruktive, friedliche Zusammenarbeit in einem freien Europa. Wir sehen die Ukraine als Teil eines gemeinsamen kreativen Europas. Wir haben unsere ukrainischen Kolleg:innen Solidarität zugesichert und auch einen Appell an die Buchmessen in Europa gesendet, angesichts der aktuellen Lage dem offiziellen Nationalstand Russlands keine Plattform zu bieten.

Auch die Frankfurter Buchmesse wird dies nicht tun, wenn staatliche Institutionen den Stand anmelden sollten (mehr dazu hier). Und, ich fürchte, wir müssen beginnen, für ukrainische Kolleg:innen, die ins Exil gehen müssen, neue Perspektiven zu ermöglichen. Die FEP ist im engen Austausch mit den Kolleg:innen in den baltischen Staaten, Polen, Rumänien und Bulgarien.

Zeichen setzen gegen den Krieg

  • Flagge für die Ukraine zeigen: Die Brancheninitiative Jetzt ein Buch! bietet Plakate und Social Media-Motive zum Download an (siehe oben). Entwickelt wurden sie auf Anregung des Ausschusses für den Sortimentsbuchhandel im Börsenverein. Zwei Motive können kostenlos als Plakat bestellt werden. Details und alle Vorlagen gibt es hier.
  • Themenfenster und -tische gestalten: Geben Sie Autor:innen aus der Ukraine eine Bühne – etwa Juri Andruchowytsch, Yevgenia Belorusets, Juri Durkot, Elena Fanajlowa, Kateryna Mishchenko, Katja Petrowskaja oder Serhij Zhadan. Auch Bilderbücher, Sachbücher oder Reiseliteratur bringen Kund:innen die Ukraine näher.
  • Angebote des Friedenspreises teilen: Ein aktueller Podcast des Friedenspreises beschäftigt sich mit dem Thema "Die Suche nach dem ›Großen Frieden‹. Pazifismus im Kontext des Friedenspreises" (hier abrufbar, auch in einer Textversion). Außerdem hat Friedenspreisreferent Martin Schult die "Sonntagsfrage" auf boersenblatt.net beantwortet: "Friedenspreis in Kriegszeiten: Jetzt erst recht oder alles vergebens?" Ein Plädoyer für "intellektuelle Aufrüstung" – bei der die Buchbranche mithelfen kann (mehr dazu hier).