Kolumne von Martina Bergmann

Die richtige Anlaufstelle?!

3. April 2021
von Börsenblatt

Ein Jahr Corona lässt bei vielen die Nerven blank liegen und macht dünnhäutig. Martina Bergmann hat dafür viel Verständnis. Sie sei aber nicht die Freundin für die, die sonst keine haben oder Ersatz für Vereinsabende, so die Verlegerin und Buchhändlerin aus Borgholzhausen.   

Martina Bergmann

Latenz verbraucht Zeit und Kraft

Ein Jahr Corona ist auch ein Jahr Latenz. Die wissenschaftlichen Prognosen sind immer eingetroffen, aber Politik und Wissenschaft sind zweierlei. Politik hat teilweise gut funktioniert und teilweise gar nicht. Das gilt für die Verwaltungen genauso. Ich hatte freundliche Begegnungen, aber auch diese ätzend zähen Warteschleifen am Telefon. Es hebt sich am Ende gegeneinander auf. Deswegen wäre ein Text zu diesem Thema fast müßig.

Nur: Latenz verbraucht Zeit und Kraft; sie macht dünnhäutig. Ob nun böse, traurig, verzagt oder mürrisch - alles legitim. Auch Ängste soll man nicht verleugnen; egal, ob sie Gesundheit oder Geld betreffen. Was nicht formuliert wird, äußert sich sowieso anders. Augen flackern, Haut schuppt; ich könnte mir vorstellen, dass viele Menschen nicht gut schlafen. Ich verstehe das alles. Ich höre es mir auch eher an als nicht, wie immer. Es strengt mich aber stärker an. Vielleicht erledige ich selbst nicht alle meine Aufgaben gleichmäßig gut? Kann sein.

Kund:innen brauchen den Buchladen als Anlaufstelle

Ich dachte das, als ich den Aufruf der Auszubildenden las - denen geht es nach einem Jahr Corona wie allen anderen: Die sind durch. Gut, dass sie sich melden. Schlecht, dass sie es anonym tun oder meinen tun zu müssen. Es gibt Ausbilder in den Betrieben, Berufsschullehrer:innen, es gibt Personen in den Kammern. Azubis in Nöten haben viele andere Anlaufstellen als Brandbriefe - unabhängig von der Berechtigung des Anliegens.

Vielleicht geht es ihnen wie manchen Besuchern bei mir. Sie verwechseln die Adresse. Ich bin inhaltlich für Anliegen mit Büchern zuständig, außerdem für Postkarten, Servietten und manchmal Briefpapier. Ob das wichtig ist? Für mich schon, denn ich bin ja gern Buchhändlerin. Die Kund:innen brauchen den Buchladen aber weitaus dringender als Anlaufstelle. Sie müssen da vorbei, sich ein bisschen unterhalten, auch meinetwegen über Corona meckern. Solange es sich im Rahmen hält, soll mir das Recht sein.

Die Kompensation für all das andere bin ich trotzdem nicht. Weder eine Freundin für die, die sonst keine haben, noch Ersatz des Vereinsabends und auch nicht der Ort, um sich politisch aufzustellen. Ich bin nicht die Verlängerung einer Talkshow auf den Bürgersteig, und für die kommunalen Anliegen von Hundewiese bis Neubaugebiet gibt es ein Rathaus. Ich vermute, die Abwesenheit von viel Vertrautem verwirrt manchmal; dahinter ist kein böser Wille. Das kann man exakt so freundlich sagen, und normalerweise wird es akzeptiert. 

"Außergewöhnliche Situationen sind meist irgendwie gelungen"

Wenn ich resümiere, wo es trotzdem geknallt hat: In den alltäglichen Zusammenhängen quasi gar nicht. Da hilft oft, wenn ich frage, ob wir das bitte morgen bereden können. Mein Kopf sei für den Tag voll. Auch außergewöhnliche Situationen sind meist irgendwie gelungen - mit einem Trauerbrief, mit Blumen oder einem Anruf nach Ladenschluss. Aber wenn gar nichts half, war ich gelegentlich so frei, jemand zu bitten, doch bitte künftig eine andere Adresse anzusteuern. Das geht nie ohne Gegengeräusche, aber seit Corona ist es immer Lärm. Verstärkte Gefühle überall, was soll's.

Aber es gibt eben Grenzen meiner Kraft, Geduld und sogar der weltanschaulich nicht geringen Toleranz in diesem Haus. Ich zeige sie manchmal auf, denn es gibt einen Satz, auf den wir uns hier vor vielen Jahren verständigt haben. Bitteschön: Wer nervt, geht.