Teil 1 einer Börsenblatt-Serie mit BerlinHorizonte

In gute Hände abzugeben – Unternehmensnachfolge in Verlagen

17. Januar 2022
von Dieter Durchdewald und BerlinHorizonte

Der Transaktionsberater Dieter Durchdewald erklärt unter Mitarbeit von seinen BerlinHorizonte-Teamkolleg:innen in einer Börsenblatt-Serie in 12 Artikeln, worauf man bei der Übergabe von inhabergeführten kleineren und mittleren Verlagen achten muss und was in jeder der sechs Phasen entscheidend ist. Lesen Sie hier den spannenden Fahrplan für eine gelungene Übergabe. 

Das Team von BerlinHorizonte: Ralf Alkenbrecher, Anja Krauß, Dieter Durchdewald und Inci Bürhaniye (von links nach rechts).

Den eigenen Verlag abzugeben und in andere Hände zu legen, fällt den meisten Unternehmer:innen nicht leicht. Ist er doch das persönliche Lebenswerk, in dem Jahre, ja Jahrzehnte der eigenen Existenz stecken - mit viel Arbeit, bisweilen hohem Risiko, manchem Ärger, aber auch Freude und ganz viel persönlicher Identität.

Der geordnete Stabwechsel ist die letzte große Herausforderung, die Sie als Verlegerin oder Verleger zu bewältigen haben. Wie einst die Unternehmensgründung als erster Akt am Anfang, steht die gelungene Nachfolge als letzter am Ende. Erst mit der vollständigen Übergabe ist das Stück tatsächlich zu Ende, können Sie ihr Lebenswerk als gekrönt ansehen.

 

 

Praxisleitfaden in sechs Schritten

Als Berater der Buch- und Medienbranche ist uns das Thema Unternehmensnachfolge organisch über die Jahre zugewachsen. Es liegt in der Natur der Sache, dass bei einer kontinuierlichen Beratung über Jahre hinweg ältere Verlegerinnen und Verleger irgendwann in den Ruhestand gehen und ihr Unternehmen in jüngere Hände legen möchten. Mit deren Wunsch nach Begleitung auch in dieser Unternehmensphase zunehmend konfrontiert, haben wir uns vor ein paar Jahren intensiver ins Thema eingearbeitet und die Infrastruktur für eine professionelle Transaktionsberatung geschaffen. Mittlerweile konnten wir zahlreiche Unternehmen, nicht nur Fach- und Publikumsverlage, sondern auch Buchhandlungen, Software-Unternehmen und Agenturen der Buch- und Medienbranche erfolgreich bei der Nachfolge begleiten.

Da es kaum praktische Handreichungen/Anleitungen für Verlegerinnen und Verleger gibt, möchten wir mit einer Artikelserie im Börsenblatt speziell diesen Interessentenkreis an unserem erworbenen Know-how teilhaben lassen. Als eine Art Praxisleitfaden möchten wir Ihnen die einzelnen Schritte der Unternehmensnachfolge vorstellen, typische Stolpersteine anschaulich machen und ganz praktische Tipps geben, damit Sie zügig voran und tatsächlich am Ende auch zum gelungenen Abschluss kommen. Die Serie ist in erster Linie an die Unternehmensverkäufer:innen - also die Abgebenden - adressiert, aber sie enthält sicher auch Wissenswertes für Kaufinteressiert:innen und potentielle Nachfolger:innen. 

 

30.000 Übergaben von Einzelunternehmen pro Jahr erwartet

Nach Schätzung des Instituts für Mittelstands­forschung in Bonn stehen in Deutschland im Zeitraum 2022 bis 2026 rund 190.000 Unternehmen zur Übergabe an. Das sind nahezu 40.000 Firmen in der Hand von Einzelunter­nehmern oder Familien, die jährlich zu übergeben sind. Die Suche nach einem Nachfolger gestaltet sich mitunter schwierig, weil oft niemand aus der Familie nachrücken kann oder möchte. Nur noch vier von zehn Firmen werden innerhalb der Familie weitergegeben. So bleiben Unternehmer:innen immer länger an Bord. Fast ein Viertel der mittelstän­dischen Unternehmer:innen ist heute älter als 60 Jahre. Und das Nachfolge-Problem wird eher größer, da sich viele Unternehmer:innen aus den geburtenstarken Jahrgängen dem Ruhestands­alter nähern und gleichzeitig weniger Übernahmekandidat:innen heranwachsen. Dadurch wird der demogra­fische Wandel den Mangel an Nachfolger:innenn weiter zuspitzen.

Genaue Untersuchungen und Studien zur Unternehmensnachfolge in der Buch- und Medienbranche fehlen bisher. Wir beobachten allerdings, dass die Entwicklung parallel verläuft. Die meisten Unternehmer:innen der Gründerwelle der 70er und 80er Jahre sind mittlerweile im Ruhestand, derzeit erreichen die Gründer:innen der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts das Rentenalter oder haben es bereits erreicht. Sie gehören zumeist der Generation der Babyboomer an, die es aufgrund der demografischen Entwicklung schwer haben, geeignete jüngere Nachfolger:innen zu finden.

 

Der Nachfolge-Kompass

Aus der Praxis als Transaktionsberater heraus haben wir den Nachfolge-Kompass entwickelt, der Orientierung bei der Nachfolgeplanung geben kann. Demnach durchlaufen inhabergeführte kleinere und mittlere Verlage bei der Unternehmensnachfolge folgende Phasen:

  • Nachfolgevoraussetzung schaffen
  • Nachfolge-/Beteiligungsform wählen
  • Unternehmenswert ermitteln / Art des Verkaufs festlegen
  • Nachfolge-Interessenten finden
  • Verkaufsverhandlungen führen
  • Übertragung umsetzen

 

In diese sechs Abschnitte gliedert sich die Übergabe eines Unternehmens

Nach unserer Erfahrung kommen diese Phasen in einem Nachfolgeprozess tatsächlich alle vor. Die Dauer und der Umfang der Abschnitte sind in jedem Fall unterschiedlich. Gehen Sie bitte davon aus, dass der Zyklus deutlich mehr als ein Jahr dauern kann. Oft braucht es bereits in der ersten Phase viel Zeit, überhaupt eine persönliche Entscheidung - für und wider den Verkauf – zu treffen. Manchmal gestaltet sich das Finden des geeigneten Nachfolgers als schwierig, v. a. dann, wenn beim Verkäufer noch keine oder zu konkrete Vorstellungen zur Nachfolge bestehen. In den wenigsten Fällen führen die Verkaufsverhandlungen schnell zum Ziel. Eine Einigung zieht sich oft über viele Monate, manchmal sogar über zwei bis drei Jahre hin.

 

Phase 1: Nachfolgevoraussetzungen schaffen

Praxisbeispiel: Ein Unternehmer-Ehepaar betreibt seit Jahrzehnten gemeinsam einen Special-Interest-Verlag. Sie sprechen den Transaktionsberater vor fünf Jahren aktiv auf das Nachfolge-Thema an. Zu diesem Zeitpunkt ist Sie Anfang 60 und er Mitte 70. Die Verlegerin möchte das Unternehmen so schnell wie möglich abgeben, da sie sich zukünftig sozial engagieren und ihren Freundeskreis intensiver als bisher pflegen möchte. Ihr Kalkül dabei ist, dass sie als deutlich jüngere nach Ableben ihres Gatten nicht ohne soziales Umfeld dastehen möchte. Der Verleger möchte „eigentlich“ auch aufhören, bringt im Gespräch aber immer wieder Einwände vor, die eine Nachfolgeregelung aus seiner Sicht in den nächsten Jahren unmöglich machen.
Das Unternehmen ist bis heute nicht übergeben und die Jahresumsätze haben sich nicht zuletzt aufgrund der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen mittlerweile deutlich verschlechtert.

 

Lebensplanung überprüfen und persönliche Chancen erkennen

Wie in unserem Beispiel deutlich wird, haben nicht nur äußere Faktoren Einfluss auf die Übergabe eines Unternehmens. In vielen Fällen sind es persönliche Aspekte, die für das Gelingen oder Misslingen der Unternehmensnachfolge entscheidend sind. Machen Sie sich bitte bewusst, dass die Unternehmens­nachfolge mit dem persönlichen Ablösungsprozess beginnt und stellen Sie sich die Frage: 

 

Möchte ich das Unternehmen tatsächlich abgeben?

Ob als Einzelunternehmer:in, Unternehmer-Ehepaar oder Gesellschafter:in bzw. Geschäftsführer:in einer GmbH, sollten Sie sich zunächst darüber klar werden, ob das Unternehmen tatsächlich und wenn ja, zu welchem Zeitpunkt übergeben werden soll. Sind mehrere Personen an der Entscheidung zu beteiligen, muss zudem Einigkeit darüber bestehen, wer wann aus der Gesellschaft ausscheiden möchte.

Viele Unternehmer:innen können sich dann am besten und leichtesten von der gewohnten Tätigkeit verabschieden, wenn sie eine Idee, eine Perspektive für das DANACH entwickelt haben. Nehmen Sie sich deshalb, falls diese Frage für Sie noch nicht abschließend beantwortet ist, ausreichend Zeit darüber nachzudenken. Setzten Sie sich ihren individuellen Zeitrahmen, denn die Antwort muss oft noch reifen. Führen Sie Gespräche mit Freunden, der Familie und vielleicht mit einem Coach. Wenn das Loslassen für Sie noch nicht möglich ist, verschieben Sie die Stabweitergabe eben noch eine Zeit lang, aber warten Sie auch nicht zu lange.

Aber wie geht Loslassen und Entscheidung treffen konkret? Dazu mehr im zweiten Teil der Börsenblatt-Serie mit Dieter Durchdewald.

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