Interview

"Hörbücher dürfen kosten, was sie wert sind"

Welche Trends gibt es beim Hörbuch? Wie entwickelt sich der Markt? Wie wichtig sind für Verlage Kooperationen mit Hörfunkanstalten? Über diese und weitere Fragen hat sich Wolfgang Schneider für boersenblatt.net mit Heike Völker-Sieber, beim Hörverlag für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit zuständig, unterhalten. Lesen Sie auch Wolfgang Schneiders Artikel im aktuellen Börsenblatt (47 / 2008) über die Hörbuch-Novitäten der kommenden Saison. VON INTERVIEW: WOLFGANG SCHNEIDER

Heike Völker-Sieber

Heike Völker-Sieber © Hörverlag

Wie sehen Sie die Zukunft des Hörbuchs - nach dem „Boom“? Wir bewegen uns in einer Phase der Konsolidierung, der Kuchen ist vorläufig aufgeteilt. In den nächsten Jahren sind Verschiebungen und Konzentrationsprozesse zu erwarten, einige kleinere Label werden mittelfristig verschwinden. Drei bis vier „big player“ werden sich stärker absetzen. Danach kann es mit vereinten Kräften in die Erweiterung der Zielgruppe und des Markts, also eine nächste Wachstumsphase gehen. Geht der Trend in Richtung Unterhaltung und Genre? Dass wir in den Anfangsjahren Ingeborg Bachmann besser verkauft haben als Rosamunde Pilcher, könnte diesen Schluss nahe legen. Aber er ist falsch. Die Gruppe der Hörer ist gewachsen, ebenso die Vielfalt des Angebots. Inzwischen sind alle Genres besetzt, Hochliteratur, Philosophie, Klassiker, Lyrik stehen neben Thrillern. Naturgemäß erreichen populäre Themen ein größeres Publikum. Aber 6.500 verkaufte Exemplare des (höherpreisigen) Hörspiels „Doktor Faustus“, 11.000 von Frischs „Homo Faber“ oder 16.000 von Sebastian Haffners „Die Geschichte eines Deutschen“ zeugen nicht von einer drohenden Boulevardisierung des Markts. Wie würden Sie die Philosophie des Hörverlags umreißen? Entdecken, wiederentdecken, zugänglich machen, sichern von Werken, O-Tönen, Inhalten. Beste Qualität liefern, ohne Unterscheidung zwischen E und U. Konsequent vom Medium aus denken – das heißt: Wie setzen wir einen Stoff um, damit er durch das Hören zusätzliche Dimensionen gewinnt? Was sind die entscheidenden Qualitätskriterien für gute Hörbücher? Ein Stoff, der eine akustische Umsetzung rechtfertigt, ein guter Bearbeiter mit Respekt vor dem Werk, ausgebildete Schauspieler, die sich in den Dienst der Rolle stellen und in ihr als glaubwürdig empfunden werden, keine Produktion ohne Regie im Studio, bei Hörspielen schlüssiger Einsatz von Musik und Geräuschen, ansprechende und dem Inhalt entsprechende Gestaltung und Ausstattung. Wie teuer dürfen gute Hörbücher sein? Sie dürfen kosten, was sie – im wahrsten Sinne des Wortes – „wert“ sind. Je aufwändiger in der Produktion und Ausstattung, je gehaltvoller, je langlebiger, desto höher der angemessene Preis. Wie machen Sie aufwendige Produktionen möglich? Wir sparen an goldenen Türklinken, realisieren manche Projekte in Partnerschaft mit Sendern, bekommen mit J.K. Rowling, Jan Weiler, Frank Schätzing, Henning Mankell, J.R.R. Tolkien die für eine funktionierende Mischkalkulation erforderliche Bestsellerquote von 20 Prozent hin. Wie wichtig ist die Kooperation mit dem Radio? Aus dieser Kooperation sind Meilensteine der Hörkunst und des Hörbuchs hervorgegangen, „Die Ästhetik des Widerstands“, „Doktor Faustus“ und andere mehr. Zahlreiche Produktionen also, die wir nicht alleine hätten stemmen können. Umgekehrt haben die Sender von der Entwicklung des Hörbuchmarkts, von der Erschließung neuer Hörergruppen und durch das von den Verlagen neu entfachte Interesse am Akustischen profitiert. Momentan ist die Harmonie durch die Internet-Strategie der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten allerdings getrübt. Die Sender wollen Lesungen, Hörspiele, Features, die sie an Hörbuchverlage lizenziert haben, parallel zum kostenlosen Download anbieten und tun dies teilweise bereits. Das ist keine Basis für eine faire Partnerschaft und das falsche Signal im Kampf der Urheber gegen die wachsende Internet-Piraterie. Was ist für Sie das größte Hörbuch-Ärgernis? Anbieter, die auf Verdrängung durch Preisdumping zu Lasten der Qualität setzen. Enttäuschte Hörer sind nur mit großem Aufwand zurückzugewinnen, neue nicht zu überzeugen. Trotzdem gibt es Grund zu Optimismus? Ja. Denn Inhalte sind mit das gefragteste Gut der Zukunft, egal ob via Rhapsode, auf Vinyl, auf silbernen Scheiben oder als Datenfluss.

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