Neue Biografien

Revolutionsfrauen, Kaisermacher, Verlegergenie

3. März 2015
von Börsenblatt Online
Prominente Lebensläufe haben unter den Buchhandelskunden eine große Fangemeinde – und für Sortimenter haben Biografien ein großes Verkaufspotenzial. Neben den untenstehenden Empfehlungen werden weitere Titel im Börsenblatt-Spezial "Sachbuch & Wissen" vorgestellt, das am 13. November erschienen ist.

Ohne Wieland wäre das klassische Weimar kaum denkbar, sein Einfluss als Prinzenerzieher am Hof von Herzogin Anna Amalia hatte Auswirkungen. Peter-Henning Haischer zeichnet den Aufstieg des schwäbischen Pastorensohns bis zum geachteten Weltliteraten nach. Gut strukturiert erfährt der Leser von den Einflüssen des Bodmerkreises in der Schweiz, den Aufgaben als Kanzleiverwalter der freien Reichsstadt Biberach und den Querelen innerhalb des in evangelische und katholische Parteien gespaltenen Rats. Als Skandal wird die nicht standesgemäße Beziehung des Protestanten zur Katholikin Christine Hogel empfunden, die er 1762 in sein Haus nimmt; als sie schwanger wird, wächst der Druck auf ihn, der sich hartnäckig für die Geliebte einsetzt. Haischer versteht es,  den rasch aufbrausenden Intellektuellen in allen Facetten zu zeigen und bettet das literarische Werk in den Werdegang ein: 1758 verfasste er eines der ersten deutschen Blankversdramen, übersetzte ab 1762 Shakespeares Dramen, machte durch seine philosophischen Romane die Belletristik anspruchsvoller und kommentierte fast 40 Jahre in seiner Zeitschrift „Der Teutsche Merkur“ Ereignisse in Kultur und Politik. Eine flüssig geschriebene, gewinnbringend zu lesende Biografie.

Peter-Henning Haischer: "Christoph Martin Wieland. Der deutsche Voltaire". 144 S., 12,95 Euro

Sigrid Damm, die sich intensiv mit Goethes Vita beschäftigt und u.a. genauestens die Beziehung zwischen Christiane Vulpus und Goethe recherchiert hat, fügt mit ihrem neuesten Band der Biografie des Geheimrats ein weiteres Kapitel hinzu. Auch hier hat sie sich wieder akribisch mit Archivalien und Fakten vertraut gemacht und beschreibt den neugierigen, suchenden Forscher, der sich als Frankfurter Bürgerssohn erst in die aristokratischen Verhältnisse bei Hofe einfinden muss, ausbricht und sich wieder einfügt. Seine Rollen- und Perspektivwechsel werden durch Tagebuch- und Briefzitate untermauert, die oft schon für sich genommen interessant zu lesen sind.

Sigrid Damm: "Goethes Freunde in Gotha und Weimar". Insel, 200 S., 19,95 Euro

Danton, Robesspierre, Mirabeau, Marat - die Liste zu den Helden der französischen Revolution lässt sich unendlich fortsetzen, hat aber meist einen Fehler: Sie sind in den Geschichtsbüchern männlich, während in der Wirklichkeit mindestens ebenso viele Frauen ihren Anteil an Umdenken und Umsturz hatten. Emma Adler, wichtige Protagonistin der österreichischen Arbeiterinnenbewegung um die Jahrhundertwende, hat ihnen in der Geschreibung ihr Gesicht wiedergegeben: Sie schildert die Lebensläufe und politische Entwicklungen von Rose Lacombe, Olympe de Gouges, Lucile Desmoulins, Charlotte Corday, Théroigne de Méricourt und weiteren Frauen, die bereit waren, ihr Leben für die Ideale der Revolution aufs Spiel zu setzen. Emma Adler, Journalistin und Übersetzerin und mit der Faktenlage vertraut, schreibt in Bezug auf Reaktionärinnen und Revolutionärinnen vorurteilsfrei, manchmal empathisch. Ihre zehn Biographien, die nach 100 Jahren nun wieder im Buchhandel zugänglich und mit einem längeren, erläuternden Nachwort von Eva Gerber versehen sind, geben hochinteressante Einblicke in die Ereignisse der Revolution.

Emma Adler: "Die berühmten Frauen der französischen Revolution". mandelbaum Verlag, 260 S., 19,90 Euro

Spannend wie ein Krimi liest sich die Schilderung des Showdowns zwischen Hugh O'Flaherty und Herbert Kappler im von der deutschen Armee besetzten Rom. Immer wieder entwischt der irische Monsignore den Schergen des SS-Obersturmbannführers, die O'Flahertys Fluchtorganisation zerschlagen wollen. In den Mauern des vatikan wohnend, hat er ab 1943 6500 Menschen vor dem Tod gerettet, Kriegsgefangene, Juden, Flüchtlinge aus 25 Nationen.Die Journalisten Arne Molfenter und Rüdiger Strempel erzählen die für Nachgeborene oft kaum vorstellbare Jagd auf Menschen in großen dramaturgischen Bögen, aber n mit Bezug auf die Dokumentenlage. Dialoge zwischen den Figuren sind aber Gesprächsprotokollen und Notizen entnommen. Die Autoren entwerfen bei O'Flaherty das Bild eines Menschen, der sich plötzlich in eine Situation gestellt sieht, sich mit einer großen Portion Gottvertrauen mutig zum Handeln entschließt und seinen Einsatz für das Leben anderer als gelebtes Christentum versteht. Ebenso wird Kappler skizziert - das vorliegende Band ist die Momentbiografie zweier Gegenspieler.

Arne Molfenter, Rüdiger Strempel: "Über die weiße Linie. Wie ein Priester über 6.000 Menschen vor der Gestapo rettete." DuMont, 272 S., 19,99 Euro

Der Reichskanzler Otto von Bismarck, der „Lotse“, der 1890 unter Wilhelm II. „von Bord“ ging, ist bis heute eine Ikone, die unser historisches und politisches Bewusstsein prägt. Kein markanter Punkt in der Landschaft, keine größere Stadt, die nicht in irgendeiner Weise Bismarcks gedenkt. Selbst auf dem Feldberg im Schwarzwald steht ein Bismarck-Turm. Die im Bucher Verlag erschienene Biografie von Michael Epkenhans, Ulrich Lappenküper und Andreas von Seggern zeichnet die Lebensabschnitte und beruflichen Stationen vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklung nach.
Kapitel wie „Preußen. Zwischen Reaktion und Aufbruch 1849-1862“ oder „Die Beschleunigung der Zeit“ beschreiben die historischen Paradigmenwechsel, die Bismarcks Laufbahn und Aufstieg zum mächtigsten Mann im Deutschen Reich begleitet haben – und die er teilweise selbst mit vorangetrieben hat. Der großformatige Band ist reich bebildert; es finden sich darunter viele Motive, die in die politische Ikonographie eingegangen sind – wie die Proklamation Wilhelms I. zum deutschen Kaiser 1871 im Thronsaal von Versailles (ein Gemälde von Anton von Werner). Bismarck war auch eine beliebte Zielschreibe für Karikaturisten – weshalb die Autoren des Bandes dem Verhältnis von zeichnerischem Witz und Macht ein eigenes Kapitel gewidmet haben.

Michael Epkenhans, Ulrich Lappenküper, Andreas von Seggern: Otto von Bismarck. Aufbruch in die Moderne, Bucher, 164 S., 29,99 Euro

Ein Muss für alle Mumin-Fans und Freunde Finnlands: Die Biografie Tove Janssons präsentiert ein Multitalent, das ebenso überzeugend malen und politische Karikaturen zeichnen konnte wie Romane schreiben. Mit den Comics und Geschichten über die Mumintrolle und ihre Welt als liebenswerter Gegenentwurf zur Welt des Krieges hat sich die 1914 geborene Finnin rasch in die Herzen der Leser geschrieben. Der äußerst reich bebilderte Band zeigt neben Zeichnungen und Fotos auch die hierzulande wenig bekannten Gemälde, die eine höchst einfühlsame Künstlerin offenbaren. Mit großer Sympathie für den Gegenstand ihrer Betrachtung zieht Karjalainen den Lebensweg nach, das Verwurzeltsein in ihrer Familie, die mehr als 30 Sommer mit ihrer Lebensgefährtin auf einer winzigen Insel im Schärengarten, ihre Schaffensfreude und Depressionen, ihr Ideenreichtum: die Innenansicht einer Ausnahmekünstlerin.

Tuula Karjalainen: „Tove Jansson. Die Biografie. Urachhaus, 352 S., Euro

Keine Biographie im klassischen Sinne, sondern eine Vita in Bildern und Texten hat der Suhrkamp Verlag seinem 2002 verstorbenen Verleger Siegfried Unseld gewidmet, der in diesem Jahr 90 Jahre alt geworden wäre. Der Lektor Raimund Fellinger sowie der Bildredakteur und Werbeleiter Matthias Reiner, beide seit Jahrzehnten im Verlag tätig, haben den Band herausgegeben und dafür Texte, Briefe und Fotografien aus Unselds Leben zusammengetragen: aus Ulmer Kindheitstagen, aus der Zeit als Buchhandelsgehilfe und Student, und schließlich aus seiner ein halbes Jahrhundert währenden Zeit bei Suhrkamp, zunächst als Mitarbeiter, dann als Prokurist und Gesellschafter, und endlich – nach dem Tod von Peter Suhrkamp 1959 – als alleiniger Verleger.
Fellinger und Reiner breiten eine Fülle an Bildern und schriftlichen Zeugnissen aus: Fotografien, Zeugnisse, Briefe, Manuskripte, Plakate, Buchcover, Zeitungsartikel, Tagebucheinträge, Tischkarten, Heiratsanzeigen, Grabinschriften … Dazu montieren sie Texte von Siegfried Unseld aus allen Quellen – vom Brief über die Verlagschronik bis zum Nachwort – sowie von Autoren, Kritikern, Freunden und Mitarbeitern. Unseld ist auf vielen Bildern zu sehen – allein als der Verlagspatriarch, im Gespräch mit Autoren, Vertrauten, Ehefrau Ulla Unseld-Berkéwicz und mit Mitarbeitern; bei Empfängen, Lesungen und Lektoratssitzungen.
Ob aus dieser Montage vielfältigster Zeugnisse eine „Autobiographie in Bildern und Texten“ entsteht, wie dies der Klappentext des großformatigen Buchs verspricht, sei dahingestellt. Eine Biographie, die ein außenstehender Autor, aus kritischer Distanz und mit ordnendem Griff, verfasst, ist dieses anschauungsreiche Buch jedenfalls auch nicht. Vielmehr ist es eine Text-Bild-Inszenierung eines Verlegerlebens aus Verlagsperspektive, die zwar Stimmen und Perspektiven Außenstehender mit einbindet, aber Lesern und Betrachtern die Deutung der Zusammenhänge überlässt.

Raimund Fellinger, Matthias Reiner: "Siegfried Unseld. Sein Leben in Bildern und Texten". Suhrkamp, 350 S., 49,80 Euro