Gastspiel von Martina Kruse

Eure Gewinnspiele nerven!

Die Verlage schädigen durch übermäßige Marketingaktionen nicht nur den Buchhandel, sondern schneiden sich auch ins eigene Fleisch – meint Martina Kruse von der Buchhandlung Am Markt in Goch. Die Sortimenterin fordert Augenmaß statt Freiexemplare.

Seit einigen Wochen erfahren wir mehr und mehr, wie uns durch das Verhalten von Verlagen in puncto Social Media der Umsatz wegbricht. Dass Blogger Freiexemplare zugesandt bekommen, ist ja ein alter Hut. Die Verlage hoffen, dass der neue Titel XY im Netz tolle Rezensionen bekommt und damit auch größere Verkaufszahlen erzielt. Inzwischen ist es aber wohl auch gang und gäbe, dass ganz normale Leser bedacht werden. Das bedeutet nichts anderes, als dass Buchhandelskunden auf diversen Internetplattformen Bücher gewinnen können, also quasi geschenkt bekommen – mit der kleinen Vorgabe, eine Bewertung, Rezension oder was auch immer zu schreiben. Und schon haben die Kunden sich den Kauf gespart.

Muss so etwas denn sein?  Wir merken das allein an einer Stammkundin, und da betrifft es besonders das Segment Jugendbuch. Normalerweise legen wir dieser Kundin immer einen Stapel mit Novitäten zurecht, den sie dann durch­sieht, um einiges davon zu kaufen. Neuerdings aber bleibt fast der ganze Stapel liegen. Warum? Weil die Kundin die neuen Bücher immer schon gewonnen hat. Wenn man etwas geübt ist, will heißen, schon ein paarmal an solchen Gewinnspielen teilgenommen hat, ist es ja auch wirklich ein Leichtes, eine Rezension aus dem Ärmel zu schütteln. Ausführlichkeit wird hier ohnehin nicht erwartet – schon darf man das zugesandte Freistück behalten. Und wir Buchhändler bleiben auf unserem Stapel sitzen und sortieren wieder ordentlich ins Regal ein. Die Kundin freut sich natürlich einen Ast, dass sie so ein Glück hat, aber uns ärgert es mehr und mehr. Für das Verhalten der Verlage kann die Kundin ja nichts, jeder freut sich über ein geschenktes Buch. Aber muss so was sein? Darf so was sein?

Der kleine Buchhandel liest Probe, kauft ein, präsentiert, gibt sich Mühe, fragt den Vertreter mal freundlich nach einem Freiexemplar – und die Internetnutzer bekommen es hinterhergeschmissen? Das kann doch nicht richtig sein, besonders nicht bei Spitzentiteln bekannter Autoren, die sehnsüchtig erwartet werden und die wir schon vorab bewerben, um die Kunden neugierig zu machen! Die Kundin steht dann aber in unserem Geschäft und sagt: »Das gewinne ich hoffentlich, das wird verlost.« Wir stehen dann sprachlos daneben und wundern uns, kopfschüttelnd. Und wir ärgern uns, weil so was doch total unnötig ist.

Eine Leseprobe tut’s doch auch  Warum werden Best­seller verschenkt? Bei unbekannten, neuen Autoren ist es ja noch verständlich, wenn der Verlag sich viel von dem neuen Buch verspricht und dementsprechend auch mal etwas über Gebühr die Werbetrommel rührt. Aber bei Toptiteln? Das geht gar nicht!

Liebe Verlage, bitte verteilt eure Bücher im Netz doch nicht so großzügig, als ob sie nichts wert wären! Mit Sicherheit wären viele Leser auch mit Leseproben, Auszügen oder Probe­kapiteln zufrieden. Und bitte, ändert die Voraussetzungen für den Gewinn, damit es den Kunden nicht so leichtfällt, ein paar Bücher im Monat einfach so anzufordern und geschenkt zu bekommen. Wenn ihr das tut, freuen wir uns, verkaufen eure ­Titel besser und bestellen dementsprechend auch mehr nach. Das wäre doch eine Win-win-Situation, mit der beide Seiten gut leben könnten.
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10 Kommentar/e

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  • Ole

    Ole

    Sehr deutliche Worte, die wahrscheinlich notwendig sind (bin kein Buchhändler).

    Auch wenn viele BuchbloggerInnen und "normale" Leser anderer Meinung sein werden. "Kostenlos" löst inzwischen automatische Reflexe aus und sprengt jede Verwertungskette.

    Die Kurzsichtigkeit der Verlage zeigt auch an diesem Punkt, wie Hilf- und Planlos sie im Internet umher treiben. Doch die Geister, die sie riefen, werden sie nur unter großen Schmerzen (Verlusten) wieder los - wenn überhaupt.

    Vielleicht bewegen sich die Verlage, wenn das Rumoren Lauter wird. Viel Erfolg.

  • Rene

    Rene

    Sorry aber das ist mal völlig gaga . Wenn es so ist dann darf der Buchhandel echt nicht jammern . Ich lese auch viel und gerne , mir hat nur bis jetzt kein Verlag ein Buch geschenkt. Bin ich jetzt zu ehrlich ? Bzw der Dumme weil ich Bücher immer noch bezahle . Für hat der Buchhandel selbstverschuldete phantomschmerzen!

  • Anja

    Anja

    Ja, da ist was dran. Klar freue ich mich über ein Rezensionsexemplar. Aber Sie haben Recht, es wird immer mehr. Und ich gestehe, ich habe mich selber schon ertappt, das ich gesagt habe, ui, das durfte ich vorweglesen. Mir ist das oft gar nichht so aufgefallen, aber nun nachdem ich den Artikel gelesen habe, denke ich drüber nach. Ich habe diesen Artikel übrigens auf meinen Blog verlinkt.

  • mueckel

    mueckel

    Wohl geschrieben....man kann dem Ole nur zustimmen.....man muss bezweifeln, ob die Verlage, die solche Aktionen angestoßen haben, etwas weiter gedacht haben und sich über die Folgen wirklich im Klaren sind.Jedermann weiß, dass man einen Ast, auf dem man sitzt, nicht absägen sollte....könnte schließlich schmerzhaft sein!

  • Miriam

    Miriam

    Ich sehe das ganz genau so und ich bin seit einigen Jahren Buchbloggerin.

    Ich bekomme relativ selten "einfach so" etwas von Verlagen zugeschickt, frage aber auch nur selten Bücher an, da es mir wichtiger ist, den Buchhandel zu unterstützen und mir dieser Druck, Bücher lesen zu müssen (auch, wenn sie selbst angefragt sind) nicht gefällt.

    In meinen Augen macht es Sinn, die Menge an Freiexemplaren nicht zu hoch zu setzen. Natürlich sind Rezensionsexemplare sinnvoll, sie machen ja Werbung für den Titel. Aber es ist doch ein wenig fraglich, ob sich Rezensionen lohnen, die aus drei Sätzen bestehen, weil "man halt was schreiben musste" oder eher die, die länger sind und das Buch wirklich besprechen, auch wenn es keine "richtigen" Kritiken aus dem Feuilleton sind.

    Wenn es statt 50 nur noch 10 Exemplare zu gewinnen gibt, ist die Wahrscheinlichkeit, dann nicht auch hoch, dass die Leute den Titel sehen, im Hinterkopf behalten und sich ihn dann kaufen, wenn sie ihn nicht gewinnen? Mir persönlich würde es so gehen.

    Ich verstehe auch die Kundenbindung, die vielleicht hinter all den Gewinnspielen steckt, aber geht da nicht das Geschäft kaputt? Was würde ich für so eine Buchhandlung in meiner Nähe geben, die wüsste, was mich interessiert und mir eine Auswahl an Vorschlägen bereitlegt!

  • Stefan

    Stefan

    So ist das Leben halt. Und genau an solchen Kommentaren und Einstellungen merkt man, dass der traditionelle Buchhandel sich selbst zugrunde richtet. Wenn wegen allem geweint wird statt selbst mit der Zeit zu gehen und neue Möglichkeiten zu entdecken, ist das dann auch nur gerechtfertigt

  • Fiara

    Fiara

    Ein interessanter Artikel. Ich muss gestehen, dass ich über diese Seite bisher nicht nachgedacht habe. Ich bin ein regelmäßiger Nutzer der Seite vorablesen.de und gewinne von dieser Seite ab und zu Bücher. Natürlich freut es mich immer, wenn ich ein Buch gewinne, aber ich würde nicht sagen, dass sich mein Kaufverhalten dadurch sehr geämdert hätte. Die Bücher, auf die ich sehnsüchtig warte kaufe ich immer noch möglichst bald nach Veröffentlichung im Buchladen. Zudem ist es auch schon vorgekommen, dass ich erst durch die Seite auf einige Titel aufmerksam geworden bin. dadurch habe ich bereits Titel, die ich nicht gewonnen hatte, anschließend gekauft. Oder bei Werken, die ich gewonnen habe und die mich völlig überraschend umgehauen haben, habe ich anschließend auch die Folgewerke der Reihe oder Autorem gekauft. Generell habe ich bisher eigentlich nur Bücher gewonnen, die ich sonst vermutlich nicht gelesen und rezensiert hätte.
    Aber durch diesen Artikel habe ich eine neue Betrachtungsweise dieser Dinge erhalten. Mir ist klar geworden, dass diese Praxis nicht bei jedem so funktioniert, wie bei mir. Dennoch wollte ich an dieser Stelle gern meine Perspektive in die Diskussion einbringen, um zu zeigen, dass es bei einigen auch anders geht.

  • Matti Hartmann

    Matti Hartmann

    Verlage haben schon immer Freiexemplare verteilt. Jetzt verlieren Printzeitungen Reichweite, Blogs gewinnen welche. Ist es da nicht logisch, dass die Verlage Ihre Marketing-Maßnahmen auf Blogs ausdehnen?

    Dabei müssen sie aber wohl noch lernen, wie das am besten geht. Momentan streuen sie wild. Ich schätze, das wird sich legen, wenn die Verlage wissen, was sich lohnt. Aber dazu müssen sie erst einmal experimentieren.

    Ich betreibe auch eine Bücherseite im Netz (gute-kinderbücher.de). Dafür lasse ich mir selbstverständlich Rezensionsexemplare schicken, wie soll das denn sonst gehen? Das heißt aber nicht, dass ich alle Bücher bespreche, die mir zugesendet werden. Ich schreibe nichts gegen meine Überzeugung. Alles andere würden mir die Leser (hoffentlich) übel nehmen.

    Gewinnspiele habe ich auch schon veranstaltet. Meistens verschenke ich aber einfach so, was meine Kinder (oder ich) nicht unbedingt behalten wollen, an Freunde und Bekannte, Kita, Büchereien. Keine Ahnung, was das für den Buchladen um die Ecke wirklich ausmacht.

    Ich zum Beispiel kaufe trotz Freiexemplaren nicht weniger Bücher als vorher. Nur habe ich jetzt halt mehr zuhause.

    Das Hauptproblem für den örtlichen Buchhandel sind aber ohnehin nicht die Freiexemplare - sondern ist die Nähe der Blogs zu einem viel gefährlicheren Feind: dem Onlinehandel.

    Ich hoffe, am Ende bleiben beide bestehen: die Blogs mit den guten Rezensionen und die hervorragend sortierten und engagierten Buchhandlungen. Denn zum Stöbern und für den Großeinkauf sind die unersetzlich.
    Für die schnelle Bestellung, zum Beispiel weil noch ein Geburtstagsgeschenk fehlt, ist das Internet hingegen unschlagbar bequem.

  • Kathrin Bruhn

    Kathrin Bruhn

    Sehr geehrter Herr Hartmann,
    warum schließen sich für Sie der "örtliche Buchhandel" und "Internetbestellung" gegenseitig aus? Vielleicht hat die Buchhandlung, in der Sie stöbern und Ihre Großeinkäufe tätigen, ja eine ganz brauchbare Website (es werden immer mehr!) und Sie können auch dort ganz bequem von zuhause aus bestellen? Auch nach Ladenschluss. Auch am Sonntag. Einfach beim nächsten Kauf mal fragen oder bei Google (oder besser: ecosia.org) nach Wohnort und Buchhandlung suchen. Da werden Sie in Berlin bestimmt fündig! Ihre Buchhandlung vor Ort oder in der näheren Umgebung freut sich bestimmt!

  • Kai Blum

    Kai Blum

    Irgendwann werden die Verlage sicher begreifen, dass das Verschenken an Leser eigentlich kaum etwas bringt. Dazu ist das Internet viel zu schnelllebig und unübersichtlich. Die Platzierung und Werbung im Buchladen ist immer noch der entscheidende Faktor.
    Dem Buchhandel würde ich raten, kleineren Verlagen und unbekannteren Autoren mehr Chancen zu geben. Trotz sehr guter Rezensionen von Lesern, Bloggern und Journalisten interessiert sich z.B. kaum ein Buchladen für meine Auswanderer-Krimis. Das ist extrem frustrierend.
    Hier in den USA florieren die Buchläden, in denen man etwas entdecken kann. Die mit dem Bestseller-Einheitsbrei sind mehrheitlich pleite gegangen. Darüber sollte man im Zeitalter von Amazon & Co. einmal nachdenken.
    P.S. Rezensionsexemplare an Blogger finde ich in Ordnung, das mache ich auch, denn die Blogger geben sich fast ausnahmslos große Mühe und da entstehen mitunter sehr nette Kontakte.

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