20. Mainzer Kolloquium an der Johannes-Gutenberg-Universität

Literaturkritik als Randthema

Kaum mehr Platz in Print, Konkurrenz im Netz, Verlust der Deutungshoheit: Naht wieder einmal das Ende der Literaturkritik? Darüber wurde am vergangenen Freitag beim 20. Mainzer Kolloquium in Mainz diskutiert. VON CHRISTOPH SCHRöDER

Sinkende Auflagenzahlen der Printmedien, schrumpfende Umfänge der Feuilletons, Reduzierung der Zahl der Rezensionen, eine unendliche Diversifizierung im Internet und der damit verbundene Verlust der voreinst so selbstverständlichen Deutungshoheit – die klassische Literaturkritik befindet sich zumindest in einer Phase der tiefgreifenden Verunsicherung. Oder ist es vielleicht schon mehr, viel mehr? Zum 20. Mainzer Kolloquium an der Johannes-Gutenberg-Universität waren Experten zusammen gekommen, um darüber zu diskutieren. Und die vom Institut für Buchwissenschaft in Zusammenarbeit mit dem Börsenverein und der Gutenberg-Gesellschaft Mainz organisierte Veranstaltung ging mit ihrem Titel sogar noch einen Schritt weiter: "Das Ende der Literaturkritik?", so stand es auf dem Tagungsplan, wobei so mancher noch dankbar für das gnädige Fragezeichen gewesen sein dürfte.

Fünf Referenten, die in unterschiedlicher Form und in diversen Formaten mit Literaturkritik beschäftigt sind, fanden sich zu Einzelvorträgen im Atrium Maximum der Universität zusammen, begleitet von einer überraschend großen Zahl an studentischen Zuhörerinnen und Zuhörern, die bis zum Nachmittag kaum kleiner wurde. Nach der Begrüßung durch Stefan Füssel vom Institut für Buchwissenschaft machte Stefan Neuhaus von der Universität Koblenz den Anfang. Zuvor hatte Moderator Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses Hamburg, darauf hingewiesen, dass bereits Kurt Tucholsky 1931 von einem „Tiefstand“ und Friedrich Sieburg 30 Jahre später von einer sprachlichen Verwahrlosung der Kritik sprach. Und die aktuelle Debatte wurde noch befeuert durch ein kürzlich im "BuchMarkt" veröffentlichtesInterview mit Jörg Sundermeier, dem Verleger des Verbrecher Verlags, der den Literaturkritikern der Jetztzeit rund heraus die Lesekompetenz absprach. Krise war also schon immer. Aber auch so schlimm?
Stefan Neuhaus schloss unmittelbar daran an: 1988 habe bereits Hans Magnus Enzensberger bemängelt, es gebe keine Literaturkritik im Sinne der Aufklärung mehr. Stattdessen erfand Enzensberger den wenig schmeichelhaften Begriff der "Zirkulationsagenten". Neuhaus entwarf eine Geschichte der deutschen Literaturkritik von ihren Ursprüngen im Bildungsbürgertum des 18. Jahrhunderts bis zu den zumeist rein identifikatorischen, an Geschmacksurteilen orientierten Amazon-Leserrezensionen.
Sandra Kegel, Redakteurin für Literatur und Literarisches Leben bei der FAZ, zeichnete in ihrem anschließenden Vortrag ein durchaus optimistisches Bild der Lage. In der "Pointierung, Verknappung und Komprimierung" des Gegenstandes, der mit dem begrenzten Zeitungsplatz verbunden ist, liegt für Kegel eine Chance gegenüber dem "medialen Dauergespräch des Internets".
Uwe Wittstock, Redakteur beim Wochenmagazin "Focus", unterstrich in seinem Beitrag zunächst einmal den Umstand, dass es "kaum eine Arbeit gibt, die finanziell so undankbar ist" wie die des Literaturkritikers und zielte damit auch auf die Sundermeiersche Spitze gegen Literaturkritiker, die angeblich von Essen und Schuhen mehr verstünden als von Literatur. Dass die  anspruchsvolle Kritik, deren Fehlen immer wieder beklagt wird, sich heute in kleineren Auflagen, beispielsweise im "Merkur" oder in "Sinn und Form" wiederfindet, bewertet Wittstock nicht als Alarmzeichen, "das war immer so."
Einen staunenswerten Auftritt legte anschließend Hubert Winkels, Redakteur beim Deutschlandfunk, Mitglied der Jury des Bachmannpreises und des Preises der Leipziger Buchmesse, auf das Parkett: In einem komplett freien Vortrag führte Winkels die Literaturkritik auf ihre eigentliche, weltdeutende Berechtigung zurück: "Der Kritiker erzeugt die Bedeutung der Literatur, die wiederum Welten erschafft. Insofern ist der Literaturkritiker Gott." Im zweiten Teil seiner Ausführungen berichtete Winkels in verblüffender Ehrlichkeit am eigenen Beispiel von der Profanisierung der eigenen Profession zwischen Jurysitzungen und Moderationen und der damit verbundenen zwangsläufigen Anbindung an Institutionen: Der Kritiker wird zum Performer, die Fachkompetenz wird gekapert von wirtschaftlichen Interessen. Den Einwurf von Uwe Wittstock, man müsse ja nicht überall mitmachen, parierte Winkels elegant: "Wenn ich mir keine T-Shirts bei H&M mehr kaufe, hört die Kinderarbeit in Bangladesh auch nicht auf."

Beschlossen wurde der Tag von Herbert Grieshop. Der promovierte Literaturwissenschaftler hat mit seinem Blog www.herbertliest.de etwa 1700 Follower, denen er ausschließlich Empfehlungen ausspricht. Selbst Grieshop wollte die herkömmliche Kritik nicht für tot erklären, prognostizierte ihr aber ein reines Nischendasein zwischen anderen hoch spezialisierten Randthemen.

Ist das die Perspektive? In der abschließenden Gesprächsrunde herrschte bemerkenswerte Offenheit. Wo die Literaturkritik in fünf Jahren stehe? "Keine Ahnung", sagt Uwe Wittstock. Dass die Gegenwart nicht ganz so düster ist wie häufig beschworen – dafür allerdings war das Mainzer Kolloquium ein eindeutiger Beleg.

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