"Äußerste Behutsamkeit und unglaubliche Empathie"

LiBeraturpreis 2015 für Madeleine Thien

Als "Spurensucherin und Fährtenleserin von Lebensläufen und Schicksalen", charakterisiert Laudatorin Claudia Kramatschek die chinesisch-malaiisch-stämmige Autorin Madeleine Thien. Für ihren Roman "Flüchtige Seelen" (Luchterhand) erhielt sie gestern auf der Weltempfang-Bühne den LiBeraturpreis − schon eine kleine Tradition mit großem Zulauf am Messesamstag.

In diesem Jahr fand die Preisverleihung dort zum dritten Mal statt− allerdings an einem neuen, zentraleren Ort: Der Weltempfang war in Halle 3.1 umgezogen. Ein kleiner Wermutstropfen: Es gab etwas weniger Raum für Bestuhlung. Anita Djafari, die Geschäftsführerin der Gesellschaft Litprom, führte in ihrem Grußwort aus, warum es auch heute noch einen Preis nur für Autorinnen bedarf ("Wir Frauen sind noch nicht da, wo wir hin wollten") und warum das Projekt LiBeraturpreis, vor 28 Jahren gegründet, immer noch Avantgarde ist. Avantgarde in dem Sinne, "neues, bislang Unbekanntes, Sperriges voranzutreiben", abseits des Mainstream. Ziel sei es, eingefahrene Wahrnehmungen zu verändern.

Ein schreckliches Kapitel der Geschichte Kambodschas greift Madeleine Thien in "Flüchtige Seelen" (Luchterhand) auf: Den Genozid der Roten Khmer in den 1970er Jahren und seine Nachwehen im Seelenleben der Menschen bis heute. Ein Thema, bei dem sie "sofort die Grenzen der Sprache spürte und sich fragte, wie man das große Leid vermitteln könne", sagt die zierliche Autorin später beim Podiumsgespräch. Dass sei ihr "mit äußerster Behutsamkeit, unglaublicher Empathie und bestechender sprachlicher Präzision" gelungen, bescheinigt ihr die Laudatorin Claudia Kramatschek (in diesem Jahr auch Jury-Sprecherin des Deutschen Buchpreises). Die Haupthandlung spielt 2006 in Kanada, schildert die Schicksale von vier Protagonisten – darunter zwei Neurowissenschaftler –, die von ihrer Vergangenheit in Kambodscha geprägt wurden, diese erneut oder immer wieder verarbeiten müssen. Geliebte Menschen verloren haben oder noch heute suchen. Ein Urteil fälle sie dabei nicht, so Kramatschek, unter dem Pol-Pot-Regime mussten "alle zu jemand anderem werden, um zu überleben". Thien stelle weniger die Schrecken des Terrors, "sondern den Akt des Sich-Erinnerns und die Frage, wie Erinnerung und Trauma funktionieren, in den Mittelpunkt des Romans". Kramatschek sieht in "Flüchtige Seelen" auch eine "Forderung nach überfälliger Gerechtigkeit". Darüber hinaus sei Thiens "Tiefenlotung allgemeinmenschlicher Phänomene zugleich von drängender Aktualität".

Buchmesse-Direktor Juergen Boos überreichte den LiBeraturpreis 2015 an die sichtlich gerührte, überglückliche Madeleine Thien – ein Blumenstrauß inklusive. Für ein Buch, das "Gegenwart und Vergangenheit komplex verwebt", las Boos aus der Jury-Begründung auf der Urkunde vor. Eine schöne Geste von Thien: Sie will das Preisgeld in Höhe von 3.000 Euro (gestiftet von der Frankfurter Buchmesse) mit ihrer Übersetzerin Almuth Carstens teilen.

Diese hätte eigentlich beim anschließenden Gespräch mit Madeleine Thien und Claudia Kramatschek dabei sein sollen – war aber leider verhindert. Mehr als ein Ersatz war Christine Popp, die Lektorin der deutschen Übersetzung bei Luchterhand. Popp erzählte, Thiens "Klarheit in Sehen, Denken und Sprache" habe sie vollkommen überzeugt. Das Buch sei "zutiefst emotional", man könne es nicht lesen, ohne irgendwann in Tränen auszubrechen. Die zahlreichen Zuhörer vor der Weltempfang-Bühne erfuhren weiter, warum man sich für den eingängigeren deutschen Titel "Flüchtige Seelen" (englisches Original: "Dogs at the Perimeter") entschied, dass Thien über mehrere Jahre für einige Monate in Kambodscha recherchierte und warum das Thema Erinnerung und Identitäten in ihren Romanen so wichtig ist. Unter anderem, weil die 1974 geborene Kanadierin in ihrer Familie selbst eine Migrationsgeschichte trägt: Ihre Mutter stammt aus China, ihr Vater aus Malaysia – beiden wanderten nach Kanada aus. Christine Popp konnte noch verkünden, dass sich Luchterhand vor wenigen Tagen die deutschen Rechte an Thiens nächstem Roman gesichert habe. Darin wird anhand von chinesischen Auswanderern in Kanada, die Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert aufgerollt − erneut geht es um Erinnerungen. Man darf gespannt sein!

Eine lange Schlange begeisterter Zuhörer bildete sich schließlich, als Madeleine Thien ihre Bücher signierte, für jeden nahm sich die sympathische Autorin Zeit, wechselte einige Worte – Selfies inklusive.

Zum Preis

Der 1987 begründete LiBeraturpreis wird seit 2013 von Litprom − Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika vergeben. Der Publikumspreis zeichnet jährlich einen Titel einer Autorin aus Afrika, Asien, Lateinamerika oder der arabischen Welt aus. Gewählt wird die Preisträgerin durch die Mitglieder von Litprom und des Anderen Literaturklubs. Unterstützt wird der LiBeraturpreis von der Frankfurter Buchmesse, die auch das Preisgeld (3.000 Euro) stiiftet.

mg

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