Analyse zur neuen Eigentümerstruktur bei Thalia

Verführerisches Investment

Die Verlegerfamilie Herder wird Mehrheitsgesellschafter bei Thalia, Deutschlands größter Buchhandlungskette. Diese Nachricht muss man erst einmal auf sich wirken lassen – denn dahinter verbergen sich viele spannende Facetten. Eine Analyse von Christina Schulte.

Seit einiger Zeit schon ist Advent auf der Suche nach einem Käufer. Dass der neue Mehrheitsgesellschafter nun ausgerechnet aus Freiburg kommt, damit dürften die wenigsten gerechnet haben. Auch damit, dass ein Familienunternehmen dieses hohe Investment tätigt (die Rede ist von einem Kaufpreis im niedrigen dreistelligen Millionenbereich), war nicht unbedingt zu erwarten. Große Einzelhändler, Medienkonzerne, neue Investoren, die an die Stelle von Advent treten: Darüber wurde spekuliert. Allerdings: Was auf den ersten Blick erstaunlich anmutet, ergibt auf den zweiten Blick ein stimmiges Bild, in vielerlei Hinsicht.

Der größte Filialist in der Hand einer Verlegerfamilie, das ist vertikale Diversifikation erster Güte. Bei Herder ist man schon geübt im Buchhandeln, wenngleich das Engagement über die Jahre deutlich zurückgefahren wurde. Aber: Drei der Herder-Buchhandlungen wurden an Thalia verkauft, man kennt sich also. Und nicht nur daher, denn die Familien Kreke und Herder sind schon seit mehr als 20 Jahren freundschaftlich miteinander verbunden, wie Henning Kreke und Manuel Herder heute auf einer Pressekonferenz zum Thalia-Kauf versicherten. Die traditionsreichen Unternehmerfamilien teilen die gleichen Werte, glauben fest an eine erfolgreiche Zukunft des Handels.

Für den Herder Verlag ergeben sich aus dem Deal verführerische Optionen. Er könnte sich für sein Programm die besten Plätze in den Buchhandlungen und im Netz reservieren lassen, die Sichtbarkeit seiner Titel erhöhen. Wohlgemerkt, könnte. Interessant wird sein, was andere Buchhändler mit den Büchern des Herder Verlags machen. Alles so lassen, wie es ist oder ihre Bestellungen zurückschrauben? Immerhin sind die buchhändlerischen Aktivitäten des Verlags ein Konkurrent für sie.

Spannend ist auch die Tatsache, dass Thalia nach dem Ausflug an die Börse und dem Zwischenspiel bei Advent wieder zum Familienunternehmen wird. Damit sind die größten Buchhandlungen Deutschlands allesamt in Familienhand – Weltbild ausgenommen. Die These, dass Buchhandel hierzulande am besten genau so funktioniert, erhält damit neue Nahrung. Schnelles Geld lässt sich im Buchhandel nicht verdienen. Gefragt ist ein langfristiges Investment, Liebe zu dem, was man tut, Durchhaltevermögen und der Wille, auch der nächsten Generation ein gut bestelltes Haus zu übergeben. Das gilt für die Familie Herder gleichermaßen wie etwa für die Familien Hugendubel, Falter (Mayersche) oder Riethmüller (Osiander). Und es gilt für all die kleinen und mittleren Buchhändler.

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