Buchtage Berlin: 191. Hauptversammlung

Jahresbericht des Vorstehers: "Wir sind die Zukunft"

Die Zeit ist reif für eine Veränderung: Das machte Vorsteher Heinrich Riethmüller heute auf der Hauptversammlung des Börsenvereins im Berliner Congress Center deutlich - und läutete damit auch die Debatte über die Finanzen und die geplante Verbandsreform ein. Seine Rede im Wortlaut.

"Wir sind die Zukunft". Mit dieser –  für die einen vielleicht banalen und für die anderen übertriebenen - Feststellung beginne ich nach der motivierenden Rede von Bundesminister Sigmar Gabriel (und ich versichere ihnen, wir haben uns nicht abgesprochen) meinen Rückblick auf das vergangene Verbandsjahr. Für mich ist die  Aussage "Wir sind die Zukunft" weder banal, noch übertrieben -  und das aus vielen Gründen. Vier davon will ich Ihnen nennen.

1. Wir gestalten die Entwicklung

Seit vielen Jahren engagiere ich mich für den Börsenverein und für die Buchbranche. In diesen Jahren gab es Zeiten, in denen viele von uns - Verleger wie Buchhändler - Ängste ausgestanden haben. Etliche Buchhänderinnen und Buchhändler waren verunsichert und haben sich gefragt, ob sie von der Digitalisierung überrollt werden und welche Geschäftsmodelle für sie die richtigen sein werden. Manche haben auf Non-Books gesetzt, andere auf massive Flächenerweiterung, wieder andere haben ausschließlich das bislang Bewährte fortgeführt und sich aus Prinzip nicht mit dem Thema Digitalisierung auseinandergesetzt.

Auch in den Verlagen gab es sehr unterschiedliche Herangehensweisen an die sich abzeichnenden Umbrüche, hier war die Stimmung geprägt von Ignoranz über Abtasten bis hin zu Begeisterung. Insgesamt herrschte bei vielen Marktteilnehmern Verunsicherung vor. Das hat auch das Bild der Buchbranche in der Öffentlichkeit geprägt. Sie wirkte zaudernd, und im Bekanntenkreis wurde man oft mit der Frage konfrontiert, ob der Buchhandel überhaupt noch eine Zukunft habe.

Sie alle kennen sicher aus Führungsschulungen die Schockkurve. Sie startet mit der bösen Ahnung, geht nach unten in den Schock, arbeitet sich dann nach der Wut und dem Ärger hin zur rationalen Akzeptanz und steigt im besten Fall über die emotionale Akzeptanz hin zu neuem Selbstvertrauen und der Neugier auf die Veränderung. Den gelungenen Abschluss bildet der Stolz auf das Erreichte.

Wo stehen wir heute? Nicht alle Marktteilnehmer haben die Schockkurve schon komplett und positiv durchlebt, doch insgesamt zeigt sich: Das Gros ist in der Phase des neuen Selbstbewusstseins. Viele schauen mit Stolz auf den Wandel, den ihr Unternehmen in den letzten zehn Jahren durchgemacht hat. Der Tenor lautet: "Wir haben es gut hingekriegt!"

Viele Verlage haben sich neu aufgestellt was Herstellung, Vertrieb und Marketing betrifft, fast alle arbeiten mit E-Books, einige nutzen das auch sehr gezielt, um sich dadurch zu positionieren. Sie bieten fast alles digital oder gedruckt an. Der Zwischenbuchhandel bietet Sortimentern eine große Palette an Angeboten, Auch der stationäre Buchhandel  hat sich und seine Abläufe angepasst und neue digitale Spielwiesen für sich entdeckt. Die meisten Buchhandlungen haben gut funktionierende Onlineshops, für den Sortimentsbuchhandel ist Multichannelling kein Fremdwort mehr. Er ist damit zum Vorbild geworden für den gesamten Einzelhandel.

Das hat sich auch auf unser Bild in der Öffentlichkeit ausgewirkt. Man spricht über uns als eine der Zukunftsbranchen, von Aufbruch ist die Rede, von Stabilität und von Innovation.

Gleichzeitig kristallisiert sich heraus, dass die Digitalisierung in naher Zukunft auf dem Buchmarkt nicht zu eruptiven Veränderungen führt. Der Kunde kauft nach wie vor vor allem gedruckte Bücher. Hardcover und Taschenbücher bleiben - jedenfalls was den Publikumsbereich betrifft – unser Hauptgeschäft.

Der Umsatzanteil der E-Books lag 2014 im Privatgeschäft bei 4,3 Prozent, die Umsatzentwicklung des stationären Buchhandels bereits zum zweiten Mal in Folge besser als die des Online-Buchhandels - auch wenn beide in diesem Jahr leider im Minus lagen.  Wir werden also nicht von der Entwicklung überholt, wir gestalten sie mit. Für uns ist dies ein positives Zeichen, denn eine stetige Veränderung ist allemal besser, als eruptive Veränderungssprünge. So haben wir Zeit, Dinge weiter zu entwickeln und wir können uns diese Zeit auch nehmen, um die Zukunft zu gestalten. Für die Qualität und Vielfalt des Buchmarktes ist das ein Glücksfall.

Doch bei allem Optimismus, den ich gerne ausstrahle, erlaube ich mir auch ein paar kritische Bemerkungen. Wir wissen alle, dass auch in unserer Branche die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Steigende Kosten bei Personal, Energie und Mieten können wir nur noch bedingt mit weiteren Rationalisierungsmöglichkeiten ausgleichen, die Rendite - gerade beim stationären Sortiment und manchen Verlagen - ist seit Jahren besorgniserregend. Wie man damit als Marktteilnehmer umgeht, bleibt jedem selbst überlassen. Es muss nicht immer die diskussionswürdige Erhöhung der Bücherpreise sein, es kann für manche vielleicht auch die Reduzierung von Flächen bedeuten oder die Verringerung des Titelausstoßes.

Und gerne wiederhole ich auch an dieser Stelle nochmals meine These, dass es wesentlich aufwändiger ist, Bücher stationär zu verkaufen als online. Die Sichtbarkeit von Büchern wird vor allem vom stationären Buchhandel gewährleistet. Umso ärgerlicher ist es, dass manche Verlage dies nicht honorieren! Und wir alle kennen auch die Erpressungsversuche des größten Online-Händlers, der seine Marktmacht immer mehr ausbaut und ausnutzt, wie jetzt bei der ultimativen Forderung an die Hörbuchverlage, entweder Streaming-Modellen zuzustimmen oder ausgelistet zu werden. Oder der die Forderung an alle Lieferanten stellt, an die neuen Auslieferungslager in Polen frachtfrei zu liefern und dort auch die Mwst.-Lizenzgebühren zu bezahlen.   

2. Wir entwickeln zeitgemäße Verbandsstrukturen

Mit Ruhe und Gelassenheit wollen wir alle den Börsenverein als unsere Interessensvertretung weiterentwickeln. Die Zeit ist reif für eine Veränderung, wenn wir auch künftig unsere herausgehobene Stellung als Branchenvertretung behalten wollen. Hier sind wir manchen Vorreitern vielleicht nicht schnell und radikal genug, anderen, langjährigen Mitgliedern, vielleicht zu schnell. Auch hier gilt deshalb: Neues wagen, aber die Qualitäten bewährter und bislang sinnvoller Strukturen nicht leichtfertig über Bord werfen. Probieren, evaluieren, neu denken und wenn erforderlich neu justieren. In diesem sogenannten "iterativen Prozess" wollen wir uns langsam zeitgemäßen und dynamischen Verbands-strukturen nähern, um damit auch in Zukunft Nutzen für die Mitglieder zu schaffen, und um gleicher-maßen Identität nach innen und Wirkung nach außen zu entfalten. Mehr dazu später an anderer Stelle.

3. Unser Verband hat Innovationskraft

Ein Beleg für meine These "Wir sind die Zukunft" ist für mich auch der geplante Verkauf von libreka!. Wurde kein Projekt in der Vergangenheit von Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen, so leidenschaftlich diskutiert und teilweise auch abgelehnt wie libreka!, so zeigt sich für mich genau in diesem Produkt die große Innovationskraft des Verbandes.

Als "Volltextsuche online" gestartet, hat sich libreka! zu dem ersten vollständigen und unabhängigen Katalog für E-Books entwickelt. Damit hat der Börsenverein mit seiner Wirtschaftstochter MVB einen entscheidenden Impuls für die Digitalisierung von Büchern gegeben und die Vielfalt im Handel mit E-Books im deutschsprachigen Raum sichergestellt. Er war Beschleuniger. Jetzt hat sich das Instrument am Markt etabliert und kann lukrativ verkauft werden. Davon profitiert letztlich die gesamte Branche, denn es werden Kräfte frei für das in die Zukunft gerichtete zentrale MVB-Projekt VLB+ und den Ausbau der Branchenplattform buchhandel.de.

Doch die Innovationskraft des Börsenvereins zeigt sich nicht nur an Großprojekten. Sie zeigt sich auch beispielsweise daran, wie wir mit dem Thema "Start ups" umgehen. Ich hoffe, dass einige von Ihnen das Verbandsangebot auf den jetzt zu Ende gehenden Buchtagen genutzt und sich mit kreativen Vertretern der Startups auf die Schnelle getroffen und Kontakt geknüpft haben. Wenn nicht, holen Sie es bei Gelegenheit nach, der Verband bietet permanent Vernetzungsplattformen an. Wir lernen vom Anderen und sollten den Input für kreative Ideen gemeinsam nutzen. Dann realisiert sich die Feststellung "Wir sind die Zukunft" noch ein wenig mehr.

4. Wir setzen uns ein für das Wort und die Freiheit

Und damit komme ich zu meinem letzten Punkt. Und der ist weniger technischer oder wirtschaftlicher Natur, sondern gesellschaftlicher. Ich habe die Buchtage gestern eröffnet mit einem Appell für Freiheit und Toleranz. Der Verband hat sich nach den Anschlägen auf das Satire-Magazin "Charlie Hebdo" wieder klarer zu dem bekannt, was er als seinen Auftrag empfindet: den Einsatz für das Wort und die Freiheit. Basis der demokratischen Gesellschaft – und damit auch der freien verlegerischen und buchhändlerischen Tätigkeit – ist die Freiheit des Wortes. Wir sollten uns das immer wieder aufs Neue vor Augen führen. Der Börsenverein will künftig wieder einen stärkeren Beitrag dazu leisten, wie er es in der ersten Jahreshälfte mit der Aktion "Wir sind Charlie" und auf der Leipziger Buchmesse bereits getan hat. Stehen auch Sie dazu, beziehen Sie Position. Es ist eine unabdingbare Voraussetzung dafür, dass weiterhin gilt "Wir sind die Zukunft".

Die Finanzen und die Verbandsreform - auf dieser Hauptversammlung besprechen wir Themen, die mit der Zukunft unserer Branche und unseres Verbandes zu tun haben. Ich wünsche uns eine gute und sensible Diskussion – über alle Unterschiede von Sparten, von groß oder klein, von Interessen und Zielen hinweg. Für die Zukunft des Börsenvereins.

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