Buchtage Leipzig: Hauptversammlung debattiert über buchhandel.de

Lieber ein Ende mit Schrecken?

Soll buchhandel.de noch bis zum Jahresende eine Chance bekommen – oder sind die Hürden für die Weiterführung der Buchhandelsplattform zu hoch? Darüber hat die Hauptversammlung heute zum Teil hitzig diskutiert. Einen Beschluss gab es nicht, aber ein Meinungsbild, das zeigte: Viele Mitglieder sehen unter diesen Bedingungen offenbar keine Zukunft für das Gemeinschaftsportal.

Wie geht's weiter mit buchhandel.de? Die Diskussion ist eröffnet

Wie geht's weiter mit buchhandel.de? Die Diskussion ist eröffnet © Tobias Bohm

Die Hauptversammlung, höchstes Gremium im Börsenverein, ist für alle Mitglieder offen

Die Hauptversammlung, höchstes Gremium im Börsenverein, ist für alle Mitglieder offen © Tobias Bohm

Heinrich Riethmüller skizzierte vorab noch einmal den umfassenden Vorstandsbeschluss, der am Vortag bereits im Sortimenter-Ausschuss diskutiert worden war. Zwei Punkte von sieben: Für Buchhändler soll künftig eine monatliche Grundgebühr von 20 Euro anfallen - und bis zum Jahresende müssten 1.000 Buchhändler die Plattform nutzen, damit sie profitabel betrieben werden kann (derzeit 800 Buchhändler, Defizit 2016: mehr als 300.000 Euro). Grundsätzlich sehe auch der Vorstand das Portal buchhandel.de, das erst 2014 einen Relaunch bekommen hat, als wichtige Plattform zur Stärkung des lokalen Buchhandels, so Riethmüller – mit dem Beschluss wolle man deutlich machen, dass man nicht einfach den Rotstift ansetze bei einem Projekt, das für den Buchhandel von Bedeutung sei.

Jochen Mende

Jochen Mende © Tobias Bohm

Dazu kam aus der Mitgliedschaft allerdings auch deutliche Kritik: Letztlich werde dem Sortiment auf diesem Weg der "Schwarze Peter" zugeschoben. „Wenn wir ehrlich sein wollen, muss es heißen: Beschluss des Vorstandes zur Einstellung von buchhandel.de, nicht zur Weiterführung von buchhandel.de“, sagte Zwischenbuchhändler Jochen Mende (Prolit). Gleichzeitig überwog die Skepsis, ob ein weiteres Engagement des Buchhandels überhaupt sinnvoll ist. "Bevor wir jetzt Buchhandlungen dazu verpflichten, 20 Euro pro Monat zu zahlen, sollten wir es lieber ganz sein lassen. Warum sollten Buchhändler in ein Pferd investieren, dass ohnehin zusammenbricht?": So drastisch formulierte es Buchhändler Jörg Robbert, der mit dieser Position nicht allein war. Er dürfte allerdings auch nicht der einzige sein, der einen nachhaltigen Image-Verlust befüchtet, wenn buchhandel.de vom Netz geht.

Ronald Schild

Ronald Schild © Tobias Bohm

"Wir betreiben buchhandel.de gerne, aber klar ist auch: Mit einer knappen Million Euro, die wir in zwei Jahren investiert haben, können wir keine Konkurrenz zu Amazon werden“: Das betonte MVB-Geschäftsführer Ronald Schild. Es sei nicht realistisch, den besten Webshop der Republik aufzubauen. Buchhandel.de sei eher eine Andockstelle für unentschlossene Buchkäufer, eine Verlinkungsplattform zu Institutionen wie Bibliotheken – und damit auch eine Chance auf Neukunden.

Manfred Keiper

Manfred Keiper © Tobias Bohm

Manfred Keiper (die andere Buchhandlung, Rostock), mit seiner Buchhandlung selbst auf buchhandel.de vertreten, erinnerte noch einmal an das Ziel der Plattform: Politischer Wille sei es gewesen, die Vielzahl der Webshops im Buchhandel abzubilden. Diesen Zweck könne jedoch auch ein Buchhandelsfinder erfüllen, der Zugriff auf alle Shoplösungen des Sortiments biete – eine Lösung, die der Vorstand jetzt mit in die Weiterarbeit am Thema buchhandel.de nehmen will.

Reinhilde Rupprecht

Reinhilde Rupprecht © Tobias Bohm

Dass es unter dem Dach der branchenweiten Kampagne Vorsicht Buch! längst einen solchen Buchhandelsfinder gibt – darauf wies Verlegerin Reinhilde Rupprecht hin. Sie appellierte an die Verlagskollegen, den Buchhandelsfinder auf ihre Website einzubinden: "Das ist ein schickes Logo – und Sie unterstützen damit das Sortiment."

Jörg Robbert

Jörg Robbert © Tobias Bohm

Die Diskussion um buchhandel.de weitete sich zwischendurch auch noch einmal zu einer grundsätzlichen Debatte über die Wirtschaftsaktivitäten des Börsenvereins. Unter anderem plädierte Jörg Robbert für eine stärkere Kontrolle durch die Mitglieder, nicht nur durch Vorstand und Aufsichtsrat. Sein Vorschlag: eine Interessengemeinschaft rund um die Belange der Börsenvereinsholding BBG zu gründen – für eine intensivere Begleitung der wirtschaftlichen Ausrichtung.

Differenziertes Meinungsbild zu buchhandel.de

Differenziertes Meinungsbild zu buchhandel.de © Tobias Bohm

Vorsteher Heinrich Riethmüller unterstrich dagegen, es gebe wenige Verbände, die transparenter arbeiten würden als der Börsenverein. Im Sortimenter-Ausschuss sei immer wieder über buchhandel.de und VLB-TIX diskutiert worden. „Das Problem bei buchhandel.de ist: Es gibt sehr unterschiedliche Meinungen dazu.“ Aus Leipzig dürfe der Vorstand nun ein etwas klareres Stimmungsbild mit nach Hause nehmen.

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4 Kommentar/e

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  • Hanswurst

    Hanswurst

    41 Bestellungen in 14 Monaten. Dabei hatte Spiegel Online mit seiner Bestsellerliste 22.000 Kaufwillige auf die Plattform der Börsenvereins-Wirtschaftstochter MVB weitergeleitet. Konversionsrate angesichts von 41 Bestellungen: 0,18 Prozent.

    Das ist wirklich unglaublich armselig angesichts der Investitionen. Wäre ja mal interessant zu erfahren, wieviele Bestellungen buchhandel.de denn insgesamt so pro Jahr generiert? Eine dreistellige Summe? Oder sollten es gar 1000 sein? Auf jeden Fall wird jede einzelne Bestellung vom Verband (den Mitgliedern) mit einer hohen Summe subventioniert ... und da zögert man ernsthaft, das Trauerspiel zu beenden?

    Siehe http://etailment.de/thema/news/zalando-adidas-4195 (3. Artikel).

  • Else Laudan

    Else Laudan

    Zum tragischen Absturz des einst großartigen Portals buchhandel.de

    Heute erinnert sich wohl kaum noch jemand, was buchhandel.de einmal gewesen ist, bevor mit einem miserablen Relaunch eine Lawine von Verschlechterung und Sinnlosigkeit in Gang gebracht wurde. Für mich ein klarer Prioritätenfehler: Struktur, Information und content wurden als nachrangig bis entbehrlich behandelt, zugunsten der Darstellbarkeit auf mobilen Endgeräten wurde ersatzlos auf jeden Nutzen abseits eines uniformen Standard-Onlineshops verzichtet.

    Aus gegebenem Anlass möchte ich noch einmal aufgreifen, was ich im Oktober 2014 - zum Zeitpunkt des ersten einer Reihe von unergiebigen Relaunchs - sehr ergrimmt feststellte:
    >>"Buchhandel.de" war früher ein gutes Instrument für erstaunlich viele Zwecke. Mit überschaubaren relevanten Infos diente die Seite allen Suchenden als Orientierungshilfe und war ob ihrer Seriosität eine obligate Recherche-Website im verlegerischen, buchhändlerischen und buchaffinen Alltag. Unter anderem war es leicht, alle lieferbaren Titel einer Autorin oder eines Verlags abzurufen, bibliographische Details zu ermitteln, Titel zu Themen zu sondieren und Vieles mehr. Eine ziemlich geniale Servicefunktion, die weit und breit nicht ihresgleichen hatte.
    Der "Relaunch" hat das ein für allemal beendet. Die Seite ist jetzt als Recherche-Website komplett dysfunktional. Der "neue Auftritt" von Buchhandel.de ist einfach nur stumpf kommerziell, im Vergleich zu vorher extrem intransparent, geradezu abschreckend, und zudem gesichtslos-beliebig (eine der zahllosen Standard-Werbehomepages ohne jeden Mehrwert), dazu in den Suchmöglichkeiten mehr als beschränkt. Letzteres ist einfach unfassbar. Es GIBT ja nicht mal mehr eine Schlagwortsuche oder überhaupt irgendeine Detailsuche, in der man z.B. thematisch oder nach Verlagen suchen oder nach Erscheinungsterminen sortieren könnte - und das angesichts der fortschreitenden technischen Möglichkeiten! Das ist wirklich absurd!
    Ich habe die Seite aus meiner Lesezeichen-Symbolleiste entfernt, denn ich kann sie nicht mehr gebrauchen und schon gar nicht mehr empfehlen. Tragisch das!<<

    Seitens engagierter Buchhändler/innen und vor allem kleiner und unabhängiger Verlage gab es dann explizit scharfe Kritik an der "neuen" (bzw. nicht mehr existenten) Suchfunktion, auf die Herr Schild damals entgegnete, sie werde "vor allem von Verlagen und Bibliotheken kritisiert ... aber kaum von Buchhändlern und Endkunden." Insgesamt wiegelte der Börsenverein die heftige Kritik weitgehend ab und rühmte stolz sein "Responsives Design für eine optimierte Darstellung auf allen Endgeräten". Als sei es das einzig Wichtige, App- und Smartphone-fähig zu sein - wohlgemerkt in der Buchbranche -, während es keine oder höchstens eine untergeordnete Rolle spielt, was für content man anbietet ... ganz zu schweigen von einer seriösen Recherche-Instanz oder gar einem kostenfreien (Gott bewahre!) Tool zur Orientierung im Bücherdschungel. Dabei wäre eine solche Service-Kombination wirklich mal etwas gewesen, was nur der Börsenverein leisten konnteund womit er sich wahrhaft verdient, wenn nicht sogar unverzichtbar gemacht hätte.
    Für mein Gefühl haben die 2014 für den Umbau Verantwortlichen nicht nur uns allen – auch den Leser/innen – ein wertvolles Online-Werkzeug weggeschossen, sondern auch dem Zeitgeist zuliebe des Börsenvereins konkreteste und greifbarste Chance geopfert, mit einem seriösen und nützlichen Internetauftritt eine im ganzheitlichen Brancheninteresse gut geführte Plattform zu erhalten (ja, man hätte sie nur erhalten müssen, nicht das Rad neu erfinden).
    Schade, sehr schade ... Nun kommt die Quittung.

  • Stefanie Brink

    Stefanie Brink

    Hallo,

    man kann Frau Laudan und Hanswurst nur in fast allen Punkten zustimmen. Allerdings wurden Suchfunktion und Lieferbarkeitsanzeige inzwischen etwas verbessert. Doch wer von denen, die aufgrund der schlechten Seite der Anfangszeit aufgegeben hat, buchhandel.de zu besuchen hat das mitbekommen?
    Das Argument, die Käufer wollen eine detaillierte Suche nicht und man müsse sich im einfachen Layout den anderen Plattformen anpassen kann ich nicht nachvollziehen. Jedes Gründerseminar sagt als erstes: „Wo ist dein Alleinstellungsmerkmal? Hast du keines, wirst du dich am Markt nicht durchsetzen können.“ Buchhandel.de hatte einmal eines.

    Für mich als kleinen Buchhändler ist eine Teilnahme aufgrund der Konditionen völlig uninteressant geworden.
    - Die wenigen Bestellungen lohnen keine Gebühr.
    - Die Provision frisst den Verdienst schon jetzt fast komplett auf. Es sei denn man ist Börsenvereinmitglied. Aber auch dann bleibt bei Taschenbüchern so gut wir gar nichts übrig.
    Mit der Erhöhung also kein Verdienst mehr bei preiswerten Büchern.
    - Zusätzlich zu dem geringen Verdienst, soll jetzt auch noch eine Gebühr erwirtschaftet werden. Da kommen bestimmt viele neue Buchhändler.
    - Es sind zwar nur 90 Cent, die mir am Ende durch den Verkauf eines E-Books an
    Provision zustanden, aber auf das Geld warte ich auch noch. Diesmal vom MVB
    und auf entsprechende Mails wird nicht reagiert.

    Zunächst hatte ich oben noch den Punkt:

    Da man keine Vorkasse verlangen kann wird Betrügern Tür und Tor geöffnet. Das scheint sich geändert zu haben. Meiner Bitte, mich bei Änderungen der Möglichkeiten zu benachrichtigen, ist man damit nicht nachgekommen. So gewinnt man auch keine abgesprungenen Buchhändler zurück.

    Aus meiner Sicht ist die Abwicklung der Verkäufe nicht dahin optimiert die Buchhändler zu unterstützen sonder dahin dem Betreiber genügend Verdienst zu generieren. Das hat ja offensichtlich nicht funktioniert. Klar braucht auch ein Verband Geld. Doch ist er dazu da, vorrangig auf den Gewinn zu schauen oder hat er vorrangig die Aufgabe, seine Mitglieder zu unterstützen.

    Die Diskussion hier sowie die parallel laufenden Diskussionen zur Zukunft des Börsenvereins zeigen deutlich, dass man momentan offensichtlich an den Bedürfnissen der Buchhändler vorbei agiert. Das, was der Börsenverein bietet ist gut, warum also hat er nicht genügend Mitglieder?
    Wer nicht Mitglied dort oder auf Buchhandel.de ist, sollte dem Börsenverein die Gründe mitteilen, vielleicht ändert sich dann das Richtige. Wenn wir alle nur schweigen und der Entwicklung zuschauen, wird sich nichts in unserem Sinne ändern.

    Schade, dass, zumindest ich, erst jetzt, wo es zu spät scheint noch etwas zu bewirken, von den Plänen der Schließung etwas lese.

  • Goldesel

    Goldesel

    Um zu erreichen, dass mehr Buchhändler (mind. 1000 statt im Moment 800) mitmachen, sollen sie in Zukunft 20 EUR pro Monat zahlen.

    Ja, klar!
    Das hört sich in meinen Ohren nach einer absolut genialen Idee an ...
    *g*

    • ...

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