Buchvorstellung mit dem Ex-Bundespräsidenten

„Herr Wulff, Herr Wulff, hierher schauen bitte!“

Der frühere Bundespräsident Christian Wulff muss sich kurz an die Zeit ganz oben erinnert haben. Denn bei der Vorstellung seines 256 Seiten dicken Werkes „Ganz oben Ganz unten“ – dem „Protokoll einer Vernichtung“ wie es im Buch einmal heißt – drängelten sich im Haus der Bundespressekonferenz die Journalisten zuhauf. VON HOLGER HEIMANN

Sie waren alle da: Reporter von Fernsehen, Hörfunk, Magazinen, Zeitungen. Einige Fotografen hatten sich kleine Hocker mitgebracht, auf die sie kletterten, um den prominenten Buchautor besser ins Bild zu bekommen. Andere riefen aufgeregt: „Herr Wulff, Herr Wulff, hierher schauen bitte!“ Wulff ließ das Ganze meist staatsmännisch lässig über sich ergehen. Auch die mittlerweile von ihm so gehasste „Bild“ hatte einen Redakteur geschickt, mit dem der Ex-Politiker während der einstündigen Veranstaltung hingegen einen bitteren Streit austrug: „Das Buch ist besonders für Sie lesenswert!“

Startauflage: 50.000 Exemplare

Wulff, der nach Aufhebung seiner Immunität wegen Verdachts der Vorteilnahme im Februar 2012 als Bundespräsident zurückgetreten war, sieht sich als „Opfer einer Treibjagd“ – verfolgt vor allem von den Springer-Medien. Sein Buch, das heute in einer Startauflage von 50.000 Exemplaren in den Handel kommt, will ein Diskussionsangebot sein: „Was lief falsch? Was soll sich nicht wiederholen? Was eigentlich ist wirklich passiert?“ Medien und Justiz hätten sich gegenseitig „die Bälle zugespielt“ und damit das Prinzip der Gewaltenteilung missachtet, beklagte Wulff. Mit dem Buch, das weder der Memoirenliteratur zuzurechnen noch eine Abrechnungsschrift sei, wolle er den vielen Versionen über seinen Abgang  seine eigene entgegensetzen und so seine Ehre wiederherstellen. Wulff hat dazu die Akten seines Prozesses durchgearbeitet, auf eigene Notizen zurückgegriffen und nicht zuletzt „von der menschlichen und fachlichen Unterstützung“ des C. H. Beck-Verlags profitiert, wie er hervorhob.

Keine Vorab-PR

Dessen Cheflektor Detlef Felken wiederum versicherte seinerseits, dass der Münchner Verlag stolz darauf sei, dieses Buch publizieren zu können. Selten habe er ein „solches Maß an vorauseilendem Interesse“ erlebt. Wulff indes hatte sich ausbedungen, dass es keinerlei Vorab-PR, keine Vorabdrucke und keine Interviews geben solle. Sein Buch, das auch einige Bilder enthält und dessen Kapitel zum Beispiel mit „Die Jagd“ und „Die letzte Kugel“ überschrieben sind, bekamen die Journalisten erst auf dem Weg nach draußen zum ersten Mal in die Hand. „Vieles ist noch nicht wirklich aufgearbeitet“, glaubt Felken. Der Titel des Buches „Ganz oben Ganz unten“, der bereits vorab einige Häme ausgelöst hatte (mit Hinweis auf die Pension von knapp 200.000 Euro im Jahr, die Wulff als ehemaligem Bundespräsidenten zusteht), dürfe nicht rein ökonomisch interpretiert werden. Er beschreibe eine „singuläre Fallhöhe: von einem der beliebtesten Politiker Deutschlands zu einem Schandfleck der Nation“.

Wulff selbst sieht sich mittlerweile irgendwo in der Mitte zwischen ganz oben und ganz unten, jedoch: „auf dem Weg nach oben“. 

 

Christian Wulff: "Ganz oben. Ganz unten",
mit 15 Abbildungen. Gebunden, C. H. Beck, 259 Seiten, 19,95 Euro ,
ISBN 978-3-406-67200-2
das E-Book erscheint am 12. Juni.

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2 Kommentar/e

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  • Zuschauer

    Zuschauer

    Respekt! 200 Journalisten für ein Buch, das riva -Niveau nicht überschreiten dürfte (wir erinnern uns ungern an Bettinas gelutschten Drops). Schon erstaunlich, dass dieser armselige Geldhai, der Deutschland international blamiert hat wie kaum ein anderer, sein Gesudel in einem bis jetzt ehrwürdigen Verlag untergebracht hat. Haben die es so nötig?

  • rautenklause

    rautenklause

    Ja, denn das ist ja ein Paradebeispiel für das Buch als Kulturträger, das der stationäre Buchhandel mit Herzblut an den Mann (pardon: und Frau und sonstige Wesen) bringt was wiederum der Verödung der Innenstädte massivst entgegenwirkt. Wulff sei Dank!

    • ...

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