Caterina Kirsten über ein weit verbreitetes Missverständis

"Literaturblogger wollen gar keine Kritiker sein"

Die meisten Blogger wollen keine Literaturkritiker sein, sie wollen über Literatur sprechen – auf ihre Weise. Und für diesen Dialog haben sie ihre ganz eigenen Werkzeuge. Meint Caterina Kirsten, die auf schoeneseiten.net über Gegenwartsliteratur bloggt.

Obwohl sich gerade ein Wandel in der Wahrnehmung von Literaturblogs vollzieht, kommen Blogger immer wieder in die Verlegenheit, sich und ihr Tun rechtfertigen zu müssen. Das, was sie in ihren Blogs von sich geben, habe nichts mit Literaturkritik zu tun, es fehle ihnen an Wissen und Kompetenz. Diese Vorwürfe beruhen auf einem Missverständnis: Die meisten Blogger wollen nämlich gar keine Literaturkritiker sein, sie wollen das Feuilleton nicht eins zu eins ins Netz holen. Sie wollen über Literatur sprechen – auf ihre Weise. Wollen zur Lektüre anregen, Fragen aufwerfen, in einen Dialog treten. Dabei verfügen sie vielleicht nicht über die Werkzeuge der Literaturkritiker – dafür aber über andere.

Doch bevor man sich fragt, was ein Literaturblogger will, sollte man sich fragen, was ein Literaturblogger überhaupt ist. Hier fängt das Missverständnis nämlich schon an. Genau genommen gibt es »den« Blogger nicht, so wie es im Übrigen auch nicht »den« Kritiker gibt. Die Landschaft der Literaturblogs ist so vielfältig wie die Literatur selbst; Blog ist nicht gleich Blog, und es erübrigt sich zu erwähnen, dass Blog auch nicht gleich LovelyBooks-Rezension oder Amazon-Bewertung ist. Je nach Blog stehen verschiedene Genres im Fokus, werden verschiedene Anliegen verfolgt, liegen verschiedene Kriterien und Maßstäbe der Beurteilung von Büchern zugrunde und werden schlussendlich verschiedene Menschen angesprochen.

Die Chancen der sogenannten Laienkritik liegen genau in dieser Vielfalt. Sie will die professionelle Literaturkritik nicht verdrängen, sie erweitert sie, indem sie neue Wirkungsfelder eröffnet. Und zwar in vielerlei Hinsicht. Im Gegensatz zum klassischen Feuilleton haben Blogs einen ungleich größeren Spielraum: Sie können sich Hypes anschließen und in Debatten einschalten, um im Gespräch zu bleiben, unterliegen aber weder Zwängen noch Einschränkungen, sie können sich auch dem Unbekannten und Abseitigen widmen und haben unbegrenzt Platz für Entdeckungen. Hier finden Genres, Formate und Themen Beachtung, die andernorts zu kurz kommen; ganz gleich wonach einem der Sinn steht, man wird immer fündig.

Blogs erreichen auch jene Leser, die mit der klassischen Kritik wenig anfangen können – sei es, weil die dort vertretene Literatur sie nicht anspricht, sei es, weil sie von den Kritiken überfordert oder gelangweilt sind. Blogs sind in der Regel niedrigschwelliger und persönlicher, ihre Betreiber scheuen sich weder vor Emotionen noch davor, »ich« zu sagen, hier findet also tatsächlich ein Gespräch »auf Augenhöhe« statt. Nicht nur gefühlt, sondern tatsächlich: Blogger und Leser tauschen sich miteinander aus, Diskussionen sind ausdrücklich erwünscht. So entsteht ein Vertrauensverhältnis, das es ermöglicht, die Urteile des anderen besser einzuschätzen und mit den eigenen Vorlieben abzugleichen. Der Leser weiß, woran er bei dem jeweiligen Blogger ist.

»Letztlich können wir die verschiedenen Zielgruppen dank der Vielzahl der Kanäle viel genauer adressieren«, sagte jüngst Dr. Uwe Rosenfeld, Geschäftsführer von S. Fischer, im Interview mit Bookster. Leser haben unterschiedliche Bedürfnisse und informieren sich über unterschiedliche Medien – dass Blogs dabei eine immer größere Rolle spielen, haben viele Verlage längst erkannt, für sie haben sie mittlerweile einen ähnlichen Stellenwert wie die Presse. Konkurrenten sind sie dennoch nicht, sie ergänzen einander; Blogger beschreiten neue Wege, geben neue Impulse, erreichen neue Lesergruppen. Mit dem alleinigen Ziel, die Leidenschaft für Literatur, die sie antreibt, auch in anderen zu entfachen. Und nur darum geht es.

Caterina Kirsten bloggt auf www.schoeneseiten.net über Gegenwartsliteratur. Sie hat Italienisch, Komparatistik und Verlagskultur studiert und ist seit 2011 in der copywrite Literaturagentur in Frankfurt tätig.

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6 Kommentar/e

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  • Tobi

    Tobi

    Ein interessanter Beitrag, gut geschrieben. Ich war überrascht, als ich festgestellt habe, das zwischen der Literaturkritik aus dem Feuilleton und Buchblogger eine Verbindung hergestellt wird, denn aus meiner Sicht sind das völlig unterschiedliche Dinge.

    Der S. Fischer hat das gut erkannt. Allerdings hat ein Blog noch einen ganz anderen, entscheidenden Vorteil. Er ist in Suchmaschinen sichtbar und wenn ein interessierter Leser auf diesen Weg auf einem Blog landet, dann sind gerade diese authentischen Einschätzungen für viele interessanter, als eine Kritik von einem professionellen Redakteur. Denn der Blogger ist viel näher am Konsumenten. Letztendlich sind gerade deshalb auch in anderen Bereichen Produktbewertungen von so großem Interesse.

    Viele Grüße
    Tobi

  • caterina

    caterina

    Lieber Tobi,
    vielen Dank für deinen Beitrag und deine Gedanken.

    Du hast recht, das Feuilleton und Blogs sind tatsächlich vollkommen unterschiedliche Dinge, doch genau das scheint in den Augen mancher das Problem zu sein: dass ein Großteil der Blogs nicht die "kulturellen Standards" erfüllt. Siehe Thomas Wörtches Polemik im CULTurMAG: http://culturmag.de/crimemag/kickass-bloody-splint ers-aus-dem-taeglichen-wahnsinn-4/87654.

    Hier schließt sich aber natürlich die Frage an, was einen 'professionellen' Kritiker überhaupt ausmacht, wer die Standards festlegt und wo die Grenzen und Möglichkeiten der Kritik liegen. Fragen, die sich auch das Feuilleton stellen sollte.

    Herzlich,
    caterina

  • Kerstin Scheuer

    Kerstin Scheuer

    Vielen Dank für diese Klarstellung. Sie spricht mir aus dem Herzen.

    Genau wie Tobi sehe ich mich nicht als Literaturkritikierin. Dazu habe tatsächlich zu wenig" Fachwissen". Insofern muss ich Thomas Woertche, dessen Heftigkeit der Kritik ich im übrigen NICHT nachvollziehen kann, Recht geben. (Obwohl ich immerhin den/die Übersetzer/in nenne. :0) )
    Ich habe einfach nur Spaß an guter Lektüre und gebe meine Leseerfahrungen als Vielleserin gerne weiter. Ich lege garantiert andere Maßstäbe bei meinen Rezensionen an, als es die professionellen Literaturkritiker in den Feuilletons tun. Ich denke aber, für den interessierten Leser kann gerade das von Vorteil sein. Denn so begegnet man sich tatsächlich, wie es der Artikel beschreibt, "auf Augenhöhe". Schließlich sind die meisten Leser ja auch "nur" interessierte Laien, denen die "kulturellen Standards", wie auch immer die aussehen mögen, reichlich egal sein dürften.

    Wenn ich eine gute Freundin nach dem letzten richtig tollen Buch frage, das sie gelesen hat, möchte ich ja auch keine wissenschaftliche Abhandlung haben. So sehe ich meinen Blog auch. Nur eben in verschriftlichter Form.

  • Judith

    Judith

    Hi Caterina,

    ich fand und finde deinen Artikel sehr treffend. Blogs unterscheiden sich von "professioneller" Kritik (was Thomas Wörtche in dem von dir oben zitierten Artikel anprangert). Auch bieten Internet und die neuen Medien den Raum, sich auf vielerlei Art und Weise über Literatur auszutoben. Und vor allem die etwas verstaubten Ansichten der Literaturkritik ein wenig aufzuwirbeln.

    Ich fand die laufende Debatte so spannend, dass ich selbst ein Plädoyer für Neuerungen und Wertanpassungen in der Literaturkritik geschrieben habe. Dazu habe ich mir auch Gedanken darüber gemacht, was eigentlich wesentliche No-Gos sein könnten (inspiriert von dem Shitstorm, den Wörtche über Krimimimi losgelassen hat)

    http://leseloop.at/5-no-gos-bei-rezensionen/

  • Der Schneemann

    Der Schneemann

    Schöner Beitrag, der mittlerweile Teil einer größeren Debatte geworden ist. Auch ich habe mir dazu Gedanken gemacht: http://derschneemann.net/2015/05/24/8-gedanken-zum -verhaltnis-von-bloggern-und-journalisten/

  • Jasmin

    Jasmin

    Hallo Caterina,

    ich kann deine Einschätzung durchaus teilen, obgleich aber auch die Frage (die du selbst kurz erwähnt hast) stehenbleibt: Wer oder was ist ein_e professionelle_r Kritiker_in? Wie wird man das?
    In diesem Sinne können sich natürlich auch "Laien" autodidaktisch zu einem professionellen Status hocharbeiten.

    Ich persönlich möchte das aber gar nicht. Ich finde es, ebenso wie andere Kommentator_innen, wichtig, mit den Leser_innen auf Augenhöhe zu sein, denn dann kommt auf beiden Seiten viel eher an, was wem wichtig ist - und das ist gerade für mein Thema (Vielfalt in KiJu-Literatur) von besonderer Bedeutung.

    Viele Grüße,
    Jasmin
    feministbookshelf.com

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