Cornelia Funke im Gespräch

"Ein Film schrumpft mir meine Fliegenden Teppiche zu einem Taschentuch"

Bremen, Hamburg, Berlin, Leipzig: Für vier Tage kam Cornelia Funke von Los Angeles nach Deutschland, um aus ihrem gerade erschienenen dritten "Reckless"-Band zu lesen. Dieses Mal führt die Reise hinter dem Spiegel Jacob Reckless und Fuchs in die Märchenwelten der Ukraine und Russlands. Stefan Hauck sprach mit Cornelia Funke über Recherchen und Reisen, die Ablehnung von Verfilmungen, ihre Spiegelwelt-App, die Gründung ihres eigenen Verlags und die Lust, mehr zu zeichnen.

Den ersten Band haben Sie noch mit dem Filmemacher Lionel Wigram konzipiert, und ich erinnere mich noch an ein Gespräch in Bologna vor Erscheinen von "Steinernes Fleisch", wie begeistert Sie von der Zusammenarbeit waren. Jetzt ist sie beendet: Schreibt es sich alleine doch leichter – oder kompromissloser?
Naja, geschrieben habe ja letztlich immer ich, aber eine Reihe von Motiven und Szenen stammen von ihm. Beim "Steinernen Fleisch" waren wir beide noch völlig enthusiastisch, stimmt, aber dann haben wir den Fehler gemacht, beim zweiten Band diesen Ideenfindungsprozess fortzusetzen. Nur hatte er Filmtermine, während ich schon im Geschichtenfluss steckte, und wir haben immer mit Mühe versucht, das Weiterspinnen am Leben zu halten - aber es wurde zäh und zäher. Er war gedanklich weit draußen, ich mittendrin, und Sätze wie "Was haben wir nochmal vor 15 Tagen besprochen?" waren symptomatisch. Und als ich von meinen Recherchen aus Moskau kam und meinte, das werden nicht drei Bände, sondern mehr, hat er schwer geschluckt …

Wie viele "Reckless"-Bände planen Sie denn?
Ich habe so viele Hinweise, Dokumente, Märchen, dass ich gerne den Märchen um die ganze Welt folgen will. Könnten gut sechs Bände werden, vielleicht auch mehr – manchmal hat man komprimiert eine Binnengeschichte auserzählt, andere Motive tun sich neu auf – ich weiß es nicht. Jetzt zurück zu Lionel: Er ist als Filmerzähler schneller, oberflächlicher als die Romanschriftstellerin, die ihre Welten gern viel detaillierter ausgestaltet. Und ich habe ein vollkommen anderes Verständnis von Märchen.

Haben die Amerikaner eine andere Beziehung zu Märchen als Europäer? Die meisten Märchen sind ja europäische Importe.
Es ist erstaunlich: Fast jeder Amerikaner kann seine Vorfahren bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen, es gibt da durchaus ein Geschichtsbewusstsein, es gibt auch unglaublich viel Sekundärliteratur zu Märchen und kommentierte Versionen - einer der größten Märchenforscher ist Professor Jack Zipes aus Minnesota, der Grimms Märchen übersetzt und mir viele Anregungen gegeben hat. Aber viele Amerikaner kennen nur die Disney-Version der Märchen und bezeichnen zum Beispiel den "Zauberer von Oz" als Märchen, da sind sie, sagen wir mal, sehr großzügig in der Auslegung.

Sie haben ziemlich akribisch recherchiert – wie aufwändig sind Ihre Vorarbeiten?
Manchmal denke ich bei mir selbst, das führt zu weit, aber ich brauche diese vielen Informationen. Ich will Volksmärchen finden, und um ihre Herkunft wirklich zu verstehen, reise ich, vor drei Jahren nach Russland, dann Indien, Australien, Neuseeland ... für 2016 habe ich mir Asien vorgenommen. Ich stoße auf spannende Entdeckungen, etwa dass die Russen die Märchen vor allem durch die Nachdichtungen von Puschkin kennen, er hat sie lebendig gehalten. Er hatte sich viel mündlich Überliefertes behalten von seiner Großmutter, die Tochter eines afrikanischen Sklaven war – Puschkin bezeichnete sich ja gern als Achtel-Mohr, was ihm nach seinen Angaben Erfolge bei den Frauen eingebracht haben soll.

Sind Sie reiselustig geworden?

Inzwischen. Bis 45 war ich ein absoluter Reisemuffel, die Welt hat für mich bis Hamburg-Ohlstedt gereicht und wenn ich auf Lesereisen war, wollte ich eigentlich nur immer schnellstmöglich heim. Das hat sich radikal geändert – Los Angeles ist mein Zuhause, die Welt hat sich für mich geöffnet, ich bin gerne unterwegs und liebe es, die unterschiedlichsten Eindrücke in unterschiedlichen Teilen der Welt einzusaugen.

Einige Ihrer Figuren auch …
Ja, Jacob genießt es, in der Welt zu sein, viel viel mehr noch als ich. Ich hoffe, dass ich in den nächsten Reckless-Bänden viele Länder wenigstens einmal erwähne, um zu zeigen, wie fantastisch die Welt ist.

Welchen Stellenwert haben die Themen Migration und Unbehaustsein in den Bänden?
Für mich ist es ein wichtiges Thema, ich unterstütze in Deutschland den Verein Exilio, der vertriebenen, politisch verfolgten und bedrohten Menschen hilft; seit ich 15 bin, bin ich Mitglied bei Amnesty International. Die meisten der Figuren sind gerne unterwegs, begierig, Neues zu erleben … vielleicht ist Fuchs diejenige, die nicht so leicht zur Ruhe kommt. Aber ich bräuchte noch eine Figur, die den Schmerz ausdrücken kann, unfreiwillig weg zu müssen, Heimat aufgeben zu müssen.

Mit dem Verkauf der Filmrechte könnten Sie viel Geld verdienen, haben aber entschieden abgelehnt - warum?
Nach der "Tintenherz"-Verfilmung habe ich beschlossen, nur noch in Ausnahmefällen Verfilmungen zuzustimmen. Was bei Filmen am Ende oft herauskommt, hat so gar nichts mehr mit meinen geschriebenen Szenen zu tun, Film schrumpft mir meine Fliegenden Teppiche allzu leicht zu einem Taschentuch. Und weil ich eben auch Illustratorin bin, wird es immer schmerzhafter für mich, mir das ansehen zu müssen – ich bin da inzwischen auch nicht mehr tolerant. Allein die Vorstellung, wie meine Bilder und Geschichten manipuliert werden – grauenhaft! 

Allerdings haben Sie eine App zur Spiegelwelt Ihrer "Reckless"-Bände produzieren lassen.
Die Spiegelwelt ist so genau in meinem Kopf, dass ich sie nicht als anderthalbstündigen Kinofilm akzeptieren würde, vielleicht noch als Fernsehreihe, aber den Leuten des Mirada-Studios in Los Angeles ist es auf wahrhaft märchenhafte Weise gelungen, sie in Bilder zu übersetzen. Wer mich fragt, wie meine Welt aussieht, dem sage ich: Guck‘ Dir meine App an! Regisseur Mathew Cullen ist einfach versiert beim Arbeiten in der kurzen Form, er hat 2014 ein Video zu Katy Perrys "Dark Horse" gedreht, das Auszeichnungen bekam und mit mehr als 700 Millionen Klicks das meistgesehene Musikvideo des Jahres war. Die Mirada-Leute haben einen leidenschaftlichen Anspruch, da wird Literatur zur Bildkunst. Und das Schöne ist: Die App versteht ein Kurator im Getty-Museum genauso wie eine 16-jährige Schülerin. Gerade arbeiten wir an einem "Drachenreiter"- und an einem "Tintenblut"-Projekt.

Also nie wieder Kinofilm?

Bei "Reckless" kann ich mir das zur Zeit wirklich nicht vorstellen. Bei "Drachenreiter" habe ich die Filmrechte gerade an Constantin-Film verkauft, die haben mich über drei Jahre hinweg immer wieder bestürmt, und schliesslich mit ihrer Leidenschaft überzeugt. Und ich kann mit den Einnahmen kreative Experimente finanzieren, die ich mir sonst nicht leisten könnte, wie die App eben. Denn mit solchen Formaten verdient man nun mal kein Geld, als Geschäftsmodell taugt das nicht. Aber sie unterstützt die Vorstellungskraft des Lesers, ohne sie zu beschränken. Man sagt Bildern zu Unrecht nach, dass sie die Fantasie beschränken – wie sieht ein venezianischer Palazzo aus, ein ligurisches Dorf, Moskau im 19. Jahrhundert? Nicht viele Leser wissen all das.

Fast sind die Bilder zu schön, um nicht auch gedruckt zu werden – könnten künftige "Reckless"-Bände damit angereichert werden?
Vielleicht. Der Gedanke gefällt mir immer mehr! Ich habe gerade in Los Angeles einen kleinen Verlag für Texte von mir gegründet, Breathing Books, dort will ich mit kurzen und reich illustrierten Formen experimentieren. Außerdem bringt Dressler im Herbst die erste Version der Spiegelwelt auf Papier heraus. Ich werde wohl künftig auch einige meiner vergriffenen Titel in den USA selbst herausbringen. In Deutschland ist der Markt glücklicherweise durch die Preisbindung geschützt, in den USA nicht, weswegen die Backlist problematisch ist.

Haben Sie schon einmal überlegt, mit Ihrer Doppelbegabung als Illustratorin und Autorin stärker in Richtung Graphic Novel zu arbeiten?
Solche Bild-Text-Verschränkungen wie in Brian Selznicks "Wunderlicht" würden mich schon reizen … Erstmal will ich ein Bilderbuch schreiben und illustrieren, das habe ich bisher noch nie gemacht. Ich würde auch gerne mehr teilen mit meinen Lesern, da wären eigentlich kürzere Texte nicht schlecht oder das Portionieren in Kapitel – Charles Dickens hat seine Bücher schließlich auch als Fortsetzungsromane für eine Zeitung geschrieben. Da müssten die Leser nicht drei Jahre bis zum nächsten Band warten.

 

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