Dankesrede von Mathias Énard

"Wir sind nur Spaziergänger auf diesem Planeten"

Mathias Énard, der am Mittwochabend mit dem Leipziger Preis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet wurde, hat eine großartige Dankesrede gehalten, die das Publikum begeisterte und zugleich nachdenklich stimmte. Boersenblatt.net veröffentlicht sie vollständig im Wortlaut.

Mathias Énard

Mathias Énard © LBM / Stefan Hoyer

MATHIAS ENARD
Dankesrede anlässlich der Verleihung des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung


"Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Tillich,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Jung,
sehr geehrter Herr Riethmüller,
sehr geehrter Herr Buhl-Wagner,
sehr geehrter Herr Zille
liebe Frau Dakhli,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Gäste,

Ihnen allen möchte ich zuerst danke sagen – tausendfachen Dank für diese große Ehre. Auf den ersten Blick könnte man meinen, ein Autor schreibe Bücher. Er schreibt aber bestenfalls Texte. Zwischen dem Text, den ich schreibe, und dem Buch, das Sie in den Händen halten, liegt eine kleine Welt: Zunächst ein französischer Verlag, Actes Sud, und seine Mitarbeiter, dann die deutschen Übersetzer Sabine Müller und Holger Fock, ein deutscher Lektor, Delf Schmidt, ein Verlagshaus, Hanser Berlin, sein Verlagsleiter, Karsten Kredel, und seine Lektorin, Julia Graf. Ein Buch ist die Arbeit einer Mannschaft, das unterscheidet es vom Text. Zu einem Buch gehören ein Autor, ein Verlag und auch seine Leser – eine ganze Kette des Austauschs, des Teilens und Mitteilens. Ein Austausch, der den Text verlängert, seinen Inhalt, seine Bedeutung in einen gegebenen Kontext einbettet: Ein großes Dankeschön auch an die Juroren, die in diesem "Kompass" ein Buch zur europäischen Verständigung erkannt haben. Und ganz herzlichen Dank an Doktor Leyla Dahkli für diese bewegende Laudatio – so bewegend, so berührend wie das Gefühl, hier auf der Bühne des Gewandhauses zu stehen, ein seltenes Gefühl für einen Schriftsteller, und so werden Sie mir die zitternde Stimme verzeihen. Danke für alles.

Meine Damen und Herren, es scheint so, als hätten die politischen Kommentatoren dieser Tage vergessen, wer Europa war. Und was Europa bedeutet. Europa war eine libanesische Prinzessin, die an einem Strand bei Sidon von einem Gott des Nordens entführt wurde, der sie begehrte: Zeus. Europa, Tochter König Agenors, hat nie einen Fuß auf unsere Landstriche gesetzt; Europa hat ihr Leben im südöstlichen Mittelmeerraum zwischen Phönizien und Kreta verbracht. Europa ist eine illegale Einwanderin, eine Ausländerin, eine Kriegsbeute. Ihre Geschichte ist eine Mittelmeergeschichte, eine Geschichte von Begehren und Eroberung. Diese Metapher für die Geschichte Europas lehrt uns vieles. Wir tragen ihren Namen. Europa ist begehrenswert. Europa ist orientalisch. Zeus der Kolonisator nähert sich ihr maskiert, als Stier verkleidet, kraftvoll und schön. Er raubt sie, durch seine List gelangt sie unter die Herrschaft des Nordens. Europas Sohn, Sarpedon, wird an der Seite der Troier kämpfen, auf Seiten des Orients. Sein lebloser Körper wird von Apollon während der Schlacht geborgen und den Zwillingen Hypnos und Thanatos, Schlaf und Tod, anvertraut.

Leider vergessen wir diese Erzählungen viel zu oft, wir vergessen, dass Europa, die Königstochter, an den südöstlichen Ufern des Mittelmeers geboren wurde. Dass der Mittelmeerraum, der kulturelle und sprachliche Raum, den seine Ufer bilden, ein äußerst lebendiger und wichtiger Teil unserer Geschichte ist, und dass Europa, wenn es diesen Teil vergisst und sich eine ausschließende Identität schafft, wie man sich in einen Mantel der Einbildung hüllt, sich selbst zu einer Art Einsamkeit verdammt. Eine Festung wider Willen.

In "Kompass" habe ich versucht, von Neuem ein wenig Licht auf den östlichen Teil der Geschichte der europäischen Kultur zu werfen, besonders in der Literatur und in der Musik. Als beispielsweise Stendhal 1820 "Über die Liebe" schreibt, zitiert er nicht nur ausgiebig aus "Tausendundeiner Nacht", sondern auch aus dem "Diwan as-Sababah" des Ibn Abi Hajala, dem er eine kleine Geschichte entnimmt, die später Heinrich Heine bei Stendhal liest und von der er sich zu seinem Gedicht "Der Asra" anregen lässt. Um 1900 wird dieses Gedicht wiederum ins Bosnische übersetzt, dann vertont und in einer herrlichen "Sevdalinka" gesungen; so schließt sich der Kreis einer langen dichterischen Übermittlung von Ost nach West und wieder von West nach Ost.

Ein anderes Beispiel für diesen Austausch findet man bei Louis Aragon. Der große französische Dichter, nimmt die Worte eines arabischen Dichters auf, der verrückt war vor Liebe, Qais bin al-Mulawwah, genannt Madschnun Laila, der von Laila Besessene, und er malt sie sich in Granada, wo er zum Sterben verliebt ist, ganz wie sein Vorbild, zu einer absoluten Liebe aus – so sehr, dass er herrliche arabische Verse auf Französisch dichtet. Oder auch Cervantes, der große, der einzigartige Cervantes, der Erfinder des Romans, der behauptet, die Geschichte des Don Quijote sei in Wirklichkeit das Werk eines Arabers von der Mancha, Cide Hamete Benengeli, und der damit zugleich dem europäischen Roman einen arabischen Vorfahren gibt. So könnte man endlos weitere Beispiele anführen für die kleinen Bäche der östlichen Kulturen, die sich durch ganz Europa ziehen und die europäischen Kulturen bewässern. Für den Anteil der Königstochter Europa aus Sidon – das Andere in uns.

Manche Menschen suchen heute genau das Gegenteil, das heißt, sie wollen zu einer schimärischen Reinheit finden oder zurückfinden und sich über ihr verschließen wie eine Auster. Heute zerstören die Verheerungen des Krieges die Ufer der Königstochter – Syrien steht in Flammen. Wir haben Syrien aufgegeben, es wie einst den Libanon oder Bosnien der Zerstörung und dem Schmerz überlassen. Die Europäer sind oft traurige Zuschauer. Sie sollten trotzdem nicht vergessen, dass jenes Europa, das sich den Namen der geraubten Orientalin angeeignet hat, ursprünglich der Errichtung des Friedens diente, und dass Frieden Mut und Überzeugung verlangt. Lernen wir denn nie etwas aus den Massakern? Niemals? Ziehen wir keine Konsequenzen aus der Zerstörung dieses Landes, aus den Hunderttausenden von Toten, den Millionen von Flüchtlingen? Können wir den Frieden nur auf einem so begrenzten Geviert sichern, dass er weder die Ukraine, noch die Türkei, den Sudan oder Mali einschließt? Können wir nicht anders für Sicherheit sorgen als durch Vorherrschaft und Imperialismus?

Ich habe "Kompass" im Zeichen der Hoffnung geschrieben, indem ich mich auf das Axiom der Hoffnung gestützt habe. Das Prinzip Hoffnung. Welche Hoffnung kann man jenem sehr finsteren Prinzip eines Menschen entgegensetzen, der sich und seinesgleichen umbringt für das Versprechen, ins Paradies zu kommen? Welche Hoffnung können wir gegenüber der göttlichen Unendlichkeit in die Waagschale werfen? Anscheinend funktionieren die Hoffnung auf Demokratie und die Sehnsucht nach wirtschaftlichem Aufschwung nicht mehr bei den Ausgeschlossenen auf dieser Welt, bei den Ausgesperrten, den Menschen, die die Globalisierung von unten betrachten, wie man ein Flugzeug vorüberfliegen sieht – für sie fliegen diese Flugzeuge durch die Wolken der Verschwörung. Sie sehen auf dem Planeten ein ungeheures Ränkespiel, dem man sich nicht entziehen kann, eine weltumspannende Verschwörung, als deren Opfer sie sich fühlen und vor der nur ein gewaltsamer Tod sie retten kann. Und selbst jenseits dieser selbstzerstörerischen Illusion, dieser Blindheit im Selbst, stößt man überall auf dieses Gefühl der Verlassenheit angesichts des Getöses der Welt: in Deutschland, in Frankreich, in Russland, in der Türkei. Überall bildet die sprachliche Gewalt gegen das Andere, gegen die Differenz, ein illusorisches Refugium gegen die Veränderung der Welt. Ein morbides Refugium, ein Refugium, das zu Gewalt und Abschottung neigt.

Welche Hoffnung kann man dem entgegensetzen? Welches Heilmittel anwenden, welche Vorschläge machen? Eine vielleicht bescheidene Hoffnung ist die auf das Wissen, auf eine Erotik des Wissens (in dem Sinn, wie man von einer Poetik des Wissens gesprochen hat): darauf, dass sich das Begehren nach Wissen immer mehr ausbreitet, und darauf, dieses Begehren mit anderen zu teilen. Die Neugier als Motor der Welt, die Neugier, das Wissen, die Künste und die Literatur als die Dinge, die wir teilen. Wir haben keine starr festgelegten Identitäten, wir sind nur Spaziergänger auf diesem Planeten. Und wenn nichts feststeht, wenn alles im Fluss ist und sich bewegt, dann bilden wir uns selbst fortwährend neu; wir verwandeln uns fortwährend in der Begegnung mit dem Anderen, jenem Anderen, das wir unsererseits in einer fruchtbaren Aporie fortwährend verändern.

"Timeo hominem unius libri", ich fürchte den Leser eines einzigen Buches, soll Thomas von Aquin gesagt haben, oder war es Augustinus von Hippo Regio (der, nur zur Erinnerung, Algerier war)? Ich fürchte den Leser eines einzigen Buches, denn er ist vielleicht unwissend, das Kind einer einzigen Lektüre. Ich fürchte den Leser eines einzigen Buches, denn er kennt dieses vielleicht so gut, dass es schwierig ist, ihm zu widersprechen … Setzen wir dem Leser eines einzigen Buches die unzähligen Sprachen entgegen, die endlos vielen Erzählungen. Setzen wir der identitären Erstarrung die Wandelbarkeit des Wissens entgegen. Setzen wir der Unbeweglichkeit des Hasses die unendliche Hoffnung auf die Sonne der Erkenntnis entgegen.

Vielen Dank.

Die Rede wurde von Holger Fock und Sabine Müller aus dem Französischen übersetzt. Das Übersetzer-Paar hat auch Mathias Énards Roman "Kompass" (Hanser Berlin) ins Deutsche übertragen.

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