Deutscher Jugenditeraturpreis

Bienen, Gerüche und leere Seiten

"Ich habe immer ein bisschen Angst, ob ich nicht einen wichtigen Titel vergessen habe", meinte Juryvorsitzende Birgit Müller-Bardorff im vollbesetzten Saal Harmonie auf der Frankfurter Buchmesse. Mehr als 600 Titel prüften die Juroren und kürten folgende Titel:

Gudrun Pausewang

Gudrun Pausewang © picture-alliance

In der Kategorie Bilderbuch gewann Isabel Minhós Martins und Bernardo P. Carvalhos "Hier kommt keiner durch!" (Klett Kinderbuch). "Vielleicht mag es seltsam erscheinen, ein Bilderbuch auszuzeichnen, das auch leere Seiten enthält - aber die Seite ist im Falz die inhaltliche Grenze; es lässt sich viel entdecken, auch lernen, dass man blindem Gehorsam nie trauen sollte", so Juryvorsitzende Birgit Müller-Bardorff.

In der Kategorie Kinderbuch siegte Jakob Wegelius' mit "Sally Jones - Mord ohne Leiche" (Gerstenberg).  Der schwedische Autor und Illustrator konnte leider nicht anwesend sein. "Der Titel spielt in einer Erwachsenenwelt, und es spannt einen großen erzählerischen Bogen über 600 Seiten, und die Jury ist überzeugt, dass das Buch das Zeug zum Klassiker hat."

Autorin Bonnie-Sue Hitchcock (l) aus Alaska (USA) und die Übersetzerin Sonja Finck

Autorin Bonnie-Sue Hitchcock (l) aus Alaska (USA) und die Übersetzerin Sonja Finck © picture-alliance

In der Kategorie Jugendbuch hat Bonnie-Sue Hitchcocks "Der Geruch von Häusern anderer Leute" (Königskinder) den Deutschen Jugendliteraturpreis gewonnen. "I'm really surprized", war Hitchcock baff überrascht, der Geruch der Häuser sage doch einiges aus über deren Bewohner. Die Übersetzerin dankte Barbara König von den Königskindern für ihren Einsatz, was der 1500 Gäste fassende Saal Harmonie im Congress Center mit großem Applaus quitiierte. "Das Buch spiegelt ein Land in einer politischen und kulturellen Umbruchsituation, als 1917 Alaska Bundestaat der USA wird. Hitchcock beschreibt unglaublich poetisch die Landschaft, die auch Seelenlandschaft ist, atmosphärisch dicht, unheimlich fesselnd."

Der polnische Autor und Illustrator Pjotr Socha (r) und der Übersetzer Thomas Weiler

Der polnische Autor und Illustrator Pjotr Socha (r) und der Übersetzer Thomas Weiler © picture-alliance

In der Kategorie Sachbuch gewann Piotr Sochas "Bienen" (Gerstenberg). "Mein Vater war 40 Jahre Imker, er sagte nicht viel, aber ich lernte viel von ihm über Bienen. Vor zwei Jahren sind Vaters Bienenvölker weggeflogen, aber ich habe ihm gesagt: Sei nicht traurig, inzwischen fliegen meine Bienen als Buchform über all in der Welt herum - es gibt schon Lizenzen in 16 Ländern." "Prächtig gestaltet, inhaltlich vielfältig, kulturhistorisch großartig, fiktive Zeitungsmeldungen zeigen einen kreativen Ansatz - eine Enzyklopädie für die ganze Familie, die Staunen macht über die winzigen Lebewesen - und es ist ein witziges Buch, über das man wunderbar lachen kann."

Jugendjury kürt "Nur drei Worte"

Die aus mehreren Jugendleseclubs bestehende Jugendjury entschied sich für ein hochaktuelles Thema: Becky Albertallis Coming-Out-Roman "Nur drei Worte" (Carlsen), der sich um die Identität, um Homo, Hetero und Bi dreht", wie Moderatorin Vivian Perkovic es auf den Punkt brachte. "Wir beschäftigen uns gerade im Ministerium sehr intensiv mit dem Thema sexuelle Orientierung und Geschlechteridentität, und es ja erst wenige Wochen her, dass es in Deutschland die gleichgeschlechtliche Ehe gibt", sagte Bundesministerin Barley. "Es ist interessant, dass Homo-, Hetero- und Bi-Jungs und Mädchen alle genau dieselben Probleme haben", meinte Übersetzer Ingo Herzke.

Der neue Preis für die neuen Talente

Eine Kategorie hatte heute Premiere: die der jungen Talente. "Wir hatten viele Bücher zu bewerten, aber was kann jemand gut? Was macht ein erstes Buch besonders, wo gibt es ein Funkeln in der Gesamtproduktion? Das haben wir bei Mario Feslers "Lizzy Carbon und der Klub der Verlierer" (Magellan) gesehen", begründete der Vorsitzende der Sonderjury, Ralf Schweikart.

Bundesfamilienministerin Katarina Barley überreicht Autorin Gudrun Pausewang die Preisskulptur Momo

Bundesfamilienministerin Katarina Barley überreicht Autorin Gudrun Pausewang die Preisskulptur Momo © picture-alliance

Sonderpreis für Gesamtwerk

Der Sonderpreis für das Gesamtwerk geht an die Schriftstellerin Gudrun Pausewang. Spontan erhob sich der gesamte Saal als sichtbares Zeichen der Ehrung, als Pausewang zur Dankesrede schritt. Zuvor hatte Ralf Schweikart in seiner Laudatio betont: "Selten war eine Jugenditeratur so wirkmächtig wie Ihre". Pausewangs Antwort auf die Frage "Warum schreiben Sie?" sei heute so aktuell wie 2011, als sie in einem Gastbeitrag zur Atomkatastrophe von Fukushima gesagt habe: „Ich möchte mich nicht von meinen Enkeln und Urenkeln fragen lassen "Und du? Warum hast du nichts dagegen getan?" Ich möchte ihnen antworten können: "Im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten habe ich versucht, etwas gegen die Gefahren unserer Zeit zu tun!"

Pausewang habe nicht nur versucht, etwas gegen die Gefahren unserer Zeit zu tun. "Sie haben Generationen von jungen Leserinnen und Lesern erreicht und viele von ihnen dazu bewegt, sich aktiv einzusetzen", so Ralf Schweikart. Pausewangs Möglichkeiten seien jedoch alles andere als bescheiden gewesen, sondern mehr als ausreichend für ein äußerst vielfältiges Gesamtwerk von über 100 Titeln, für Erwachsene wie für Kinder und Jugendliche.

"Schon mit Ihrem ersten Buch, dass 1959 erschien, haben Sie das Private politisch und das Politische literarisch gemacht. Sie arbeiteten damals als Lehrerin in Chile und schrieben über die Menschen und die von sozialer Ungerechtigkeit geprägten Verhältnisse vor Ort. Das Elend der Slums in Südamerika hat Sie nicht losgelassen und im Laufe der Jahrzehnte zu einer ganzen Reihe von Büchern für Kinder und Jugendliche geführt, stellvertretend genannt seien „Die Not der Familie Caldera“, das im Jahr 1978 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert wurde, und „Das Tor zum Garten der Zambranos“ (1988) zehn Jahre später.

Das Private führte Sie übers Politische weiter zum Autobiografischen. Ein Schlüsselthema für Ihr Schaffen ist Ihre Auseinandersetzung mit der NS-Zeit. Sie haben nie verschwiegen, zur Nationalsozialistin erzogen worden zu sein. Mit den Erfahrungen der Flucht und der Aufarbeitung in der Nachkriegszeit haben Sie erkannt, wie sehr Sie damals missbraucht wurden und wie wichtig dem gegenüber eine Erziehung zu Freiheit und Demokratie ist  – und welchen Stellenwert Literatur dabei haben kann. Die Auseinandersetzung mit jener finsteren Zeit hat einige Ihrer beeindruckendsten Bücher hervorgebracht. Ihre Familiengeschichte haben Sie in der „Rosinkawiesen“-Trilogie von 1980 an detailliert nachgezeichnet."  Daneben stünden viele Erzählungen und Kurzgeschichten. Äußerst schmerzhaft in seinem Realismus sei die genaue Beschreibung einer Deportation in „Reise im August“ von 1992. Diese und noch viele weitere Titel seien mit einer klaren Botschaft verbunden, die Pausewang mit dem Holocaust-Überlebenden Max Mannheimer verbinde. "Er hat in seinen Vorträgen vor Schülerinnen und Schülern mit folgenden Sätzen zum Handeln ermutigt: „Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon!“

Und manchmal sind wir auch verantwortlich dafür, dass etwas nicht geschieht", so Schweikart. "Wie ein Reaktorunfall mitten in Deutschland, den Sie in ihrem auch international bekanntesten Jugendbuch „Die Wolke“ beschrieben haben. Wobei Ihr Augenmerk – im Gegensatz zu dem Ihrer Kritiker – weniger auf der Katastrophe selbst liegt als auf den darauffolgenden Auflösungserscheinungen von Mitgefühl und Menschlichkeit. Selten war Jugendliteratur so wirkmächtig und nachhaltig wie in diesem Fall, trotz aller Anfeindungen auch aus parteipolitischen Kreisen. Und wir alle sind verantwortlich dafür, dass keine rechtsextremen Strömungen die Oberhand in unserem Land gewinnen, wie Sie es bereits 1993 in der Dystopie „Der Schlund“ beschrieben haben. Ein Buch, das bis heute nichts von seiner Brisanz verloren hat, wo mehr und mehr nationale Abschottung und billiger Populismus nicht nur in Deutschland die politische Diskussion bestimmen."

Der deutsche Jugendliteraturpreis zeichne mit diesem Sonderpreis eine "die deutschsprachige Kinder- und Jugendliteratur seit Jahrzehnten prägende Autorin aus, die von Beginn an ihre Hoffnung auf eine friedlichere und gerechtere Welt in Worte und Geschichten gekleidet hat – und sich damit positiv gemein gemacht hat mit ihren Leserinnen und Lesern jeden Alters. Sie sind nie Moden oder Trends gefolgt, sondern haben immer aus tiefster Überzeugung geschrieben und erzählt, bis heute."

Lesen und Verlegen heißt auch Flagge zeigen

"Schauen wir uns das Plakat zum Jugendliteraturpreis 2017 näher an: ein Boot aus Büchern, vielleicht auch ein Floß, das an die Flüchtlingsthematik erinnert, die in den Titeln zum Ausdruck kommt. Es erinnert daran, mit Büchern gegen den Strom zu schwimmen, auch Flagge zu zeigen. Die Liebe zu Büchern ist es, die uns alle hier im Saal zusammenkommenlässt", begrüßte Alexandra Ritter, stellvertretende Vorsitzende des Arbeitskreises für Jugendliteratur AKJ. "Das Kinderbuch spielt eine universelle Sprache, sie sind völkerverbindend", betonte auch Hendrik Hellegen, der im Namen der Frankfurter Buchmesse begrüßte.

Börsenvereinsvorsteher Heinrich Riethmüller freute sich, drei der Finalisten zum Vorlesewettbewerb des deutschen Buchhandels bei sich zu haben - "sie sind drei der besten Vorleser Deutschlands - und sie sind auch Literaturvermittler im besten Sinne. Gerade bei Kindern, in deren Familien nicht zu Hause vorgelesen wird, sind es die ersten Berührungspunkte mit dem Lesen, mit dem Buch."

Bundesfamilienministerin Katarina Barley dankte den Verlagen für ihren Einsatz. "Wer nur die Bücher die liest, die alle lesen, kann auch nur das denken, was alle denken", zitierte die Bundesfamilienministerin  Haruki Murakami. Die Kinder- und Jugendliteratur animiere zum Lesen, sei sehr anspruchsvoll, "sie trägt zur Bildung der Persönlichkeit bei."

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1 Kommentar/e

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  • Doris Müller-Höreth

    Doris Müller-Höreth

    großartig, dass die "Bienen" und "Sally Jones" gewonnen haben! Meine absoluten Favoriten!

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