Die Sonntagsfrage

"Wie hält man einen Traditionsverlag wie Zsolnay lebendig, Herr Ohrlinger?"

1996 erwarb Hanser mit dem Paul Zsolnay Verlag den traditionsreichsten österreichischen Literaturverlag und beschloss, ihn als eigenständige GmbH in Wien weiterzuführen. Zum Programm- und später Verlagsleiter machte Hanser den damals 34-jährigen Literaturkritiker der Tageszeitung "Die Presse", Herbert Ohrlinger. In der Sonntagsfrage erklärt Ohrlinger, wie der 1923/24 gegründete Verlag funktioniert und was ihn jung hält.

Zsolnay-Chef Herbert Ohrlinger

Zsolnay-Chef Herbert Ohrlinger © Heribert Corn/ Zsolnay

Seit mehr als 90 Jahren hat der Verlag seinen Sitz in der Wiener Prinz-Eugen-Straße zwischen der Ringstraße und dem Belvedere. Franz Werfel, mit dessen "Verdi"-Roman alles begann, und Max Brod, Heinrich Mann, Arthur Schnitzler und Alma Mahler, später dann Graham Greene, John le Carré und bis vor kurzem Henning Mankell gingen hier ein und aus. Das ist schon etwas Besonderes, und manchmal - im Archiv, im Lager, auch im Salon, der uns heute als Besprechungszimmer dient - glaubt man, diese Weltläufigkeiten über die Zeiten zu spüren.

Nach mehreren Eigentümerwechseln war 1996 nicht mehr viel übrig vom einstigen Glanz. Wir mussten rasch überlegen, wie wir den Verlag positionieren, auch intern gegenüber Hanser. Das Konzept war dem, das Paul Zsolnay bei der Gründung vertreten hat, nicht unähnlich: internationale Belletristik, Stimmen aus dem süd- und südosteuropäischen Raum, mitteleuropäische Kultur- und Geistesgeschichte sowie, besonders wichtig, heimische Autoren, die auch politisch etwas zu sagen haben. Vergessen Sie nicht, die nationalistische und offen fremdenfeindliche FPÖ unter Jörg Haider hatte schon damals massiven Zulauf.

Für besonders wichtig halte ich es, Schriftsteller zu entdecken und im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen, die uns sowohl die kulturelle als auch die politische Vielfalt Europas vor Augen führen und den bisweilen sehr auf Deutschland konzentrierten Blick erweitern. Die literarische, nein, die ganze Welt wäre ärmer ohne Mircea Cartarescus "Orbitor"-Trilogie, oder denken Sie an Emir Suljagics "Srebrenica - Notizen aus der Hölle", der einzige Bericht eines Zeugen des größten Massakers in Europa  nach 1945.

Gerade habe ich ein veritables Mammutprojekt ins Haus geholt, einen mehr als 1000-seitigen Roman aus Russland, der das ganze 20. Jahrhundert und mehr enthält, von der gescheiterten Revolution von 1905 bis herauf zu Putin. Ein enormes Opus, ein unheimliches Stück Prosa, kraftvoll, erinnerungssatt, gedankenreich. Darüber hinaus suche ich deutschsprachige Schriftstellerinnen und -steller, die nicht sich nicht allein mit sich selbst beschäftigen, sondern etwas zu sagen haben über die Welt, in der sie leben. Und dann hoffe ich, dass die in Arbeit befindlichen Biographien über Karl Kraus, Joseph Roth und Ivo Andric zu einem glücklichen Ende kommen.

Wie Zsolnay wirtschaftlich dasteht? Selbst in den überaus erfolgreichen Mankell/Wallander-Jahren haben wir immer das Augenmaß behalten. Das heißt wir haben weder Programmteile unverhältnismäßig ausgebaut, noch sind bei uns die Vorauszahlungen und die Marketingaufwendungen durch die Decke gegangen. Lassen Sie es mich so formulieren: Der Paul Zsolnay Verlag steht auf einer soliden Basis. Gemeinsam mit unserem Imprint Deuticke sind zur Zeit zirka 700 Titel lieferbar, pro Jahr erscheinen durchschnittlich 35 neue.

Ich habe immer wieder mal daran gedacht, etwas anderes zu tun, soviel Phantasie habe ich mir auch nach fast 30 Jahren im Betrieb, davon 20 bei Zsolnay, bewahrt. Etwas Herausfordernderes, manchmal einem Hochgefühl, dann wieder dem Verzweifeln Nahes, Erfüllenderes als das Verlegen von Literatur, von aktuellen Sachbüchern, politischen Essays usw. ist mir aber noch nicht untergekommen. Nichts ist vergleichbar mit der Freude an einem gelungenen Text. Deshalb ist mir das Lesen nach wie vor am wichtigsten, einerlei, ob es sich dabei um Neues oder um Wiederentdecktes handelt. Was mir nicht abginge, das sind die Phrasen, mit denen jahrein, jahraus irgendwelche kleinen Lichter als leuchtende Sterne angepriesen werden. Am schlimmsten daran ist, dass viele Redakteure und Schreiber in einst seriösen Feuilletons diesem Gezwitscher folgen und dabei nicht merken wollen, dass sie sich selbst abschaffen.

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