Die Sonntagsfrage

Weshalb bleibt große US-Literatur in Deutschland mitunter unbeachtet?

Große US-Literatur geht auch hierzulande meistens gut – doch nicht immer. Martin Hielscher, Programmleiter Belletristik bei C.H. Beck, schildert einen spektakulären Fall von ausgebliebener Resonanz und sucht nach Antworten.

In der Regel wird große US-Literatur, weltweit immer noch die Hegemonial-Literatur, die fast überall die Märkte beherrscht und nicht selten die Aufmerksamkeit der Literaturkritik dominiert, zügig und breit besprochen und beachtet und gut verkauft. Das gilt für die Unterhaltungsliteratur wie für Hochliteratur, wobei ja gerade die anglo-amerikanische Literatur zeigt, dass es lauter fließende Übergänge zwischen U und E gibt: Was die Poetologie zukünftiger Prosa anbelangt, ein besonders interessantes Thema.

Noch nie aber habe ich so etwas erlebt wie mit Anthony Doerrs Roman „Alles Licht, das wir nicht sehen“ (All the Light we cannot see), der gerade mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet worden und bereits im Herbst 2014 auf Deutsch bei C.H.Beck erschienen ist. Im Frühjahr erfolgte im Literaturprogramm des Verlags eine trotzige Sonderausgabe, auch die bislang, was die Kritik in den Printmedien anbelangt, weitgehend resonanzlos. Eine größere Diskrepanz zwischen dem Erfolg in den USA und vielen anderen Ländern (der Roman ist in 38 Länder verkauft) mit einer bisherigen Gesamtauflage von 1,7 Mio. Exemplaren und der völligen Nicht-Beachtung im deutschsprachigen Hochfeuilleton habe ich in meiner 23jährigen Lektorenlaufbahn noch nicht kennengelernt.

Woran kann das gelegen haben? Einschränkend muss man sagen, dass die Buchhändlerinnen und Buchhändler, die diesen Autor bereits aus zwei früheren Veröffentlichungen im Beck-Literaturprogramm kannten, seine Bücher lieben und „Alles Licht, das wir nicht sehen“ auch so 20.000-mal verkauft haben. Auch auf den entsprechenden Internetplattformen sieht die Welt anders aus, hier gibt es eine intensive Leserdiskussion und emphatische Kommentare. Aber natürlich hat dieses Buch mehr Beachtung verdient.

Anthony Doerrs Roman, den Barack Obama zu Weihnachten verschenkte, erzählt eine Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg, die Begegnung zwischen einem blinden französischen Mädchen und einem jungen deutschen Wehrmachtssoldaten, einem Waisenjungen aus dem Ruhrgebiet, beides fast noch Kinder. Er spart die Schrecken des Krieges und des Holocaust nicht aus und erzählt doch auch noch eine ganz andere Geschichte. Dabei spielt das Radio, für die damalige Kriegsführung eine wichtige Technologie, eine vielfältige und entscheidende Rolle. In ihren Ausläufern reicht Doerrs Geschichte bis in das Jahr 2014. Der Roman hat 518 Seiten, aber raffiniert, wie er konstruiert, und spannend und wunderschön, wie er geschrieben ist, liest man gefühlte 200 Seiten und bleibt am Ball.

Was ist passiert? Vielleicht war man des Kriegsthemas überdrüssig, zumal im Jahre 2014 das Gedenken an den Ausbruch des 1. Weltkriegs unsere Aufmerksamkeit mitunter strapazierte? Darf ein amerikanischer Autor vielleicht gerade nicht eine deutsche Hauptfigur haben, noch dazu einen deutschen Soldaten? Für uns im Verlag ist das Schicksal dieses Buches rätselhaft geblieben. Was am meisten irritiert, ist die Geschlossenheit dabei, jedenfalls im Feuilleton.

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7 Kommentar/e

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  • Martin Gaiser

    Martin Gaiser

    Lieber Martin Hielscher, das ist eine interessante Beobachtung, die Sie da machen. Spontan war mein erster Gedanke, dass C.H. Beck möglicherweise nicht in dem Maße als "erste Adresse" für die große amerikanische Gegenwartsliteratur bei der Kritik verankert ist, wie das ganz sicher bei Rowohlt, S. Fischer, KiWi der Fall ist (McCarthy, Franzen, Auster, Hustvedt, Wallace, Eggers etc.). Lag es an der Werbung, an der Pressearbeit? Wurde die große Begeisterung im Verlag in gleicher Weise auf diesen Feldern transportiert? Auch ich kenne einige Leserinnen und Leser, die den Roman überragend finden, am Inhalt kann es nicht liegen, da gebe ich Ihnen recht. Hat man Ihnen und Ihrem Verlag eine solch literarische Sensation vielleicht nicht zugetraut? Haben Sie im Verlag vielleicht selbst nicht damit gerechnet, dass sein Potenzial so immens ist? DIe um lediglich drei Euro günstigere Sonderausgabe hat im Buchhandel ja eher irritiert, eine Broschur für € 15.- wäre da sicher ein wirksameres Signal gewesen.
    Mit dem Pulitzer-Preis im Rücken müsste dem Buch nun ja die gebührende Aufmerksamkeit zuteil werden. Ich wünsche es Ihnen und gratuliere nachträglich.

  • Annegret Zimmermann

    Annegret Zimmermann

    Sehr geehrter Herr Hielscher,

    vielleicht vermag Sie mein kleiner Beitrag zu trösten. Auf 100 qm Buchhandlung habe ich seit Erscheinen dieses grandiosen Werkes 20 (!!) Exemplare - sehr zur Freude meines Beck-Vertreters Karl Halfpap - verkauft. Weil ich überzeugt bin, daß meine Kunden nicht ihr Leben mit der Lektüre von "Shades of Grey" und weiterem, leider zahlreich veröffentlichtem Unsinn verbringen sollen! Und dazu stehe ich nach 32 Jahren begeisterter UND überzeugender Arbeit im Buchhandel. Und wer mich beim Lesen dieses Kommentars nun arrogent schimpft, darf selbiges gerne tun.
    Weitermachen mit grandioser Literatur!!!

    Annegret Zimmermann, Buchhandlung Nettesheim, Wuppertal

  • Clemens Jesenitschnig

    Clemens Jesenitschnig

    Die These, dass hierzulande nicht akzeptiert würde, wenn ein US-amerikanischer Autor deutschen Protagonisten einführt, geht ins Leere, zumal in Zusammenhang mit der (Zweiten-)Weltkriegsthematik: Martin Zusak, Die Bücherdiebin. (Habe ich übrigens nach 100 Seiten weggelegt.)

  • Adam Jaromir

    Adam Jaromir

    Oje, Herr Hilscher, was soll ich als Autor dazu sagen? "Fräulein Esthers letzte Vorstellung" hat im deutschsprachigen Hochfeuilleton glänzende Beachtung gefunden, wurde 2014 mit dem Gustav-Heinemann-Friedenspreis auszgezeichnet und für den Dt. Jugendliteraturpreis nominiert, und hat sich dennoch nur ganze 2.000 Mal verkauft. Vielleicht, weil Obama / Merkel / Tutanchamun dieses Buch nicht verschenkt (geschweige denn gelesen) hat, oder vielleicht auch, weil sich mein klitzekleiner Verlag die Aufmerksamkeit nicht erkaufen kann und weder einer Sonntags- noch einer Montagsfrage wert ist. Ausgleichende Gerechtigkeit ... P.S. Liebe Frau Merkel, Sie können sich bei meinem Verlag ein paar Gratisxemplare abholen, um sie zum nächsten Fest der Liebe zu verschenken. Der Bus hält direkt vor unserer Tür...

  • Roland K. Ekdahl

    Roland K. Ekdahl

    Wenn das "Hochfeuilleton" - wie hier beklagt wird - ein Buch ignoriert, könnte dies damit zusammenhängen, dass das Buch nicht der Hochliteratur zuzurechnen ist, für die sich jenes Feuilleton primär zuständig fühlt, sondern dem Unterhaltungsschrifttum. Bei allem Respekt: Herrn Doerr mag ein glänzend konstruierter Schmöker gelungen sein, aber "große" Literatur ist das nicht. Und was die implizite Feuilleton-Schelte betrifft: Gibt es denn ein Pflicht, Bücher (vorzugsweise lobend) zu rezensieren --?

  • Micha Hasin

    Micha Hasin

    Mein Eindruck ist, dass hervorragende amerikanische oder generell englischsprachige (Höhenkamm-)Literatur in Deutschland nicht etwa ungelesen bleibt. Allerdings wird sie von einem immer größer werdenden Teil der Zielgruppe eben nicht mehr in Übersetzung, sondern im Original gelesen. Mittelfristig sehe ich daher einen stark verkleinerten Markt für die Übersetzung anspruchsvoller englischsprachiger Literatur, möglicherweise Lyrik ausgenommen, dann aber wohl nur noch in zweisprachigen Ausgaben.

  • adam jaromir

    adam jaromir

    Herr Hielscher, als Geste der Versöhnung mache ich Ihnen heute ein Geschenk. Ein Ratschlag: Betiteln Sie das Buch anders. Der deutsche Leser wird bei dem Wort "Licht" misstrauisch. Ich selbst würde das Buch nicht in die Hand nehmen, aus der blanken Angst heraus, es könnte sich um eine Fortsetzung von L. Ron Hubbards esoterischem Gefasel handeln...

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