E-Book-Festival 2016

Dem E-Book Flügel verleihen

Die »elektrische Lesenacht« im Rahmen des E-Book-Festivals 2016 bot ein regelrechtes Tableau an interessanten Themen. Im Stundentakt ging es von einer Metadatenlesung über »Datendada« bis zu einer digitalen Tagebuch-App. Zwei Themen machten Grundsätzliches deutlich: »Migration und Fiktion« und »Lyrik als Script«.

© Fabian Thomas

Gerade an diesen beiden thematischen Ausrichtungen ist beispielhaft abzulesen, wohin das E-Book führen kann, wenn man sich einmal aus den bestsellerorientierten Kindle-Charts-Fesseln löst: Im Falle der Migrations- und Flüchtlingsthemen drängen dezidiert politische Buchprojekte in das Format, im Bereich der Lyrik werden die Bedingungen des Schreibens, aber auch Lesens im digitalen Kontext völlig neu ausgelotet.

Mein Akku ist gleich leer

E-Book-Projekte wie »Auf See« aus dem Frohmann Verlag oder »Mein Akku ist gleich leer«, in Nikola Richters Verlag mikrotext erschienen, machen sich einen ganz einfachen Vorteil der Produktion zunutze: Die schnelle Reaktion auf politische Entwicklungen, die das E-Book zu einem veritablen Mittel der Intervention erhebt. Einen weiteren Vorteil nutzt das Projekt »Blogger für Flüchtlinge«, das auf einer breite Freiwilligen-Initiative fußte, die der Wunsch vereinte, in einzelnen Geschichten der Flüchtlingskrise ein menschliches Antlitz jenseits von abstrakten Schlagzeilen zu geben. Auch hier stand am Ende ein E-Book, das als virtueller Sammelband der Beitragenden fungierte.

Dichtung für die vernetzte Gesellschaft

Daneben stellen sich experimentierfreudige Projekte wie »Cloudpoesie – Dichtung für die vernetzte Gesellschaft«, ein kollektives Lesungs-, Performance- und Publikationsformat, das sich der Dichtung im digitalen Zeitalter widmet. Im November vergangenen Jahres wurden die Ergebnisse eines mehrtägigen Workshops, an dem unter anderem die LyrikerInnen Charlotte Warsen, Georg Leß und Andreas Bülhoff teilnahmen, im Berliner Theaterdiscounter präsentiert. Ziel war die Konfrontation der Schreibenden mit neuen Schreibweisen, der Möglichkeit, kollaborativ um- und überschreibend tätig zu werden und den Prozess in einer Performance unter Einbindung des Publikums vorzuführen und weiterzuspinnen. Dass dabei auch ein E-Book produziert wurde, erscheint fast nebensächlich – und doch ist hier gebündelt zu sehen, wie die oft noch in den sehr starren Konventionen des gedruckten Buchs erstarrte Form sich lösen kann, wenn man ihr digitale Flügel verleiht.

Dem Leser Flügel verleihen

Dem Leser »Flügel verleihen« will, um im Bild zu bleiben, das Verlagshaus Berlin mit dem hauseigenen Lyrikcode, der verspricht, mittels diakritischer Zeichen das Lesen von Lyrik im digitalen Format neu erlebbar zu machen. Stellte es bisher ein Grundproblem dar, den auf E-Book-Screens je nach eingestellter Schriftgröße wechselnden Zeilenumbruch zu bändigen (gerade bei Gedichten ist der Zeilenwechsel ja ein zentrales Element, denkt man etwa an die klassische Sonettform!), bietet der Lyrikcode eine verlässliche Notierung des Geschriebenen, so, wie es sich der Autor oder die Autorin gedacht hat.

Lenkt man den Blick auf Projekte, die die Möglichkeiten des Printformats übersteigen, zeigen sich die Stärken des digitalen Formats – hier kann sich das E-Book als ernstzunehmendes Medium beweisen, (angeblich) stagnierendem Umsatzwachstum zum Trotz.

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