Ein Übersetzerteam für Marlon James' Gangsterepos

Vielstimmig

Marlon James' jamaikanisches Gangster-Epos ist für Übersetzer eine harte Nuss. Das Lektorat von Heyne Hardcore fand die richtigen Spezialisten, um Vielstimmigkeit und Anspielungsreichtum des Originals zu erschließen. MICHAEL ROESLER-GRAICHEN

Marlon James

Marlon James © Felix Clay

Ein Buch voller Spannung, das die Genregrenzen sprengt: Das ist Marlon James' epischer Roman "Eine kurze Geschichte von sieben Morden" (Heyne Hardcore, März, 864 S., 27,99 Euro), für die der Autor als erster Jamaikaner 2015 den Man Booker Prize erhielt, die renommierteste Literaturauszeichnung der englischsprachigen Welt. Ausgangspunkt des polyphonen und komplexen Buchs in den Rasta­farben Gelb, Grün und Rot ist das Attentat auf die Reggae-Legende Bob Marley 1976. Die Handlung, die nicht nur auf der Rum-Insel spielt, sondern auch in Miami, New York und dem fiktiven Ghetto Copenhagen City, wird an fünf Tagen in 15 Jahren (bis 1991) erzählt – und dies aus einer Fülle unterschiedlichster Figurenperspektiven. Der Heyne Verlag, der die Übersetzungsrechte für sein Label Heyne Hardcore erworben hatte, stand nun vor der Frage, wie man dieses monumentale Buch auf Deutsch herausbringt, und dies in einer überschaubaren Zeit.

Oskar Rauch

Oskar Rauch © Tanja Plodek

Heyne-Lektor Oskar Rauch stellte ein Team kundiger, teilweise auch selbst schreibender Übersetzer zusammen: Guntrud Argo, ­Robert Brack, Michael Kellner, Stephan Kleiner und Kristian Lutze. Als Koordinator und Redakteur des Gesamtmanuskripts wurde zudem Kristof Kurz engagiert.

Die Verteilung der Übersetzer-Aufgaben konnte Rauch elegant regeln: "Die Romanhandlung wird aus der Sicht vieler Figuren erzählt, die jeweils über eine andere Sprache und ein Ausdrucksrepertoire verfügen. Jeder Übersetzer hat sich dann Lieblingsfiguren ausgesucht, die er übernehmen wollte."

Robert Brack

Robert Brack © Christian O. Bruch

Robert Brack, selbst erfahrener Krimiautor und Übersetzer unkonventioneller Bücher, tat dann den ersten Schritt und übersetzte den Anfang des Romans, um erst einmal ein Gefühl für die sprachlichen Besonderheiten zu bekommen. "Die Sprache des Originals orientiert sich sehr am Patois, der karibisch-englischen Kreolsprache Jamaikas«, sagt Brack. "Jede Figur hat ihren Sound und ihre biografischen Besonderheiten." Ein fast größeres Problem als die ­Figurensprache sei aber die Fülle an Anspielungen auf Popkultur, jamaikanische Politik und CIA-Aktivitäten gewesen, die in den Roman eingewoben sind und in immer wieder neuen Durchläufen enträtselt werden mussten. Um eine Anmutung des jamaikanischen Idioms ins Deutsche zu bringen, orientierten sich die Übersetzer vor allem am Rhythmus und an der beschädigten Grammatik des Originalidioms. "Die Figuren sprechen im Grunde eine kaputte Sprache", so Brack. Für jeden Protagonisten habe man ein eigenes Register gewählt, so Mitübersetzer ­Stephan Kleiner. Zwar werde überwiegend Gangstersprache gesprochen – doch es begegne einem auch in der Figur des John-John K ein Auftragskiller, der geschliffenes Englisch spricht.

Kristof Kurz, der Redakteur des Gesamtmanuskripts, hatte in den neun Monaten, die das Übersetzungsprojekt in Anspruch nahm, Herkulisches zu leisten: Er musste die Kapitelversionen speichern und immer wieder per E-Mail an das Übersetzerteam schicken, damit Revisionen eingearbeitet wurden und ein Glossar angelegt werden konnte. "Die ganze Kapitelfolge stand erst relativ spät fest", sagt Kurz. Noch ein paar Angleichungen waren notwendig, dann war das Manuskript fertig.

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2 Kommentar/e

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  • Frank Auerbach

    Frank Auerbach

    Respekt, Leute!! (Hab auch mit dem Übersetzerhandwerk zu tun.)

  • Werner Richter

    Werner Richter

    Klingt so, als ob die Akteure da einen Riesenspaß haben -- und der ist ja auch ein großer Teil dessen, was uns zum Übersetzen hinzieht bzw. dabei bleiben lässt. Aber die eine Frage muss gestellt werden, nämlich die, die Tanja Frank nach einer wirklich unterhaltamen Präsentation ihrer Arbeit an der deutschen Synchronfassung von "Bienvenue chez les Cht'ihs" gestellt wurde: Haben Sie denn für diese höchst kreative Mehrleistung extra bezahlt bekommen, denn auch wenn sie ganz offensichtlich großen Spaß gemacht hat, ist ja deutlich mehr Zeit als normal dabei verbraucht worden?
    (Mein Fliesenleger hat sich mal von mir erklären lassen, was ich so arbeite, und meinte nach meiner enthousiastischen Schilderung: "Ah, Akkordarbeit!")

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