Ein Preisvergleich von Joachim Bartholomae

Der Jury-Check

Wer den Buchhandlungspreis gewinnt, sollte die besten Bücher verkaufen, ist doch klar. Diese wiederum werden über den Deutschen Buchpreis definiert. Ein Gedankenexperiment von Joachim Bartholomae.

Joachim Bartholomae, Geschäftsführer des Männerschwarm Verlags in Hamburg

Joachim Bartholomae, Geschäftsführer des Männerschwarm Verlags in Hamburg © Ines Grande

Je schwieriger die Ertragssituation auf dem deutschen Buchmarkt sich gestaltet, desto wichtiger werden Preise, die, zumindest punktuell, finanziell für Entspannung sorgen. Aus diesem Grund kommt es vor allem darauf an, dass überhaupt Preise ausgeschüttet werden; aber weil es um Geld geht, wird gern darüber gestritten, ob ein aktueller Preisträger oder eine Preisträgerin diese Auszeichnung tatsächlich verdient. Indem 2015 erstmals ein Preis für die drei "besten" Buchhandlungen ausgelobt und verliehen wurde, ergibt sich eine interessante Möglichkeit, die Arbeit von zwei Preis-Jurys aufeinander zu beziehen und so zu bewerten. Machen wir also den Jury-Check.

Der Deutsche Buchpreis wurde in diesem Jahr an Frank Witzel verliehen, für einen Roman, dessen Titel durch Erlaubnis des Autors als "Die Erfindung" abgekürzt werden darf. Den Deutschen Buchhandlungspreis (in der Kategorie mit einer Prämie von jeweils 25.000 Euro)  erhielten der Buchladen Artes ­Liberales in Heidelberg, Literatur Moths in München und die Buchhandlung Rote Zora in Merzig. Auf die Frage, woran die Qualität einer Sortimentsbuchhandlung zu messen ist, gibt es eine ganz einfache Antwort: am Sortiment.

Eine gute Buchhändlerin (oder, falls es ihn noch gibt, einen guten Buchhändler) erkennt man daran, dass es ihr oder ihm gelingt, die fettesten Brocken aus dem überfüllten Teich der alljährlichen Buchproduktion herauszufischen, die Bücher, die sich wirklich zu lesen lohnen. Was sich wirklich lohnt, entscheidet seit zehn Jahren die Jury des Deutschen Buchpreises, es ist auf der Long- und Shortlist und schlussendlich am Preisträger abzulesen. Sie ahnen, worauf ich hinauswill: Beste Buchhandlung müsste also sein, wer schon vor der Bekanntgabe der Longlist die dort aufgeführten Bücher in überdurchschnittlicher Menge an die Leserschaft gebracht hat. Trifft das nicht zu, hat eine der Jurys Mist gebaut: Entweder sind auf der Longlist nicht die wichtigsten Neuerscheinungen verzeichnet, oder die Buchhandlungspreisträger wurden zu Unrecht ausgezeichnet, denn es ist ihnen nicht gelungen, das optimale Sortiment zusammenzustellen. Die Frage steht im Raum: Artes Liberales, Moths und Rote Zora, Hosen runter: Wie sieht es mit den Verkaufszahlen aus?

Zugegebenermaßen gibt es in diesem Experiment eine intervenierende Variable, das berühmte Salzkorn, das einen fatalen Einfluss auf das Ergebnis hat: und zwar die Leser. Was macht eine gute Sortimentsbuchhändlerin, die vom ersten Moment an wusste, Witzel verdient den Preis, deren Kunden das Buch aber partout nicht kaufen wollten? Kann man von ihr verlangen, ihr Engagement und die Renitenz der Kunden durch beglaubigte Erklärungen nachzuweisen? Oder muss man sagen: Eine Buchhändlerin, die die höchste Auszeichnung verdient, sollte in der Lage sein, ihren Kunden jederzeit alles zu verkaufen, was sie will?

Eine Beurteilung der Leistung von Preis-Jurys durch das Herstellen von Querverbindungen scheint leider auf wackligen Füßen zu stehen. Es hilft alles nichts: In 2016 brauchen wir einen Preis für die beste Buchmarkts-Jury. Ich stehe für die Jury zur Verfügung.

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