Elektronisches auf der Buchmesse

Schöner Digital

Digital ist besser, sangen einst Tocotronic. Aber auch schöner? Bislang eher nicht. Gestalterisch stecken E-Books, vom Cover bis zum Code, noch immer in den Kinderschuhen. Das soll anders werden, finden die Initiatoren des Deutschen E-Book-Awards. Auch die Stiftung Buchkunst möchte für digitale Produkte trommeln, die mehr als bloße Wiedergänger aus der Print-Welt sind. Ein kleiner Berliner Lyrikverlag testet derweil aus, was geht. VON NILS KAHLEFENDT

Der AKEP lud zur Diskussion ein © Nils Kahlefendt

Die Preisskulptur des E-Book-Award © Nils Kahlefendt

Mit neuen Kategorien nach Genres (Fiction, Nonfiction, Kinder und Jugend) einer teilweise veränderten Jury und an einem neuen Ort, dem Orbanism Space der Buchmesse, wurde der im letzten Jahr vom Blogger und Buchwissenschaftler Robert Goldschmidt initiierte Deutsche E-Book Award heuer zum zweiten Mal verliehen. Teilnahmeberechtigt waren Verlage, Agenturen und Selfpublisher aus dem deutschsprachigen Raum; bewertet wurde erneut nicht die inhaltliche Qualität der eingereichten Digitalprodukte, sondern die technische Umsetzung von Literatur im digitalen Raum. Folgende Titel hatten die Nase vorn:

Fiction

Elke Heinemann: "Nichts ist, wie es ist. Kriminalrondo" (Cividale Verlag). Das Fixed-Layout-EPUB überzeugte die Jury durch seine formal und gestalterisch ebenso innovative wie sperrige Herangehensweise an das digitale Neu-Denken eines klassischen Genres.

Nonfiction

"mBook – Das multimediale Schulbuch" (Institut für digitales Lernen/Universität Eichstädt). Die Webanwendung beinhaltet ein interaktives, individualisierbares Lern- und Arbeitsbuch für den gymnasialen Geschichtsunterricht und beeindruckte durch ihr pädagogisches Gesamtkonzept sowie den Pilotcharakter des konkreten Einsatzes im Schulunterricht. Juror Fabian Kern: "So kann die Digitalisierung endlich in der Schule ankommen."

Kinder und Jugend

Janosch: "Oh, wie schön ist Panama" (Mixtvision). Der Bilderbuch-Klassiker als iOS-App. Neben den liebevoll gestalteten Details überzeugte die Jury vor allem, dass sich die App-Version durch ihre Gestaltungselemente "so konsequent vom Print emanzipiert, wie das bisher kaum bei einer Kinderbuch-Umsetzung zu sehen war".

Die Preisträger © Nils Kahlefendt

Im letzten Jahr wie Phönix aus der Asche gestiegen, punktete der Deutsche E-Book Award dadurch, dass hier ein Kreis von Enthusiasten das Heft des Handelns einfach in die Hand genommen hatte: Ein Hallo-Wach-Ruf in die Branche, ohne sich in Endlos-Debatten über Modalitäten und Bewertungskriterien zu verlieren. Diesen Sympathie-Bonus kann der Preis auch im zweiten Jahr für sich verbuchen; heuer hatte man bei der Verleihung noch einmal deutlich gestrafft, bereits nach weniger als 45 Minuten konnten Preisträger, Jury und interessiertes Publikum mit San Miguel-Bier anstoßen und über neue Projekte fachsimpeln. Praktisch: Inzwischen lassen sich Infos zu Nominierten und Jury-Voten auch auf einer Website anschauen und nachlesen. Geschmackssache sind, wie immer in solchen Fällen, die ausgereichten Trophäen − aber das haben solche Pokale halt an sich. Und irgendwas zum Hochstemmen braucht’s wahrscheinlich.

Die Stiftung Buchkunst und das E-Book: Flirt oder große Liebe?

Lange bevor die E-Book-Award-Aktivisten im letzten Jahr ernst machten, stand auch bei der Stiftung Buchkunst die Frage im Raum: E-Books bei den "Schönsten"? Geht das – und wenn ja: wie? Letztlich soll der Wettbewerb die Qualität des gut gemachten Gebrauchsbuchs heben – beim E-Book ist hier ja reichlich Luft nach oben. Im Sommer hatten Stiftung und MVB zu einem Workshop rund um diesem Themenkomplex eingeladen; auf der Messe diskutierte MVB-Geschäftsführer Ronald Schild mit Katharina Hesse (Stiftung Buchkunst) und weiteren Teilnehmern noch einmal über Bedarf, Sinn und Machbarkeit eines solchen Vorhabens. 

Diskussionsrunde bei der Stiftung Buchkunst © Nils Kahlefendt

Abgesehen von der hübschen Frage, was überhaupt unter einem E-Book zu verstehen ist − eine Datenbank? Eine EPUB-Datei auf einer Verkaufsplattform? Eine verpackte Website? − kreisten wesentliche Teile des Workshops um mögliche Bewertungskriterien, die offenbar zu großen Teilen von den recht ausdifferenzierten Bewertungsbögen des Print-Wettbewerbs hergeleitet wurden:  Makro- oder Lesetypografie (angemessener Aufbau aller Bestandteile des E-Books, erkennbares durchgängiges Gestaltungsprinzip, angemessene Inszenierung; z.B. adäquate Einbindung von Multimedia u. a.), Mikrotypografie (Schriftwahl, Schriftmischung, Laufweiten, Zeilenabstände, Auszeichnungen, Gestaltung von Links, aber auch: Detailtypografie von Displays), Barrierefreiheit. Irgendwie reicht Schönheit vom Cover bis zum Code.

Und was wünschen sich die involvierten Hersteller und Gestalter von der Stiftung und einem künftig möglichen Wettbewerb? "Setzt auf Offenheit, lasst keine proprietären Standard zu. Und habt Mut zum Experiment!" – so formuliert etwa Guido Stemme (bureau23). Lena Wilts (Piper): "Oft stecken wir alle Leidenschaft ins Printprodukt und arbeiten dann noch schnell das E-Book ab. Es braucht einen Weg, die Begeisterung ins Digitale überschwappen zu lassen. Dabei könnte so ein Wettbewerb helfen." Andrea Nienhaus, u. a. für die Gestaltung der E-Books bei Mikrotext verantwortlich, hofft, dass die Stiftung am Thema dran bleibt – und dass ein Wettbewerb, wie immer auch ausgestaltet, schnell kommt. Ute Nöth (books+) regt Studentenwettbewerbe an. Und: "Zeichnet auch Hersteller aus, die Firmware produzieren, auf denen E-Books gelesen wird."

Der Mainzer Stemme, sowohl Teilnehmer des Workshops von Stiftung Buchkunst und MVB wie auch beratend ins Award-Siegerprojekt des Cividale Verlags involviert, sieht gute Chancen für ein Mit- und Nebeneinander beider Initiativen: "Beide haben ihre Prägung, ihren Fingerabdruck. Beide können die weitere Entwicklung des E-Books, das noch in den Kinderschuhen steckt, positiv begleiten. Es ist wichtig, bei Verlagen dafür zu werben, in die Entwicklung von digitalen Projekten zu investieren, die kein Abklatsch von Printprodukten sind."   

Die fragile Schönheit des Digitalen 

Auch in einer von Wiebke Ladwig moderierten Runde des AKEP drehte sich alles um die fragile Schönheit des Digitalen. Zu Gast waren Johannes CS Frank, Andrea Schmidt und Dominik Ziller, die Macher des auf deutschsprachige und internationale Lyrik spezialisierten Verlagshauses Berlin. Deren Edition ReVers wurde zuletzt bei der Kür der "Schönsten Bücher" ausgezeichnet. Unterstützt von einem Dienstleister aus Fernost waren die Berliner vor geraumer Zeit schon einmal ins E-Book-Feld ausgeschert – mit zweifelhaftem Ergebnis. Nun wollen sie Lyrik ins Digitale bringen – mit völlig neuem Konzept, ohne die Imitation der Print-Darstellung. Tiefere Einblicke in die Werkstatt gab es in Frankfurt noch nicht, nur so viel: Ihre neue Edition Binär soll zur Leipziger Buchmesse im März 2016 an den Start gehen.

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1 Kommentar/e

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  • Carolin Kram

    Carolin Kram

    Vielen Dank für diese schöne Zusammenfassung für die Daheimgebliebenen!

    Ich hege wenig Zweifel daran, dass - nicht zuletzt aufgrund der Aktivitäten der im Artikel genannten Damen und Herren - mit jeder Buchmesse die Vorurteile gegenüber digitalen Angeboten etwas abgebaut werden. Schön, dass die Branche nicht länger nur darüber diskutiert, <em>ob</em> etwas digital umgesetzt werden kann, sondern <em>wie</em> das geschehen soll.

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